die Barbarei habe , sein junges Weib zu verlassen . Die Zwangspflichten , die für einen tüchtigen Mann aus seinem Beruf entstammen können , erkannte das Fräulein nicht an , über so gemeine Fragen wie Broterwerb und die Nötigung , deshalb einen Beruf zu haben , dachte sie nicht nach ; natürlich gab ihr Adrienne zu , daß ihrem Leben allerdings die rechte Wärme fehle , aber ein volles Geständnis ging ihr doch nicht über die Lippen . Alle anwesenden Männer fand Lucy gräßlich , mit der einzigen Ausnahme von Magnus . » Es sind alle Barbaren ! Dieser alte Geck von Lanzenau mit seinem steifbeinigen Gang - ah , wie schritt mein Arthur stolz dahin ! Dieser Herr von Dören - sieht er nicht mit seiner geraden , abgestumpften Nase , seinen Schlitzaugen und seinem auseinander gesträubten Schnurrbart aus wie ein Kater ? Ach , Sie hätten Arthurs wundervollen Bart sehen sollen ! Und dann Ihr Schwager ! Pardon - aber diese blonden Jünglinge mit dem plebejischen Vergnügen am Dasein sind mir entsetzlich , wenn ich an die interessante Schwermut meines Arthurs denke ! Haben Sie meinen Roman Erfrorene Herzen gelesen ? Darin habe ich ihm ein Denkmal gesetzt . Von Taiß spreche ich nicht erst , dieser Tyrann meiner Tage wäre meines Hasses würdig , wenn meine arme Schwester sich nicht einbildete , von ihm glücklich gemacht zu werden . Lassen wir ihr die Illusion , sie kennt nichts Besseres ! Aber dieser junge Doktor Hesselbarth - ach , Adrienne , er hat so einen gewissen Augenaufblitz hinter seinem Lorgnon . Adrienne , er gilt Ihnen , dieser Aufblitz - Sie sind Magnus nicht gleichgiltig . Arme Freundin , dieser Mann wäre Ihrer würdig , er verstände Sie ! Erwidern Sie sein Gefühl ? O - Sie können mir vertrauen , ganz vertrauen , ich will Sie und ihn schützen gegen eine Welt von Philistern ! « » Aber wohin denken Sie , « stotterte Adrienne bestürzt , » ich bin verheiratet und - und - und liebe meinen Mann . « Lucy schloß die Freundin in die Arme , in stummer Rührung über den Heldenmut des Herzens , das zu stolz war , Leiden zu gestehen . Magnus hatte seinerseits das ihm von Lucy geschenkte Wohlwollen bald herausgefühlt und halb belustigt , halb , um diesen Typ eines Blaustrumpfs zu studiren , fand er sich immer in ihrer Nähe ein , wo natürlich auch Adrienne meist weilte . Die kleine Frau von Dören spottete darüber und nannte sie » die drei Gebildeten « . Fanny sah indes diese Intimität mit heimlichem Unbehagen , ihr ein Ziel zu setzen , daran war nicht zu denken ; die einzige Hoffnung blieb , daß der skeptische und vernünftige Magnus allezeit das Gegengewicht zu den überspannten Lebensanschauungen des Fräuleins hergeben werde . Fanny war in dieser Zeit sehr glücklich . » Ich weiß nicht , « sagte sie einmal zu Lanzenau , » wie das so kommen mag - seit vielen Jahren habe ich immer im September diese oder andere lieben Gäste gehabt , aber es hat mich nie so gefreut wie diesmal . Wie schön ist doch das Leben , wenn man es mit guten Menschen teilen darf ! « Lanzenau blickte ihr beunruhigt in die strahlenden Augen , das verhängnisvolle Fragewort : » Ist auch einer unter uns , von dem der neue Sonnenschein ausgeht ? « kam ihm zum Glück nicht von den Lippen , er bezwang sich . » Ja , es ist schön , liebe Fanny , und es ist am allerschönsten , daß Ihr Glücksgefühl der innern Zufriedenheit ihrer Seele und der äußern Klarheit Ihres Lebens entspringt ; möge das so bleiben , und möge ich allezeit meinen alten Platz an Ihrer Seite behalten ! « » O gewiß , mein Freund , Sie sind mir der Nächste meinem Herzen . Sie wissen es ... bitte , bitte , Achim - ein Wort ... « Joachim ging unfern mit Dören vorüber , er lief auf Fanny , Fanny auf ihn zu . » Nur ein Wort ... sind die Schießstände in Ordnung ? « Dören , Joachim und sie besprachen die Einzelheiten des für den Nachmittag geplanten Wettschießens . Lanzenau stand vergessen von fern . Lanzenau schloß die Augen , er war blaß geworden , langsam ging er tiefer in den Park hinein , seine Füße trugen ihn nicht weit , er stand an einer Buche still , legte die Handflächen gegen den Stamm und die Stirn gegen die Hände . » Unmöglich , « dachte er , » unmöglich ! Es kann nicht , es soll nicht sein ! Vielleicht wird sie nicht erkennen , was jetzt in ihr keimt , es verdorrt im Beginn , gewiß , ganz gewiß , denn er ist ein unbefangener Jüngling , er wagte es nicht einmal , davon zu träumen , das sieht man wohl . Sie muß blind bleiben , sie muß ! « Er stöhnte schwer . Nein , das nicht , nur das nicht ! Sein Lebenlang neben Fanny hergehen , ohne sie zu besitzen - ja , aber sie einem andern überlassen - nie ! Sechzehn Jahre in Treue einem Weibe gehören und dies Weib dann einem hübschen jungen Menschen geben müssen ? - Lieber diesen niederschießen wie ein Stück Wild . Aber wie - wenn der sie wieder liebte , wenn ein Tag käme , wo er ihre Neigung merkte und dann - schon aus Vorteilsgründen - sich erklärte ? Aber nein , einer Berechnung war Joachim nicht fähig . Doch welcher junge Mann würde kalt und unempfindlich bleiben , wenn eine Fanny ihn liebte ? Lanzenau dachte an seine Jugend zurück , er lächelte schmerzlich . Joachim müßte kein Mensch von Fleisch und Blut , er müßte eine Puppe von Zeug und Hobelspänen sein , wenn er kalt bleiben sollte bei der Liebe einer schönen Frau . Und gab all seine Treue ihm denn ein Recht , von Fanny etwas zu