hintereinander , ohne sie je zu verfehlen . Dann schrieb er die Summe genau in sein Buch mit allerliebsten wohlgestalteten Zahlen , was mir solches Vergnügen gewährte , daß ich laut auflachte . Er aber sagte ernsthaft , da sei gar nichts zu lachen , ich sollte bedenken , daß ich alles einmal berichtigen müßte und daß sein Büchlein eine ordentliche Bedeutung und Gültigkeit hätte vor jedem Geschäftsmann ! Dann veranlaßte er mich wieder zu zahlreichen Wetten , ob zum Beispiel ein Vogel sich auf diesen oder jenen Pfahl setzen , ob ein vom Winde bewegter Baum sich das nächste Mal so oder so tief niederbeugen , ob am Gestade des Sees mit dem fünften oder sechsten Wellenschlage eine große Welle ankommen würde . Wenn bei diesem Spiele der Zufall mich manchmal gewinnen ließ , so setzte er in seinem Buche auf die Seite des Soll mit wichtiger Miene ein knappes Zählchen , welches sich in seiner Einsamkeit höchst wunderlich ausnahm und mir neuen Stoff zum Lachen , ihm hingegen zu ernsthaften Redensarten gab . Er suchte mich eifrigst zu überzeugen , daß Schulden eine wichtige Ehrensache seien , und eines Tages , als der Sommer sich seinem Ende nahte , überraschte mich Meierlein mit der Nachricht , daß er nun » abgerechnet « habe , und zeigte mir eine runde Zahl von mehreren Gulden nebst einigen Kreuzern und Pfennigen und bemerkte dabei , daß es nun schicklich wäre , wenn ich darauf dächte , ihm den Betrag einzuhändigen , indem er wünsche , aus seinen Ersparnissen sich ein schönes Buch zu kaufen . Doch erwähnte er hierüber die nächsten zwei Wochen nichts mehr und legte inzwischen eine neue Rechnung an , welches er mit vermehrtem Ernste tat und wobei er ein seltsames Betragen annahm . Er wurde nicht unfreundlich , aber die alte Fröhlichkeit und Unbefangenheit unseres Verkehres war verschwunden . Eine große Niedergeschlagenheit beschlich mich , welche Meierlein durchaus nicht zu stören schien ; vielmehr verfiel er selber in einen elegischen Ton , ungefähr wie er Abraham überkommen haben mochte , als er mit seinem Sohne Isaak den vermeintlich letzten Gang tat . Nach einiger Zeit wiederholte er seine Mahnung , diesmal mit Entschiedenheit , doch nicht unfreundlich , sondern mit einer gewissen Wehmut und väterlichem Ernste . Nun erschrak ich und fühlte eine heftige Beklemmung , indessen ich versprach , die Sache abzumachen . Jedoch konnte ich mich nicht ermannen , die Summe zu nehmen , und verlor selbst den Mut , meine gewöhnlichen Eingriffe fortzusetzen . Das Gefühl meiner Lage hatte sich jetzt ganz ausgebildet ; ich schlich trübselig umher und wagte nicht zu denken , was nun kommen sollte . Ich empfand eine beängstigende Abhängigkeit gegen meinen Freund ; seine Gegenwart war mir drückend , seine Abwesenheit aber peinlich , da es mich immer zu ihm hintrieb , um nicht allein zu sein und vielleicht eine Gelegenheit zu finden , ihm alles zu gestehen und bei seiner Vernunft und Einsicht Rat und Trost zu finden . Aber er hütete sich wohl , mir diese Gelegenheit zu bieten , wurde immer gemessener im Umgange und zog sich zuletzt ganz zurück , mich nur aufsuchend , um seine Forderung nun mit kurzen , fast feindlichen Worten zu wiederholen . Er mochte ahnen , daß eine Krisis für mich nahe bevorstehe ; daher war er besorgt , noch vor dem Ausbruche derselben sein so lang und sorglich gepflegtes Schäfchen ins trockene zu bringen . Und er hatte recht . Um diese Zeit war meine Mutter durch die verspätete Mitteilung eines Bekannten aufmerksam gemacht worden ; sie erfuhr endlich mein bisheriges Treiben außer dem Hause , woran hauptsächlich die übrigen Kumpane schuld sein mochten , die sich schon früher von mir gewendet hatten , als meine Niedergeschlagenheit begonnen . Eines Tages , als ich am Fenster stand und für meine Blicke auf den besonnten Dächern , im Gebirge und am Himmel stille Ruhepunkte und die vorwurfsvolle Stube hinter mir zu vergessen suchte , rief mich die Mutter mit ungewohnter Stimme beim Namen ; ich wandte mich um , da stand sie neben dem Tische und auf demselben das geöffnete Kästchen , auf dessen Boden zwei oder drei Silberstücke lagen . Sie richtete einen strengen und bekümmerten Blick auf mich und sagte dann : » Schau einmal in dies Kästchen ! « Ich tat es mit einem halben Blicke , der mich seit langer Zeit zum ersten Male wieder den wohlbekannten innern Raum der geplünderten Lade sehen ließ . Er gähnte mir vorwurfsvoll entgegen . » Es ist also wahr « , fuhr die Mutter fort , » was ich habe hören müssen und was sich nun bestätigt , daß sich mein guter und sorgloser Glaube , ein braves und gutartiges Kind zu besitzen , so grausam getäuscht sieht ? « Ich stand sprachlos da und sah in eine Ecke ; das Gefühl des Unglückes und der Vernichtung kreiste in meinem Innern so stark und gewaltig , als es nur immer im langen und vielfältigen Menschenleben vorkommen kann ; aber durch die dunkle Wolke blitzte bereits ein lieblicher Funke der Versöhnung und Befreiung . Der offene Blick meiner Mutter auf meine unverhüllte Lage fing an , den Alp zu bannen , der mich bisher gedrückt hatte ; ihr strenges Auge war mir wohltätig und löste meine Qual , und ich fühlte in diesem Augenblicke eine unsägliche Liebe zu ihr , welche meine Zerknirschung durchstrahlte und fast in einen glückseligen Sieg verwandelte , während meine Mutter tief in ihrem Kummer und in ihrer Strenge beharrte . Denn die Art meines Vergehens hatte ihre empfindlichste Seite , sozusagen ihren Lebensnerv getroffen einesteils das kindliche blinde Vertrauen ihrer religiösen Rechtlichkeit , andernteils ihre ebenso religiöse Sparsamkeit und unwandelbare Lebensfrage . Sie hatte keine Freude beim Anblick des Geldes ; nie übersah sie unnötigerweise ihre Barschaft ; aber jedes Guldenstück war ihr beinahe ein heiliges Symbolum des Schicksals , wenn sie es in die Hand nahm , um es gegen Lebensbedürfnisse auszutauschen . Deshalb