? Hier wohnen sie und singen sie und ziehen ihre Kleinen groß . Und siehst Du - denselben Eindruck macht mir das Bild einer Familie wie die Raneggs ... ihr ganzes Glück , ihre ganze Würde ruht auf den Einrichtungen - « » Ich verstehe , « ergänzte Martha , » auf den Einrichtungen , die innen morsch sind und gegen die Du ankämpfen willst - « » Ja - und so ist mir dieses Ankämpfen erschwert . Wären schon alle Äste dürr , wäre statt der lieblichen Singvögel nur mehr ekles Gewürm auf dem Baum , da brauchte man nicht zu zögern mit dem Fällen ... wäre die Aristokratie durchaus verderbt und wären die Soldaten wilde Räuberseelen , wie viel leichter wäre es da , die Adelsprivilegien und den Militarismus abschaffen zu wollen ... Aber wenn man solche Familien sieht wie diese , deren ganzer Sinn auf den alten Traditionen ruht - wie das Vogelnest auf dem Ast - , deren Söhne mit Stolz und Freuden dienen , deren Töchter auch wieder bestimmt sind , auf dem Nebenast zu nisten - und dabei so holde , so makellose Geschöpfe sind , wie z.B. diese Ranegg-Mädchen ( ich gestehe , wäre ich frei , die Cajetane könnte es mir antun ... ) da vergeht einem die Lust , zerstörend - oder auch nur störend dreinzufahren und - « » Und « - fiel Sylvia ein - » man sagt dann dem Gärtner : Lassen wir ' s noch . Besonders , « fügte sie hinzu , » wenn man , wie wir eigentlich , zur selben Vogelgattung gehört . « XV An diesem Abend ging Sylvia in die Oper . Auf dem Zettel stand » Der Phrophet « und darin war Antons Flamme nicht beschäftigt . Sylvia pflegte nur die Opern zu besuchen , in denen jene nicht sang . Sie war allein in ihrer Loge ; ihr Mann hatte sie nur hergeleitet , dann aber , eine wichtige Sitzung vorschiebend , das Theater wieder verlassen ; für ihn gab es nichts Langweiligeres als musikalische Aufführungen , die nicht durch die Gegenwart seiner Schönen belebt waren . Sylvia gab sich dem Genusse des von Bühne und Orchester strömenden Wohllauts hin . Ein schwermütiger Genuß , denn sie fühlte sich zugleich unglücklich - einfach unglücklich . » Nur wer die Sehnsucht kennt , weiß , was ich leide « ; das war der Grundton ihrer Stimmung . Sehnsucht - wonach ? Nach einem großen Erlebnis , nach - - sie wußte es selber nicht , aber ihre Existenz war so furchtbar öde ... Für immer gebunden an einen nicht mehr geliebten Mann , der sie noch dazu in stadtbekannter Weise betrog ... Warum war es ihr nicht beschieden gewesen , einen Gatten zu finden , mit so weitem geistigen Horizont , mit so tiefem Gemüt , wie z.B. ihr Bruder - oder begabt mit einer schöpferischen Feuerseele , wie - ach nein , es ist besser , an Hugo nicht zu denken . Der Mann könnte ihr gefährlich werden ... Das fehlte noch , daß sie sich verliebte ... Der Vorhang war über dem ersten Akt gefallen . Der Saal erhellte sich . Nach einer Weile ging die Logentür auf : es war Bresser . An einer heißen Beklemmung , die ihr Atem und Stimme raubte , sodaß sie die Begrüßung ihres Besuchers nur mit einer stummen Gebärde erwidern konnte , wurde Sylvia gewahr , daß die vorhin in Gedanken aufgetauchte Gefahr , daß sie sich verlieben könnte , schon näher war , als sie geglaubt . Mit der Fächerspitze deutete sie auf einen Sessel . Dankend machte Hugo von der so erteilten Erlaubnis Gebrauch . Daß er seinen Blick mit Bewunderung auf sie heftete , bemerkte sie wohl , und sie hatte das für jedes junge Weib - angenehm anregende Bewußtsein , gerade besonders vorteilhaft auszusehen - en beauté zu sein , wie die bezeichnende Redensart lautet . Sie fühlte ihre Wangen glühen und wußte , daß sie hier im Rahmen der Loge , in ihrem halbausgeschnittenen schwarzen Samtkleid und mit den blitzenden Diamantsternen im gewellten Haar ein hübsches Bild abgeben mußte . » Es wundert mich , « sagte sie , » daß Sie nicht vorgezogen haben , ins Burgtheater zu gehen . « » Weil ich selber Dramen schreibe , meinen Sie ? Um zu lernen ? « » Um sich Begeisterung , Eingebung für Ihre Kunst zu holen . « » Wenn ich das tun will , so gehe ich in die Oper - Musik zaubert mir zehnmal mehr dichterische Stimmung herbei , als ein Schauspiel . Übrigens bin ich heute hierher gekommen , weil ich wußte , daß ich Sie da sehen würde ... Von weitem sehen , denn ich glaubte , Ihre Loge würde so gefüllt sein , daß ich mich nicht hätte eindrängen wollen - Sie waren aber allein - « » Ja - sehr , « antwortete Sylvia mit einem unwillkürlichen Seufzer . » Sehr allein ? « wiederholte Hugo . » Die beiden Worte führt der Sprachgebrauch sonst nicht zusammen - ebenso wenig wie sehr tot . Und doch - es ist so richtig - im Alleinsein gibt es Steigerungen . Nicht in der Einsamkeit - mitten in der Menge ist man oft am alleinsten . Und das Gegenteil von Alleinsein ist - Zweisein ... « » Vorausgesetzt , daß die zwei - eins sind . « » Das habe ich sagen wollen . « Eine Pause . Dann sprach Sylvia wieder . » Ich möchte Sie eines fragen , lieber Bresser . Sind Sie glücklich ? Freuen Sie Ihre Erfolge ? Und haben Sie in Berlin solche - Zweisamkeit gefunden ? « » Das war nicht eine Frage , das sind drei Fragen , Frau Gräfin . Glücklich ? Nein , ich fühle mich nicht glücklich . Erfolge ? Mein Gott , es gibt in meinem Beruf keine Erfolge , auf denen man sich gewissermaßen freudig und ruhig ausatmen könnte ...