vergessen . Schließlich blieb nur ein Erklärungsgrund ihrer Tollheit , ein völlig ungeheuerlicher freilich . Aber wie hätte er sich nicht immer wieder herzudrängen sollen , wenn alle andern etwa möglichen sich bei nur einigermaßen genauerer Prüfung als hinfällig erwiesen ? Viktor hatte diese Zweifelssorgen drei Tage lang mannhaft still getragen , immer bei sich erwägend , ob er nicht Elimar ins Vertrauen ziehen sollte . Elimar war klug und die Diskretion selbst . Aber Viktor glaubte mit Sicherheit zu wissen , es habe seiner Zeit nur wenig gefehlt , so hätte Klotilde jenen und nicht ihn geheiratet . Da war denn auf ein unbefangenes Urteil bei dem Manne in dieser Sache nicht zu rechnen . Fernau ? Sonst wäre Fernau sicher der Rechte gewesen , aber seit der unerquicklichen Scene zwischen ihnen neulich an dem Abend bei Sudenburgs - Und wiederum , hatte der Freund , wie Klotilde behauptete , seine Courmacherei zu weit getrieben , so war es ein seiner diplomatischer Zug , den Nebenbuhler gegen den Nebenbuhler auszuspielen . Unbefangen würde seine Auffassung der Sachlage wohl noch weniger sein , als die Elimars ; aber weshalb nicht von der Scharfrichtigkeit des Hasses profitieren ? Und da wollte der Zufall , daß er am vierten Tage mit Fernau zusammentraf , als sie nach den Bureaustunden das Amt , in welchem beide gemeinschaftlich , wenn auch in verschiedenen Abteilungen , arbeiteten , zu gleicher Zeit verließen . Sie hatten , sich erblickend , beide einen Moment gestutzt , waren dann aber , ein etwas gezwungenes Lächeln um die Lippen , mit ausgestreckten Händen aufeinander zugegangen . Sieh ' da , mon brave ! sagte Fernau . Haben uns ja in einer Ewigkeit nicht gesehen ! Wie geht ' s ? Nicht zum besten , erwiderte Viktor . Etwas mit dem Alten ? Auch das . Er kann sich noch immer in den neuen Kurs nicht finden . Der Ihnen doch auch gegen den Strich geht . Man laviert eben . Aber das macht mir weiter keine Schmerzen . Was sonst ? Sie waren aus der Wilhelmstraße in die Voßstraße gebogen . Werden Sie fahren ? fragte Viktor , mit einem Blick nach dem Droschkenstande . Ich hatte nicht die Absicht . Aber wenn Sie wollen - Gar nicht . Also : andiamo ! Der lange Weg nach Hause war bis auf ein kleines für beide derselbe . Fernau hatte durchaus das Gefühl , daß Viktor eine Fortsetzung ihrer letzten Auseinandersetzung wünsche . Ihm kam es gelegen ; war ihm die Sache während dieser letzten Tage doch ebenfalls sehr durch den Kopf gegangen ! Hören Sie , Sorbitz , sagte er , nachdem sie eine Minute schweigend nebeneinander hingeschritten waren ; es ist zwischen uns nicht alles so klar , wie es zwischen guten Freunden sein sollte . Ich kann Ihnen nur auf Ehrenwort wiederholen , was ich Ihnen neulich abends bereits gesagt habe , daß - Sie brauchen nicht weiter zu sprechen , unterbrach ihn Viktor . Ich habe mich längst überzeugt , daß man mich geflissentlich auf Sie gehetzt hat , um - Sie auf eine falsche Fährte zu bringen . Ganz meine Meinung . Aber , um Gottes willen , Fernau , das ist doch ganz unbegreiflich , total verrückt ! Was kann sie an dem Menschen finden ? Lieber Sorbitz , wer lernt diese fin-de-siècle-Frauen aus ? Es ist da alles Nerven , Idiosynkrasien , Illusionen perdues oder à perdre , falsche Appetite - was weiß ich . Nehmen wir an , man hat sich an Kuchen übergessen und schwelgt in dem Gedanken , wie himmlisch es sein müßte , wenn man die weißen Zähne so einmal in Schwarzbrot vergraben könnte . Solche Anfälle gehen vorüber - glauben Sie mir ! Sie haben gut reden . Sie sind nicht verheiratet . Sie wissen nicht , wie unsereinem ein solcher Anfall zu Haus und Hof kommt , besonders wenn er so lächerlich akut ist , wie dieser . Also erzählen Sie mir , was ist geschehen ! Ich brauche Sie nicht zu versichern , daß Sie sich auf meine Diskretion unbedingt verlassen können . Würde ich sonst von der vertrackten Geschichte angefangen haben ! Die Sache ist aber die - Und Viktor berichtete ziemlich getreu seinen Zank mit Klotilde in der Ballnacht , und wie sich die ehelichen Verhältnisse seitdem gestaltet hatten . Nur von einem gewissen Arrangement zu sprechen , das Klotilde zu treffen beliebt , fand er nicht den Mut und wollte die ziemlich deutliche Anspielung Fernaus auf die nicht ganz ungewöhnliche Methode der Herbeiführung einer Verständigung in so verzweifelten Fällen lieber nicht verstehen . Man war bis zum Potsdamer Platz gelangt . Ich will Ihnen einen Vorschlag machen , Sorbitz , sagte Fernau . Da steht ein Dienstmann . Schreiben Sie Ihrer Frau auf einer Karte : Sie können heute nicht zu Mittag kommen . Basta ! Und lassen Sie uns im Palast-Hotel dinieren . Ich selbst bin noch nicht dagewesen ; aber es soll sehr gut sein . Wozu dann noch die Karte ? Bitte sehr ! Immer die Form bewahren ! Darin liegt eine ungeheure Macht . Die Weglassung jedes Entschuldigungsgrundes wird die Demonstration für Ihre Frau verständlich genug machen . Der Dienstmann war mit der Karte seines Weges geschickt ; die Herren waren in das Hotel getreten und hatten in dem Restaurant bald die ihnen zusagenden Plätze entdeckt . Fernau , als vielerfahrener Junggesell , übernahm die Zusammenstellung des Menü und die Auswahl der Weine . Er war in der behaglichsten Stimmung . Je länger er Zeit gehabt hatte , über die Angelegenheit nachzudenken , desto schwerer war es ihm geworden , den » Schulmeister « ernsthaft zu nehmen . Die Sache hatte entschieden keine tiefere Bedeutung als die eine , ihm sehr genehme : das Verhältnis zwischen den beiden Gatten war wirklich so schlecht , wie er es sich nur immer wünschen konnte und wünschen mußte , sollte seiner Liebe Müh nicht vergeblich gewesen sein . Wer konnte sogar wissen