mit Mühe seine Reinheit und Klarheit vor den nützlichen , aber schmutzigen und erbarmungslosen Mächten und Kräften da droben auf der Hochebene gerettet hatte . Die Bewohnerin der Mühle , die Frau Klaudine Fehleysen , lag bleich und müde auf ihren Kissen und horchte dem Tropfenfall , wie ein Kranker dem Ticken seiner Uhr horcht . Die Frau Klaudine war ganz allein mit dem leisen Spiel des Wassers ; die Magd war ins Dorf gegangen , um Brot zu kaufen , und der Spitzhund vom Bumsdorfer Gutshofe hatte tiefer im Walde auf einem Spaziergange einen Igel getroffen und natürlich fürs erste keine Zeit , an die Mühle , die Herrin und seine Pflicht zu denken . Die Frau Klaudine war so oft , so lange und so durch ihren eigenen tiefsten Willen allein , daß sie gewöhnlich kaum noch ein Bewußtsein ihrer Einsamkeit besaß ; aber heute mußte sie unwillkürlich wieder einmal darüber nachsinnen , und diese Gedanken hätte doch weder die tapfere , treue Christine noch der redliche , biedere Spitz des Onkels Bumsdorf von ihrer Seite fernhalten können . Sie kamen , wenn auch nicht gefürchtet , so doch ungebeten zu Unserer Lieben Frau von der Geduld , und sie kamen wie in dem hellen Sonnenstrahl die Sonnenstäubchen und tanzten ihren Tanz , grade weil der Tag schön und der Himmel blau war , grade weil die Sonne schien und es eine Sünde gewesen wäre , das Fenster zu schließen und die Vorhänge zuzuziehen . An einem stürmischen Tage voll dunkel treibenden Regengewölkes hätten sie sich vielleicht ferngehalten und nicht gewagt , in den Bezirk der Mühle einzudringen : aber , wie gesagt , die Frau Klaudine fürchtete sich zu keiner Zeit vor ihnen , und zu jeder Zeit hatten sie freien Eintritt , wenn sie kommen wollten . Andere Frauen können in solchen Stunden geheime Schubfächer aufschließen und mit einem Schoß voll greifbarer Angedenken niedersitzen zum weinerlichen oder heitern Verkehr mit der Vergangenheit ; die Frau Klaudine hatte bei ihrer Flucht in die Wildnis nichts von derartigen Zeichen und Symbolen glücklicher und unglücklicher Augenblicke oder Lebensepochen gerettet . Sie hatte sowohl das Stammbuch ihrer Mädchenjahre wie den Brautkranz und die ersten Schuhe ihres Kindes verloren : und hundert andere Dinge , welche sie gleich allen andern Frauen einst unter ihren teuersten Kleinodien fest verwahrt hielt , mußte sie fremden Menschen zurücklassen und wußte nicht , wer sein Spiel damit treiben durfte und in welchem Winkel sie verkamen . Die Frau Klaudine hielt heute eine Musterung über alle diese Schätze , welche nicht mehr existierten . Keiner der Namen , die in jenem Album standen , war ihrem Gedächtnis entfallen ; wenn sie die Augen schloß , vernahm sie deutlich das lange verklungene Summen und Kichern und - da - da war der hübsche , bunte , leichtherzige , leichtsinnige Kreis : Assuérus , roi de Perse , Klaudine - Esther , reine de Perse , Rosalie - Mardochée , oncle d ' Esther , Juliane - Aman , favori d ' Assuérus , Madame Euphrosine Babillot aus Lausanne in der französischen Schweiz , und so weiter durch den ganzen Jean Racine . Ah , es ist etwas , in der Katzenmühle auf den leisen Fall des Wassers und jene Stimmen zu horchen : Courons , mes soeurs , obéissons . La reine nous appelle : Allons , rangeons-nous auprès d ' elle ! Aber der Kranz der Freundinnen war zerrissen und zerstreut wie jener andere Kranz , welchen Klaudine an ihrem Hochzeitstage trug ; die winzigen roten Kinderschuhe wurden in den Kehricht geworfen wie der rostige Heckpfennig und der unsichtbarmachende Däumling : niemand kannte ihren Wert . Die Frau Klaudine in der Mühle erinnerte sich an manche stille , liebliche Stunde , welche sie vor Jahren in ihrem reichen , stattlichen Hause , eingewiegt von allen Bequemlichkeiten des Lebens , über diesen und so vielen andern Schätzen verträumte . Sie dachte aber auch daran , wie sie , so oft und grundlos verstimmt , verdrießlich , mißgelaunt , unter denselben Schätzen gehockt habe , und dann dachte sie an den plötzlichen Sturmwind , der uns erfaßt und zur Seite schleudert , ehe wir nach einem Halt greifen können , der unsere Mauern eindrückt , unser Dach abdeckt , unser Eigentum , alles , was uns lieb und wert ist , in alle Welt hinauswirbelt und uns nichts übrigläßt von dem , was wir uns bis in den Tod gesichert hielten . Die Frau Klaudine fürchtete sich auch vor diesen Erinnerungen nicht mehr ; auch ihnen blickte sie geduldig ins Gesicht , und sie versanken wie in einem tiefen stillen See und erregten keine Kreise auf der lichten ruhigen Fläche . Eine Hoffnung genügte der Greisin , und in ihr trug und entbehrte sie alles , was der Menschen Leben sonst ausmacht . Außerhalb ihrer Klausur mochte man davon reden wie von einer fixen Idee , einer leichtern Form des Wahnsinns : das Weib , welches alles übrige ohne Zögern aufgegeben hatte , ließ sich das eine nicht entreißen . Horch , eines Pferdes Hufschlag im Walde ! Die Einsiedlerin in der Mühle richtete sich lauschend auf und beugte sich vor in ihrem Lehnstuhl . Da ist sie ! Da kommt sie ! ... Die großen Wasser , die glänzenden Ströme rauschen fernhin , mir gehören nur die einzelnen verlorenen Tropfen zu ; aber sie kommt , und es wäre kein Wunder , wenn mein Bach von neuem erwachte und sich mit dem alten lustigen Sprunge vom Felsen stürzte und selbst mein arm zerbrochen Rad dort aus dem Schlafe weckte . Sie kommt , und der Weg lacht unter den Füßen ihres Rosses . Sie kommt wie meine Jugend - ach weh , nein , nein ! Nicht wie meine Jugend ; soviel Glück wie mir ist ihr nicht gegeben ; Schmerzen und Ärgernisse bedrängen ihr süßes Herz schon in der Frühe , und niemand kann ihr helfen , sich derselben zu erwehren . Spring an , Prospero