! Wie lange ist ' s schon her , daß wir nicht geplaudert haben ? Vielleicht schon ein Jahr ! Da habe ich dich vom Meierhofe der Mönche nach Barnow mitgenommen . Du mußtest rasch zurück - es war dein Namenstag ! « » Ja , ja « , nickte der Alte freundlich und blickte dann wieder in sein Glas . » Wir haben so lustig geplaudert , du hast mir von den vielen Mäusen in der Bibliothek erzählt . « » Hm ! - wirklich ! « » Und hast mich gefragt , ob ich kein Mittel dagegen weiß . Ich wußte keins . Aber neulich habe ich ein sicheres Mittel erfahren . « » Ich glaube , du irrst dich « , sagte Fedko bedächtig . » Ich habe die Mäuse nie töten wollen . Warum ? Es sind ja auch Geschöpfe Gottes - « » Aber sie zernagen die Bücher . « » Kränkt dich das ? « » Nein - ja - « stotterte Sender verlegen . Aber da kam ihm ein rettender Gedanke . » Lassen wir die Mäuse « , rief er . » Eben fällt mir ein , es ist heute genau ein Jahr , daß wir beisammen waren . Heute ist ja dein Namenstag . « » Nein , lieber Senderko ! « » Schade ! « rief dieser . » O wie schade ! Eben wollte ich zu Ehren des Tages eine Flasche Slibowitz bestellen . « » So , so ! « Der Alte dachte nach , lange und gewissenhaft . » Nein « , sagte er dann , » so leid es mir tut , heute ist nicht mein Namenstag ! « » Dann wollen wir ihn im voraus feiern « , rief Sender . » He - eine Flasche ! « Der Slibowitz erschien . Fedko leerte langsam das eingeschenkte Glas und schnalzte zufrieden mit der Zunge . Dann blickte er den Jüngling freundlich an und sagte : » Nun sprich nur gerade heraus ! « » Was ? « » Was du von mir willst ! « » Ich - hm ! Wirklich nichts - « » Nur der alte Herrgott hat Wunder getan « , sagte Fedko langsam und wuchtig , » und dann sein Sohn , der Herr Christus . Aber jetzt geschehen keine Wunder mehr . Und darum zahlt kein Jude einen Slibowitz , wenn er nicht etwas will . « » Nun ja ! Aber du verrätst mich nicht ? « » Ich ? « » Ich weiß , du bist kein Schwätzer . Auch bist du ein guter Mensch und wirst mich nicht unglücklich machen . Also - ich möchte die Bibliothek der Mönche anschauen . « Fedko dachte lange nach , wohl fünf Minuten . Endlich sagte er : » Ich habe fragen wollen : Wozu ? Aber das geht mich nichts an . Gar nichts . Also : bloß anschauen ? Ja ! « » Und mir ein Buch nach Hause mitnehmen , und wenn ich ' s zurückbringe , ein anderes ! « » Nein ! « erwiderte der Alte sofort und entschieden . » Nicht um die Welt ! - nicht um fünf Gulden ! Der Prior hat gesagt : Fedko , du stehst dafür , daß nichts wegkommt ! Ich stehe dafür . « » Aber ich bringe es wieder ! Bin ich doch in deiner Hand - ein Wort von dir macht mich unglücklich . « » Daß nichts wegkommt ! « wiederholte Fedko nachdrücklich , » und wenn ein Buch bei dir ist , so ist es nicht in der Bibliothek . « Gegen diese Logik war nichts einzuwenden . Sender seufzte tief auf . » Aber vielleicht ist es dir wenigstens erlaubt « , bat er , » mich täglich auf zwei Stunden bei den Büchern einzusperren ? Ich verspreche dir - ich - ich feiere dann wöchentlich deinen Namenstag ... « Wieder dachte der Alte nach , lange , sehr lange . » Ja « , sagte er dann . Sender atmete auf . Sie verabredeten , daß er täglich von zwölf bis zwei Uhr bei den Büchern bleiben dürfe . Das waren seine einzigen Freistunden ; um halb zwölf begann in der Werkstätte die Mittagspause . Freilich blieb ihm dann wenig Zeit zum Essen , aber was konnte ihm daran liegen ! ... » Noch eins « , sagte Fedko . » Ich habe gehört , daß die Juden viele böse Zaubereien können . Nicht aus Schlechtigkeit , sondern nur wegen des jüdischen Glaubens . Und da drinnen sind heilige Bücher - wirst du da keine Hexereien verrichten ? Und wie , wenn du den heiligen Geist daraus vertreibst - und dann kommt der Herr Prior und sucht ihn , weil er ihn gerade braucht , und findet ihn nicht mehr - « Nachdem Sender ihn auch darüber beruhigt und mit furchtbaren Eiden geschworen , dem heiligen Geist nichts anzutun , gab der Alte endlich nach . » Gut ! Also morgen ! Kurz nach dem Mittagsläuten , bei der Tartarenpforte . « Neuntes Kapitel Die » Tartarenpforte « war eine Hinterpforte des Klosters , die in ein einsames Gartengäßchen mündete , in dem nur zuweilen , und dann auch nur in der Dämmerung , ein Liebespaar zusammentraf . Ihren Namen hatte sie aus den alten , blutigen Tagen , wo die Tartaren in einem der zahllosen Grenzkriege zwischen Polen und der Türkei das Kloster belagert hatten und endlich hier eingedrungen waren , um die » Geschorenen des bleichen Götzen « zu töten . Am nächsten Tage , als es zu Mittag läutete , stand Sender hier harrend , und trotz der warmen , fast sommerlichen Herbstsonne klapperten seine Zähne wie Kastagnetten , und ein Fieberfrost durchzitterte seine Glieder . Man legt altgewohnten Aberglauben nicht so leicht ab , wie ein abgetragenes Gewand . Er war in der Anschauung aufgewachsen , daß man die Augen niederschlagen müsse , wenn man an diesem