der Dierkhofwand her ... Die tiefe Morgenstille wurde zu meiner großen Ueberraschung aber auch noch auf andere Weise unterbrochen . Hinter der Wand , an welcher der Schrank stand , sang plötzlich eine tiefe , klangvolle Männerstimme in langgehaltenen Tönen den Vers eines Kirchenliedes . Zugleich wurde die Thür nach meinem Vorzimmer aufgemacht ; Ilse trat lauschend auf die Schwelle . Sie nickte mir schweigend » guten Morgen « zu und blieb mit gefalteten Händen stehen . » Ein frommer Mann , « sagte sie erbaut , als der Vers zu Ende war , und trat an mein Bett . » Da wohnen ja außer deinem Vater doch noch Leute in dem Hause - und was für Leute ! ... Ist mir doch gestern das ganze Haus so heidnisch und verhext vorgekommen - « Sie schwieg , denn die Stimme begann einen zweiten Vers - das liebliche Tirilieren draußen auf dem Sims war längst verstummt ; die starke Menschenstimme hatte den kleinen , schüchternen Sänger verscheucht . » So , nun stehe auf , Kind ! « sagte Ilse , nachdem sie auch dem zweiten Vers andächtig gelauscht hatte . » Die Nachbarschaft da drüben ist mir lieber , als wenn ich einen Schatz gefunden hätte . Das war eine schöne Morgenandacht ! ... Nun geht ' s ans Tagewerk ! « Damit zog sie die Rouleaus in die Höhe und ging hinaus . Ich sprang aus dem Bett . Draußen sprühten und tanzten goldene Funken aus dem Wasserspiegel ; die Bäume und Büsche troffen von farbenglitzerndem Tau , und über die Rasenflächen hin liefen Pfauen und Goldfasane . Während ich mich ankleidete , sang die nachbarliche Stimme unermüdlich weiter . » Je - kriegt denn der ' s bezahlt ? « fuhr Ilse mit einer Falte des Unmuts zwischen den weißblonden Brauen ganz erstaunt herein , als nach dem sechsten Vers auch der siebente begann . » Unserm Herrgott muß ja Zeit und Weile lang werden bei dem Ansingen ! ... Dazu hat er doch wahrlich die schöne kostbare Morgenluft nicht gemacht ! « Sie war freilich schon thätig gewesen . Sie hatte sich eine Küche aufschließen lassen und , trotz aller Anerbietungen des Stubenmädchens , das Frühstück selbst bereitet - Ilse konnte » absolut keinen fremden Kaffee trinken « . Die Stube war bereits gefegt , das Bett fortgeräumt , das sie sich auf dem Sofa zurechtgemacht , und auf dem Tisch stand schön geordnet ein von Fräulein Fliedner gesandtes Kaffeegeschirr . Ich klopfte mit schüchternem Finger an die Thür meines Vaters . » Komm nur herein , kleines Lorchen ! « rief es drinnen ... Gott sei Dank , er wußte noch , daß ich da war , ich mußte mich nicht aufs neue vorstellen ! Er zog mich an der Hand über die Schwelle , küßte mich auf die Stirne und entschuldigte sich , daß er uns gestern so allein gelassen , aber er habe bis nach elf Uhr beim Herzog bleiben müssen . Ilse teilte ihm mit , daß sie sich » nachher « bei Fräulein Fliedner Rats erholen wolle , was nun mit mir zu beginnen sei , und damit war er vollkommen einverstanden . Fräulein Fliedner sei eine sehr würdige , achtungswerte Dame , es würde ihm lieb sein , wenn sie sich seines Töchterchens annehmen wolle ; später werde er ihr selbst seinen Besuch machen und sie darum bitten . Heute aber könne er unmöglich , er stecke tief in dringenden Arbeiten und müsse mit jeder Minute geizen . Er war bei weitem nicht so zerstreut wie droben in der Bibliothek an seinem Schreibtisch , und wenn er mich auch ein paarmal mit dem Namen meiner verstorbenen Mutter anredete und sich angelegentlichst erkundigte , wie alt ich sei - ich fühlte doch aus allem heraus , daß er sich mit dem Gedanken , sein Kind bei sich zu haben , vollkommen vertraut gemacht hatte - das ermutigte mich wieder . Er behielt fortwährend meine Hand in der seinen , und ich durfte ihn bis an die Treppe begleiten , denn er war gewohnt , seinen Kaffee im Bibliothekzimmer zu trinken . In der Halle ging ein stattlicher alter Herr an uns vorüber . Er hatte schneeweißes Haar und ein schneeweißes Halstuch unter dem Kinn , und sein schwarzer Anzug glänzte wie Atlas in dem hereinfallenden Morgensonnenstrahl . Er zog zwar tief den Hut , aber mit sehr steifer , gemessener Haltung , und seine hellblauen Augen glitten förmlich feindselig hochmütig an der nachlässigen Erscheinung meines Vaters hin . » Wer ist das ? « fragte ich leise , als er rasch , aber mit außerordentlich viel Würde draußen den Teich umschritt ; bei seinem unvermuteten Erscheinen war es mir wie ein jäher Stich durch das Herz gefahren . » Der alte Buchhalter der Firma Claudius , « sagte mein Vater . » Er ist dein Nachbar - hast du ihn vorhin nicht singen hören ? « Ein sarkastisches Lächeln flog um seine feinen Lippen , während er einen Blick auf den eifrigen Morgensänger zurückwarf , der eben im gegenüberliegenden Gebüsch verschwand . Zwei Stunden später ging ich denselben Weg an Ilses Seite , den Weg nach dem Vorderhaus . Ilse trug den Blechkasten mit den Wertpapieren meiner Großmutter unter ihrem schwarzen Umschlagetuch ; sie hatte ihre Reisetoilette noch durch ein Paar dunkler baumwollener Handschuhe vervollständigt und sah ganz feierlich aus . Heute war das Kiesrund leer ; dafür herrschte desto regeres Leben im Blumengarten . Der Schubkarren kreischte im Sand der Wege , zwischen den Beeten wandelten Leute in der Arbeitsbluse , Blume um Blume in Bouquets einfügend , und aus Rosenhecken , hinter Spalieren tauchten Männerköpfe empor , die uns erstaunt nachsahen . Als wir in die Nähe des großen Gewächshauses kamen , trat der alte Buchhalter aus der Thür . Er war ohne Hut ; von dem ehrwürdigen , blütenweißen Scheitel ging ein förmliches Leuchten aus . Er sprach mit dem jungen Herrn , der , wie es schien zum