was sollte sie allein in ihren vier öden toten Wänden , vor denen ihr graute , seit sie das warme Leben in Gerharts Armen , an Gerharts Herzen kennen gelernt hatte . Heimlich gestand sie sich ' s , dass sie ihm dankbar sein müsse , dass er nicht auf einem völligen Zusammenleben bestand , denn im tiefsten Innern ihres Herzens fühlte sie , dass sie schwach genug gewesen wäre , es ihm nicht zu weigern . Was hatte sie auch zu verlieren ? Auf wen Rücksicht zu nehmen ? Fremd , wie sie nach Berlin gekommen war , war sie geblieben . Niemand ausser Gerhart hatte je nach ihr gefragt . Lena ging ihre eigenen Wege , der Vater kümmerte sich nicht um sie , die einzige , die ihr Gewissen schlagen machte , war die tote Mutter . Und doch , wenn sie aus seligen Gefilden zu ihr niedersehen konnte , abgeklärt und rein , keinen irdischen Vorurteilen mehr unterworfen , gönnte sie ihrem Kinde vielleicht das warme zärtliche Plätzchen am Herzen des geliebten Mannes . Und noch eins gab es für Lotte , das ihr in zaghaften Stunden Mut einflösste . Sie war keine grosse Menschenkennerin , aber so viel sagte sie sich doch : Gerhart war jung , war wandlungsfähig . Der Traum von der freien Liebe , in der allein er heute Heil und Seligkeit sah , würde vorübergehen . Und wenn sie dann beide so viel erworben hatten , dass sie einen Hausstand gründen konnten , würde er sie heiraten und niemanden würde sie mehr zu fürchten und zu scheuen haben . Selten waren die Stunden , in denen sie so klügelnd sich selber Mut machen musste . Nach der langen Zeit herber Not und zehrender Sorge , unausgesetzten Widerstandes gegen Gerharts Liebeswerben , liess Lotte sich jetzt willenlos dahintragen von den sanft einlullenden Wellen ersten zärtlichen Liebesglücks . Am ersten April verliess Lena die Wohnung in der Zimmerstrasse , um in die behaglichen Zimmer neben ihrem Geschäftslokal überzusiedeln . Ihren Anteil an der Miete hatte sie Lotte bis auf weiteres bezahlt . Bornstein , der in der letzten Zeit öfter nach der Zimmerstrasse gekommen war , hatte zwar den Vorschlag gemacht , Lotte möge im Guten versuchen , aus dem Kontrakt zu kommen , für sie allein würde ja eine Stube und Küche anderswo am Ende genügen . Gerhart aber , der übrigens absichtlich noch niemals mit Bornstein zusammengetroffen war , wollte davon nichts hören . Lotte sollte in seiner unmittelbaren Nähe bleiben und nicht durch lästige Wohnungsveränderungen aus ihrem Frieden herausgerissen werden . Es würden sich schon Mittel und Wege finden , das nötige Geld aufzubringen . Einstweilen hatte er freilich Anstalten gemacht , das gerade Gegenteil zu erreichen . Er hatte an Frau Wohlgebrecht geschrieben , dass er zum ersten Oktober aus ihrem Geschäft ausscheiden müsse . Er könne es nicht länger verantworten , seine Zeit und seine Kräfte derartig zu zersplittern . Er würde bis dahin soweit sein , nicht nur auskömmlich , sondern glänzend von seiner Feder leben zu können . Ursprünglich hatte er der Tante gleichzeitig eine Andeutung über seine und Lottes Beziehungen machen wollen , da er wusste , wie lieb die alte Frau das Mädchen hatte . Dann aber war er davon zurückgekommen . In ihrer bürgerlichen Beschränktheit würde Frau Wohlgebrecht zweifellos gleich von heiraten sprechen , und auf seine Erwiderung , dass die Verhältnisse das nicht gestatteten , in ihrer grenzenlosen Güte und Familienliebe jede denkbare Unterstützung anbieten . Seine Ablehnung hätte ihn dann leicht undankbar erscheinen lassen können , und das wollte Gerhart der Tante gegenüber nicht sein . Es würde ihr schon wehe genug thun , dass er die Stellung bei ihr aufgeben wollte . Wirklich lautete auch Frau Wohlgebrechts Brief ganz verzweifelt . Musste Gerhart sie wirklich verlassen ? Genügte es nicht , eine bescheidene Hilfskraft zu engagieren , um ihn zu entlasten ? Sie selbst könne vorerst gar nicht daran denken , nach Berlin zurückzukehren . Das arme kleine Frauchen sei noch immer so schwach und hinfällig , dass sie sorgsamster Pflege bedürfe . Dazu der Mann und die grosse Wirtschaft , die doch auch nicht ganz vernachlässigt werden dürften . Es sei schon ein Kreuz um das Siechtum . Von ihr und allem , was auf ihren Schultern läge , wolle sie aber gar nicht einmal sprechen , sondern nur von ihm ! Er möge es wohl bedenken : Die bescheidene Stellung bei ihr sei doch immer eine Art Auskommen ; was wolle er denn anfangen , wenn es wieder nichts würde mit dem Verdienst durch die Feder ? Zuletzt kam dann noch die Frage nach Lotte , die in keinem von Frau Wohlgebrechts Briefen fehlte . Das Kind hatte so lange nicht geschrieben , es ging ihm doch leidlich wohl ? Seit Ende Februar hatte sie nichts von ihr gehört und jetzt waren sie schon im Mai , von dem man freilich hier oben , so nahe der russischen Grenze , noch nicht viel verspüre . Gerhart hatte den Brief zusammengefaltet und in seine Brusttasche gesteckt . Er wollte ihn morgen Lotte zeigen . Heut Abend würden sie sich , zum erstenmal seit sie einander angehörten , nicht mehr sehen . Gerhart wollte um sieben an der Sitzung einer freien literarischen Vereinigung teilnehmen , der ein geselliges Beisammensein in einem Gartenlokal folgen sollte . Lotte hatte sich standhaft geweigert ihn zu begleiten . Mit ihm allein gab es keine Skrupel mehr für sie . Aber eine Gesellschaft mit ihm besuchen , sich dort , der Sitte dieser Kreise folgend , als seine Freundin einführen lassen , das brachte sie nicht zu Wege . Gerhart war anfangs sehr verstimmt über diese Entscheidung gewesen . Er hatte Lotte mit Vorwürfen überhäuft dafür , dass sie noch immer an Vorurteile sich klammere , die er nun endlich überwunden wähnte ; aber gerade dies scheue , keusche Zurückweichen vor der Oeffentlichkeit hatte ihn dann wieder entzückt und gewonnen . Dies Kleinod für sich