. Jetzt stand die Hanne auf , zündete die Lampe an , nahm ihr Tuch von dem Nagel an der Zimmertüre und sagte bittend : » Jetzt kannst du mir etwas zulieb tun , und ich will es dir mein Lebtag danken . « » Was denn ? « fragte der Leopold und schaute wie ein todmüder Mensch zu ihr hin . » Bleib bei dem Kind , bis ich wiederkomme . Ich komm bald . Warte nur auf mich . « » Kindisches Ding ... dir zuliebe ... ich bin froh , daß ich dir noch was zulieb tun kann ... Ich wart schon . « » Alsdann in Gottes Namen « , flüsterte die Hanne , drückte ihm die Hand und eilte davon . Wie ein Putztisch sah sich das kleine Zimmer an , in dem die Lene saß und eifrig nähte . Alles Ersparte hatte sie an die Einrichtung gewendet , und nun endlich hing und stand alles genauso da , wie sie es geträumt hatte . Auf dem Boden lag ein grauweißer Teppich mit blauen Blümchen , an den Fenstern und über dem Bette hingen weiße Zitzvorhänge mit blauen Blümchen , die Stühle und das kleine Sofa waren überzogen von demselben Stoff mit blauen Blümchen , und mitten in der Stube schwebte eine blaue Glasampel mit hellblauen Blümchen . Die zierlichen Schränke , der Tisch , das Bettgestell waren weiß lackiert und mit blauen Streifen gerändert , und die Tapete war weißgrau mit blauen Blümchen . Mitten in diesem verwirklichten Traum saß die glückselige Lene , sogar der weiße Schlafrock mit den gestickten Falbeln und den blauen Schleifen gehörte dazu . Wenn sie die Nadel rasten ließ und aufblickte , da wurde das schöne Gesicht noch reizender durch den Ausdruck des innerlichsten , zufriedensten Behagens , aber sie ließ sich nie viel Zeit , ihre Herrlichkeiten zu genießen , sie nähte wieder emsig weiter . Seit sie einmal als Kind das Schlafzimmer einer jungen Dame gesehen hatte , seit sie die Kammerfrau , für die der Lene ihre Mutter die Wäsche wusch , in das Stübchen gucken ließ , wollte ihr das Weiß mit den blauen Blümchen nimmer aus dem Sinn . War das bei ihrer Mutter oder in der großen Stube der Frau Weis möglich ? Nun war sie längst kein Mädchen mehr und endlich ihre eigene Frau , jetzt konnte sie ihren Traum verwirklichen Stück um Stück ; und sie , die sonst nichts entbehren wollte , sie kargte mit dem Bissen Brot , sie legte Kreuzer zu Kreuzer , um nach und nach noch eine Elle Zitz zu kaufen , damit die Falbeln an den Vorhängen reicher wurden . Mit ehrlicher Pünktlichkeit bezahlte sie dem Tischler jeden Monat einige Gulden , um rascher ihrer Schuld ledig zu sein , vom grauenden Morgen arbeitete sie daheim , bis sie zu Madame Margot gehen mußte , und wenn sie heimkam , betrachtete sie mit andachtsvollem Entzücken ihre Stube , dann setzte sie sich an die Arbeit und nähte , bis ihr fast die Augen zufielen . Jetzt waren ja alle Wünsche ihres Lebens erfüllt , dieses Gemach , keinen Mann , kein Kindergeschrei , von allen gehätschelt , bewundert und begehrt , aber doch allein , ganz allein , eine zufriedene , ehrbare Frau . Die Leni war freilich nie so schön gewesen als nun in dieser lichten , duftigen Umrahmung . Friede , Stille und Schönheit umfloß sie , und kein Gedanke verirrte sich zurück in den Winkel , aus welchem ihr Liebreiz emporgeblüht war » wie eine reine , stolze Lilie unter dürftigen blassen Veilchen , schwerfälligen Distelblumen und allerlei farbenschreiendem , niederem Unkraut « . Die Lene las nämlich auch jetzt an Sonn- und Feiertagen manchmal Romane , und wenn sie dann darüber nachzudenken versuchte , so machte sie zwischen sich und der Heldin und dem Leben in der Blauen Gans Vergleiche und schwang sich zu großen Empfindungen auf , die darin zusammenflossen , daß sie ehemals sehr mißhandelt war . Jetzt war sie schon auf einem Standpunkt , wo sie das weiße Lilienbewußtsein ohne jeden rückdenkenden Vergleich trug , der weißgestickte Mullschlafrock machte sie zu einer Dame , und ihre Tugend war über alle Zweifel , das sagten alle Leute , sie saß in dem weißen Zimmer mit den blauen Blümchen , in aller Zukunft konnte jetzt nichts mehr kommen , was sie aus ihrem Geleise bringen mochte . Aber das Alter , die Schönheit vergeht - ! » Das Alter . Ich werde eine sehr schöne alte Frau werden , hat neulich ein Bildermaler bei der Madame Margot gesagt « , antwortete sie sich selbst und dachte an die weiteste Zukunft , an sehr schöne weiße Haare . Nun tat ihr eben diese Denkerei schon wieder weh , das war kein Geschäft für sie , lieber lustig darauflosgenäht , jeder Stich ist ja Geld . Mit einem Male war es dunkel geworden , die Lene zündete die Hängeampel an , und der bläulich-weiße Lichtschein ergoß sich über das Gemach . Wie jeden Abend , so staunte sie auch jetzt wieder das Wunder an , daß die blaue Glaslampe einen weißen Schimmer geben konnte , denn eigentlich war jetzt sie und jedes Stücklein ganz wundersam weiß . Gerade war sie wieder daran , nachdenken zu müssen , als es leise an ihre Türe pocht . Wer kann das sein ? Die Lene streckte das Köpfchen vor und horchte . Die Hauswirtin , der Briefträger ? Sie setzte sich aber doch in ihrem Lehnstuhl hübsch zurecht , so vornehm wie die noblen Damen bei der Madame Margot , sie lehnte den Kopf zurück , breitete seitwärts die Schleppe ihres Schlafrockes aus und ließ ihren kleinen Fuß mit dem blauen Pantoffel sehen . Da klopfte es zum zweiten Male , lauter , dringlicher . » Herein ! « Langsam geht die Türe auf , nur ein Stückchen - und durch den engen Spalt schiebt sich mit gesenktem Kopfe eine schmale zaghafte Gestalt .