: die geliebte Gattin tot , den einzigen Sohn ferne auf eigenen , rauhen Wegen . Wahrlich , der Mann hätte versiechen müssen wie in der Wüste ein Quell , wenn nicht in unserer jungaufstrebenden Literatur sich eine Welt für seine freudige Beschaulichkeit eröffnet hätte . Mit dem Blicke des Humanisten und des Menschenfreundes folgte er auch den wildwuchernden Trieben jener Zeit , und sein Herz schlug in höchster Beseligung , wenn er etwas dauernd Edles für sein der veredelnden Schönheit so bedürftiges Volk entdeckt hatte ; am reinsten aber strahlte seine Freude , sobald er sie , seis auch nur einen schwachen Widerstrahl , erwecken sah . Er empfing daher das anklopfende Kind wie einen Sendling Gottes , denn bis zu einem gewissen Grade fand er in ihm Aufmerksamkeit und Verständnis für seine Welt . Jeden Nachmittag von diesem ersten ab kehrte ich in seiner Klause ein ; jeden Abend führte er mich zurück bis an die Schwelle jener anderen Klause , in welcher eine Eremitin entgegengesetzten Schlags ihre Weisheit vernehmen ließ , und seine Hoffnung wurde nicht müde , wenn auch die Lehren des alten Weltkindes eindringlicher als die des platonischen Jüngers in beider Zögling hafteten . So war ich denn in doppelter Weise in die hohe Schule der Reckenburg eingeführt , und wenige Studiosi werden sich rühmen dürfen , so selten ein unkluges oder verbrauchtes Wort von ihren Meistern gehört zu haben . Am lautesten und erweckendsten aber sprach mir die Dritte in dem bildenden Bunde : die Natur ? - nein , mit dem stolzen Namen nenne ich sie nicht , aber meine von Tage zu Tage inniger vertraute , altväterliche Flur . In ihr wußte ich mich auszufinden , in ihr kannte ich Weg und Steg , sie wurde die Welt , in der auch ich eines Tages zur Eremitin werden sollte . Die ursprüngliche Neigung trieb mich nicht in den Gesellschafts- und nicht in den Büchersaal , sie trieb mich in einen Winkel heimischer Erde , in dem ich mir eine Werkstatt gründen durfte . Indessen machte ich Fortschritte , und meine kluge Tante war nicht spröde , dieselben zu verwerten . Bald sah ich mich von der akademischen Lernfreiheit in Kontor und Schreibstube abgelenkt . Ich sagte bereits , daß ich gleich in den ersten Tagen zum Dolmetscher ihrer mündlichen Befehle berufen ward . Die knappe , präzise Art , mit welcher Meldung und Gegenmeldung ausgerichtet wurden , nicht minder die Schwäche , welche häufig genug die Feder aus der Hand der unermüdlichen Greisin sinken ließ , erweckten den Versuch auch im schriftlichen Gebiet . Bald vollzog ich unter ihrem Diktat die Anweisungen und Antworten an Beamte , Gerichtshalter , Behörden und so weiter ; mit rascher , deutlicher Handschrift wurde in wenigen Minuten expediert , womit die zitternden Finger sich tagelang abgequält hätten , und nach wenigen glücklich gelösten Stilproben sah ich mich zum selbständigen Sekretär der Reckenburg aufgerückt . Noch aber lag das Heiligtum des geheimnisvollen Kassabuchs unenthüllt auch vor meinen Blicken , und just für dieses Alpha und Omega ihres Tageslaufs bedurfte die glückliche Sammlerin am dringendsten eines zuverlässigen Disponenten , so daß am Ende auch aus dieser Not eine Tugend gemacht werden mußte . Ich will Euch , meine Freunde , nicht des breiteren mit meiner Reckenburger Lehrzeit beschäftigen , zumal ich in meiner Darstellung weit über die Gegenwart hinausgegriffen habe . Alles in allem : Ich wurde im Laufe der Jahre die rechte Hand der Gräfin in ihrem weitläufigen Geschäftsverkehr , sie erzog sich in mir einen Verwalter . Täglich arbeitete ich einige Stunden unter ihren Augen in dem verrufenen Turmgemach , und so geschah es , daß nach innen wie außen ich , und ich allein , den Wert eines Besitztums kennen lernte , welches eines Tages anzutreten ich weder ein Recht noch eine Aussicht hatte . Denn so fest ich mit der Zeit in das Vertrauen der Greisin hineinwuchs , darüber konnte ich mich nicht täuschen , daß nur ihr Verstand , nicht das Gemüt sich der Verwandtin zuneigte , die sie immer näher an sich zog . Sie half ihr arbeiten , weiter nichts . Nur eines Menschen Schicksal kümmerte sie noch auf Erden , nur im Hinblick auf einen Menschen ruhte die rastlose Seele aus . Ich aber mit dem natürlich spröden Herzen , wie hätte ich mich einem Wesen anschließen sollen , das mir so wenig entgegentrug ? Ich schätzte die Gräfin nach einem anderen Maßstabe , als die Welt es tat ; ich bildete mich in wesentlichen Punkten an ihrer Erfahrung , aber selber eine dankbare Empfindung ward nicht herausgefordert , denn ich leistete ihr mehr als sie gewährte , und ich leistete es ohne Eigennutz . Geliebt habe ich die einzige Verwandtin so wenig , wie sie mich . Zwischen dem alten Idealisten im Pfarrhause und der alten Realistin im Turm entwickelte sich die Jungfrau als ein herzensarmes Ding , so , ja mehr noch , wie vordem das Kind in der Schulstube Christlieb Taubes neben der kleinen , reizenden Dorl . Als die vorausbestimmte Zeit meiner Heimreise heranrückte , machte die Gräfin mir und den Eltern den Vorschlag meiner Rückkehr im nächsten Winter . Sie sprach ihn aus in weniger herablassender Form als die der ersten Einladung , aber doch nur als eine Gunst , keineswegs als einen Wunsch . » Wie du einmal bist , « sagte sie , » ist es gut für dich , der kleinstädtischen Beschränkung deines Vaterhauses zeitweise entrückt zu werden und dich in einer größeren Lebensordnung bewegen zu lernen . « Verlockender war die Einladung , welche an die wiederholentlich bewährte Leibpflegerin , » Madame Müllerin « , erging . Sie sollte zwar während des Sommers , der guten gräflichen Saison , mich in die Heimat zurückbegleiten , zum Herbst aber mit mir wiederkehren und sich dauernd in Reckenburg niederlassen . Ein fixes Gehalt für den Dienst im Schlosse wurde bewilligt , und zu freierer Bewegung in ihrer Kunst - den im Dorfe erledigten