ihr erspart . Die Frau des Bahnwächters , ein stämmiges , dunkeläugiges Weib , stand am Zaun ihres kleinen Gartens und nahm hier das Ersuchen der Fremden entgegen . Ihr Benehmen war anfangs nicht sehr ermutigend für den hergelaufenen Gast , wurde aber bald so zutraulich , daß Lotti sich fragte , ob dieses leutselige Wesen etwa der Freimaurerei , die nach Schweitzers Meinung zwischen ehrlichen Leuten besteht , zuzuschreiben sei . Eine Stunde später saß sie so gemütlich , als ob sie zur Familie gehörte , in der Bahnwächterstube . Der Mann rauchte ihr gegenüber seinen schlechten Tabak aus einer hölzernen Pfeife , das Weib , an einer groben Jacke flickend , hatte neben ihr Platz genommen auf der Bank und der pausbäckige Sprößling des Ehepaares sich ' s auf Lottis Schöße bequem gemacht . Sie fand , er habe Ähnlichkeit mit einem ihrer Horatier , und das hatte sie sofort für ihn gewonnen . Die Frau war bereits mit der Erzählung ihrer ganzen Lebensgeschichte fertiggeworden und schien nicht übel Lust zu haben , wieder von vorn anzufangen . Einleitende Betrachtungen wurden schon vorausgeschickt . Ja , sie stand in ihrem zweiundvierzigsten Jahre , und ihr Bub hatte kürzlich erst sein drittes erreicht . » Arme Leut kommen halt spät zum Heiraten . Auch darin , auch in so einer Sach haben ' s die Reichen besser . « Da erhob sich der Mann , der Schnellzug mußte bald auf die Strecke kommen , in einigen Minuten wurde es Zeit , den Signalflügel aufzuziehen . Nachdem er die Stube verlassen hatte - er war ein alter Mensch und sah recht mürrisch aus - begann seine Gattin , ihn zu loben . » Er « war brav . » Er « war allgemein geachtet . Wunder wie viele Unglücksfälle hatte » er « durch seine Wachsamkeit verhütet . Sein Bub gerät ihm nach , ist wirklich schon jetzt der ganze Vater . Sie zog den Jungen an sich , gab ihm einen schallenden Kuß und fuhr mit allen fünf Fingern durch seinen zerzausten Schöpf . Ein rührender Ausdruck von Zärtlichkeit milderte und verschönerte die harten Züge ihres sonnverbrannten Gesichts , während sie ihrem Kinde diese derben Liebkosungen erteilte . » Heute ist ein rechter Sonntag « , sagte Lotti zu ihr , » heute habe ich zwei glückliche Ehepaare gesehen . « Die Frau blickte sie befremdet an . » Und Sie ? ... Sind doch auch glücklich ? « » Ich bin auch glücklich . « » So ? und - « sie neigte den Kopf mit neugieriger Vertraulichkeit , » und was ist denn Ihr Herr ? « » Ich habe keinen ; ich bin eine alte Jungfer . « » So ? ... eine alte Jungfer « , wiederholte die Frau , sichtlich erkaltet und enttäuscht . Und als der Mann nun ans Fenster klopfte , um der Reisenden zu bedeuten , daß es Zeit war aufzubrechen , stach der gleichgültige Abschied , den die Wirtin von ihrem Gaste nahm , von deren früherer Freundlichkeit merklich ab . Sie hätte sich nicht anders benehmen können , wenn sie mit einem Male von Reue ergriffen worden wäre über ein übel angebrachtes Vertrauen . Lächelnd über den Mißkredit , in welchen sie plötzlich bei ihrer neuen Freundin geraten , stieg Lotti in den Waggon . Nur noch ein Platz war in demselben frei , und sie nahm ihn ein , zum offenbaren Verdruß einer geschlossenen Gesellschaft , die das Coupé besetzt hatte . Diese , ein übermütiges Völkchen , ließ sich , nachdem ihr erster Unwillen über den Eindringling verraucht war , in ihrer Unterhaltung nicht stören . Lotti verbrachte zwei unangenehme Stunden in dem lauten und lustigen Kreise . Ein Gefühl der Vereinsamung ergriff sie , das wegzuspotten sie sich vergeblich bemühte . Endlich brauste die Lokomotive in den Bahnhof , und das erste , was Lotti erblickte , war Gottfrieds lange Gestalt . Er stand an die Mauer gelehnt - ein Bild der Hoffnungslosigkeit - starrte die Leute an , die dem Zuge entstiegen , und : Sie kommt nicht ! Sie kommt nicht ! klagte es in seinem Herzen . Aber nun fuhr er zusammen ... Sie war da - ihre Hand lag auf seinem Arme . » Das hätt ich nicht gedacht ... daß sie dich fortlassen ... daß du ihnen widerstehen kannst . « Wie ein Verzückter blickte er sie an . » Ich hab einen Wagen . « Nein , für den dankte sie ; sie war froh , dem Waggon entronnen zu sein , wollte zu Fuß mit Gottfried nach Hause gehen und ihm unterwegs ihre Erlebnisse erzählen . Also geschah es . Er hörte ihr mit äußerster Spannung zu und ging schweigend neben ihr her . Erst als sie von der Empfindung der Überflüssigkeit sprach , von der sie beim Anblick Halwigs und seiner Frau überkommen worden , bot er ihr plötzlich seinen Arm und drückte den ihren fest an sich . » Hier bedarf man deiner « , sagte er . » Du warst dir dort zuviel , ich - war mir hier zuwenig . « Die letzten Worte sollten in scherzhaftem Tone gesprochen sein , kamen aber sehr wehmütig heraus . » Und was hast du getan den ganzen langen Tag ? « fragte Lotti . Gottfried räusperte sich : » Hm - gewartet . « » Sonst nichts ? « » Oh , es war genug ! Ich weiß keine schwerere Arbeit . « Er ergriff ihre Hand , und sie wurde ihm nicht entzogen ; darüber geriet er in eine Begeisterung , die zu schildern keine noch so hinreißende Beredsamkeit imstande gewesen wäre . Die seine beschränkte sich auf den leisen Ausruf : » Liebe Lotti ! « Der Druck seiner Hand wurde erwidert , und » Guter Gottfried ! « sprach sie , die er im Herzen trug von seiner Jugend und von ihrer Kindheit an . Ein Schauer der Wonne durchrieselte ihn . Wär '