. « Elisabeth hörte dieser Schilderung nachdenklich zu . Sie hatte bereits die Erfahrung gemacht , daß jene kalte Ruhe auf Momente bedeutend aus dem Geleise weichen konnte , und erzählte dem Vater die Szene , deren Zeugin sie gewesen war . » Nun , da ist ja das Strafgericht schneller hereingebrochen , als sich denken ließ , « sagte Ferber . » Möglich , daß der Onkel mit seinen Aeußerungen auch das Seinige dazu beigetragen hat - der kennt keine Rücksicht , sobald er um sein Urteil befragt wird . Er hat dem Schloßherrn so reinen Wein eingeschenkt , daß auch nicht ein Jota von dem auf seinem Herzen blieb , was ihn im Verlaufe eines Jahres ergrimmt hat . « 10 Kaum eine Woche war seit jenem Abende vergangen . Diese wenigen Tage aber hatten einen gewaltigen Umschwung im Lindhofer Schlosse hervorgebracht , wie man hörte . Der entlassene Verwalter war bereits durch einen neuen ersetzt , dem jedoch sehr enge Grenzen gesteckt waren , indem der Gutsherr sich selbst die Oberaufsicht vorbehielt . Einige Taglöhner , die man eigenmächtig verabschiedet hatte , weil sie dem Ortsgeistlichen anhingen und der Bibelstunde im Schlosse einigemal untreu geworden waren der dringenden Arbeit wegen , oder auch , weil sie vom Kandidaten Möhring das Wort Gottes nicht hören wollten , arbeiteten wieder nach wie vor auf dem Gute . Gestern , als am Sonntage , hatte Herr von Walde in Begleitung der Baronin Lessen und der kleinen Bella dem Gottesdienste in der Dorfkirche zu Lindhof beigewohnt . Herr Kandidat Möhring war zum Erstaunen der Gemeinde als Zuhörer neben der Orgel erschienen - und mittags hatte der würdige Dorfpfarrer im Herrschaftshause gespeist ... Doktor Fels kam jeden Tag nach Lindhof , denn Fräulein von Walde war krank . Das war jedenfalls der Grund , weshalb Elisabeth bisher keine Aufforderung erhalten hatte , wieder zur Stunde zu kommen , und auch die Ursache , meinte der Oberförster , daß die Baronin Lessen der Verbannung nach Sibirien entgangen sei ; » denn « , sagte er , » Herr von Walde wird kein solcher Barbar sein , die kranke Schwester noch kränker zu machen , indem er ihr den liebsten Umgang raubt , und wenn das auch nicht gerade die Baronin ist , so hören doch mit ihrer Entfernung selbstverständlich auch die öfteren und langen Besuche ihres Sohnes auf . « Das war boshaft , » aber unumstößlich richtig kalkuliert « , wie er hinzufügte . Im Dorfe wußte man , daß es auf dem Gute furchtbare Stürme gegeben hatte , bis die Luft rein geworden war . Herr von Walde hatte die drei ersten Tage nach seiner Ankunft allein auf seinem Zimmer gegessen und sämtliche Briefchen der Baronin , mit denen die alte Kammerfrau zu allen Tageszeiten vor seiner Thür gesehen worden war , zurückgewiesen , bis endlich das heftige Unwohlsein seiner Schwester ihn mit der Kousine im Krankenzimmer zusammengeführt hatte . Seit jenem Tage war der Verkehr scheinbar wieder im Geleise , wenn auch die Bedienten erzählten , daß bei Tische fast kein Wort gesprochen werde . Herr von Hollfeld war auch einmal herübergekommen , um den Heimgekehrten zu begrüßen ; man wollte aber bemerkt haben , daß er nach sehr kurzem Aufenthalte mit einem bedenklich langen Gesichte wieder heimgeritten war . An einem trüben , regnerischen Augusttage war Elisabeth von Fräulein von Walde ersucht worden , doch auf eine halbe Stunde ins Schloß zu kommen . Die Dame war nicht allein , als das junge Mädchen eintrat . Im Fenster saß Herr von Walde . Die hohe Gestalt in einem Fauteuil zurückgelehnt , berührte sein Kopf leicht die hellbekleidete Wand , wodurch das dunkle Braun seines Haares auffallend hervortrat . Seine Rechte hing , die Zigarre zwischen den Fingern haltend , nachlässig vom Fenstersimse herab , während er die Linke gehoben hielt , als habe er soeben gesprochen . Seine Nachbarin , die Baronin Lessen , hielt den Oberkörper vorwärts gebeugt und schien seinen Worten mit einem äußerst verbindlichen Lächeln zu lauschen , obgleich die Rede augenscheinlich nicht an sie selbst , sondern an Helene gerichtet war ; sie saß ihm ziemlich nahe und hatte eine Häkelarbeit in der Hand ; im ganzen sah die Gruppe sehr friedfertig aus . Auf einer Chaiselongue lag Fräulein von Walde . Ein weiter Schlafrock umhüllte die kleine Gestalt , und die schönen braunen Locken waren unter ein Morgenhäubchen gesteckt , dessen Rosabänder die krankhafte Blässe ihres Gesichtes noch mehr hervorhoben . Auf ihrem ausgestreckten Finger saß der Kakadu ; sie hielt ihn von Zeit zu Zeit liebkosend an ihre Wange . Das » abscheuliche Tier « hieß jetzt Liebchen , durfte schreien , soviel es wollte , und wurde höchstens durch ein mitleidiges : » Was ärgert denn mein Herzchen ? « zu beschwichtigen gesucht - also auch hier Versöhnung und vollkommener Friede . Bei Elisabeths Eintreten winkte Helene ihr freundlich mit der Hand entgegen ; es entging jedoch dem jungen Mädchen nicht , daß sie mit einer leichten Verlegenheit zu kämpfen hatte . » Lieber Rudolf , « sagte sie , indem sie Elisabeth bei der Hand nahm , » du siehst hier die liebenswürdige Künstlerin , der ich manche genußreiche Stunde verdanke ... Fräulein Ferber - von ihrem Onkel und bereits auch in der Umgegend Goldelschen genannt - spielt so hinreißend , daß ich sie bitten will , uns heute den trüben , grauen Himmel vergessen zu machen . Sie sehen , liebes Kind , « wandte sie sich an Elisabeth , » daß ich noch unfähig bin , Ihnen am Klavier Gesellschaft zu leisten ; wollen Sie die Freundlichkeit haben , etwas allein zu spielen ? « » Von Herzen gern , « erwiderte Elisabeth , » aber ich werde sehr ängstlich sein ; denn Sie haben mir selbst zwei unbesiegbare Mächte entgegengestellt , die Wolken da draußen und das günstige Vorurteil , das Sie soeben für mein Spiel geweckt haben . « » Darf ich mich jetzt auf eine Stunde