beiden aufwachsenden Kindes nicht gerade ein beneidenswertes nennen . Röschen flößte gar vielen Leuten Mitleid ein , die sie an einem Fenster des grauen Hauses stehen und sehnsüchtig herabblicken sahen zu den Kindern , die auf dem Platze herumliefen und spielten . Ihr war Umgang mit Wesen ihres Alters nicht gegönnt , und der Verkehr mit dem Kinde Mansuet entschädigte sie dafür doch schwerlich . Bozena wagte einmal , ihr gnädiges Fräulein darauf aufmerksam zu machen , wurde aber trocken abgewiesen . Regula vermochte nicht einzusehen , daß die Kleine einer andern als einer vernünftigen Umgebung bedürfe . Durchaus nicht . Sie selbst habe sich als Kind immer nur in Gesellschaft von Erwachsenen bewegt , und es sei ihr wohl bekommen . » O Bozena ! « sagte Röschen einst , » hätt ich doch lange Beine ! « » Was würden sie dir nützen , du Knirps ? « fragte Bozena . » Ich liefe - liefe - « und das Gesicht des Kindes war wie durchleuchtet von der geträumten Wonne , » liefe so schnell , wie die Vögel fliegen . « Regula sah die Magd bedeutsam an und sprach halblaut : » Die Natur ihrer Mutter . Man kann sie nicht genug in acht nehmen . « Dieses Wort schnitt Bozena ins Herz , aber sie verriet sich nicht . Sie neigte das Haupt ehrerbietig vor ihrer Herrin : » Sie werden das Kind behüten « , sagte sie , » es ist in Ihrem Schutze und geborgen . « Das Fräulein zuckte die Achseln und dachte , das unumschränkte Vertrauen , das die Leute in sie setzen , sei doch manchmal unbequem . Aufgebürdet , aufgedrungen wurde ihr das Kind der Schwester , und der Ruf von Tugend und Großmut , den sie genießt , zwingt sie , es bei sich zu behalten . Und in tiefinnerster Seele ist sie ihm so unbeschreiblich abgeneigt ! Alles an ihm mißfällt ihr , stört sie , regt sie auf . Sein Lachen und Singen greift ihr die Nerven an , seine Liebkosungen bringen sie in Verlegenheit . » Laß mich , das schickt sich nicht « , sagt sie , wenn Röschen ihr entgegenfliegt und ihr in die Arme stürzen will . Mansuet nannte Regula das unmütterlichste Frauenzimmer das ihm jemals vorgekommen sei , und meinte : » Wenn die einmal ein Kind kriegt , und es fängt an zu schreien , dann schickt sie um die Polizei . « Das Leben im Hause der alten Jungfer von zweiundzwanzig Jahren lief ab wie der Mechanismus einer Uhr , pünktlich und blutlos . In ihrer frostigen Atmosphäre konnte die Rede nicht sein von der freudigen und ungehemmten Entfaltung einer jungen Seele . Arme Kinder haben die goldene Freiheit , reiche Kinder haben einen vergoldeten Käfig ; Röschens Kindheit wurde in einem Käfig verlebt , aber er war von Eisen . Und dennoch war sie ein fröhliches Röschen , und die Wahrheit erprobte sich an ihr : Haben kann man das Glück , aber bekommen nicht . Sie war glücklich , denn sie liebte , was sie umgab , und wußte nicht , was Grollen sei . Sie liebte die lieblose Tante , sie trieb Abgötterei mit der strengen Bozena und mit dem alten Mansuet , und der vergalt ' s ihr redlich . Was die Magd betraf , so war Röschen ihr teuerstes Gut ; sie würde ohne Zögern jedes Opfer für sie gebracht , ihr Herzblut , wenn es galt , tropfenweise für sie vergossen haben , aber so , wie sie ihre trotzige Rosa geliebt hatte , vermochte sie nicht mehr zu lieben . Das tiefste Gefühl , welches sie jemals beseelt , das hatte die mit ins Grab genommen , die von ihr gepflegt worden war , als sie selbst noch jung gewesen . Sie ließ Röschen niemals so derb an , wie sie deren Mutter angelassen hatte , aber dies geschah nicht , weil sie mehr Liebe , sondern weil sie mehr Mitleid für sie empfand . So wenigstens legten die beiden ehemaligen Kommis sich Bozenas stilles , zurückhaltendes Benehmen aus . Sie aber waltete mit altem Fleiße in den alten Räumen , nur nicht mehr mit dem alten Übermut . Wenn sie das Zimmer betrat , in dem sie vor zwanzig Jahren ihren Herzensliebling triumphierend in ihren Armen erhoben und ihm alle Herrlichkeit der Welt prophezeit hatte , da glitt ein Schatten über ihre Stirn . Ein Fremdling saß nun das Kind ihrer Rosa am Tische im Vaterhause und aß das Gnadenbrot aus ungnädiger Hand . - Sechs Wochen , nachdem sich Schimmelreiter von Bozena einen so wohlgeflochtenen Korb geholt hatte , erhielt er das Jawort einer minder hartherzigen Schönen . Mit verklärten Augen , verjüngt durch das Glück , stellte er sich seinem Fräulein als Bräutigam vor . Regula erhöhte seine Seligkeit noch durch die huldvolle Annahme seiner Einladung , der Hochzeit beizuwohnen . Auch Bozena erhielt von der Gebieterin die Erlaubnis , zugleich mit ihr bei dem Feste zu erscheinen , das Schimmelreiter äußerst prachtvoll auszurichten gedachte . Die von ihm Erwählte war die Tochter eines kleinen Beamten ; ein blonde Jungfrau , von Mutter Natur mit so dauerhaften Reizen ausgerüstet , daß der Zahn der Zeit durch vierzig volle Jahre fast vergeblich an ihnen genagt hatte . Sie sah bei der Trauung wirklich gar nicht übel aus , das mußte ihr jeder lassen - der es ihr nicht nehmen konnte . Ein paar Rivalinnen versuchten es umsonst . Allgemein jedoch hieß es , Schimmelreiter hätte besser getan , Bozena zu erwählen , die wohl um einige Jährlein älter , aber denn doch eine ganz andere Person sei als die Beamtentochter . Zur kirchlichen Feier war die halbe Stadt gebeten , zu dem Gastmahle , das am Abend beim » Grünen Baum « stattfand , nur eine kleine auserlesene Schar . Das junge Ehepaar empfing seine Gäste in dem mit Blumen dekorierten und im Glanze von vielen Kerzen prangenden Honoratiorensaale . Vier