, die er neben ihr verloren hatte . Sie hatte schon oftmals den Vorschlag gemacht , den Caplan in die Stadt kommen zu lassen oder auf das Land hinaus zu gehen , damit der Baron seinen gewohnten Gesellschafter nicht länger zu entbehren brauche ; aber Beides hatte der Freiherr abgelehnt . Wie des Menschen Ideen und Gedanken aber ihre wunderlichen Wege nehmen , wenn sie sich in das Unbestimmte verlieren , so fiel ihr plötzlich ein , es wäre am Ende gar nicht so schlimm gewesen , wenn Fräulein Esther noch hier im Hause gelebt hätte , wenn sie und der Baron von Anfang an nicht so allein in dem Hause gewesen wären . Kaum aber hatte sie das gedacht , als sie plötzlich einen starken Lavendelgeruch zu spüren glaubte . Sie richtete sich auf , blickte umher , die Thüren waren geschlossen , die Damastvorhänge vor denselben herabgelassen , es regte sich kein Lüftchen im Zimmer , die Nachtlampe brannte ohne alle Bewegung . Sie legte sich also wieder in die Kissen zurück , und abermals strömte der Lavendelgeruch , den Fräulein Esther vorzugsweise geliebt hatte , und den man noch vielfach in den Schränken und Schubladen bemerken konnte , über Angelika ' s Antlitz hin . Sie überlegte , woher der Duft jetzt eben kommen könne , und als sie im Zimmer umhersah , bemerkte sie , daß von der großen Bronce-Vase , welche auf dem Kamine stand , der Deckel verschoben war . Das fiel ihr auf , denn sie hatte nie gesehen , daß die Vase zu öffnen sei , sondern sie für eine jener alterthümlichen Zierathen von Bronce gehalten , die eben nur als Zierath dienen . Behutsam stand sie auf , warf ihr Morgengewand über und ging an den Kamin , um den Inhalt der Vase kennen zu lernen . Als sie den Deckel abhob , fand sie auf einer dicken , weich wattirten Unterlage , die mit welken Lavendelblättern überstreut war , ein uraltes , kleines katholisches Gebetbuch , in Sammet gebunden , ein elfenbeinernes Crucifix und einen Rosenkranz von emaillirten Goldkugeln , der an einem kostbaren antiken Betringe befestigt war . Wie man diese Gegenstände hier habe unbeachtet liegen lassen können , wenn sie Fräulein Esther im Gebrauch gehabt hatte , konnte Angelika sich nicht erklären . Sie trat an die Lampe heran , zu sehen , ob sich vielleicht ein Name oder ein Wappen auf dem Ringe befinde ; es war aber nichts der Art vorhanden . Nur in dem Gebetbuche standen unter dem Bilde des Heilandes in kaum leserlicher Schrift , als habe ein Kranker sie mit zitternder Hand geschrieben , die Worte : » Mein Freund in der Noth ! Der Stab , der mich hielt , da ich schwankte , die Stütze , an der ich mich erhob , das Licht , dessen Leuchten mir einst die lange Nacht erhellen wird ! Möge es zu rechter Stunde in die rechten Hände fallen und Segen bringen , wie es mir Segen gebracht hat ! Das ist das kostbarste Vermächtniß , das ich zu hinterlassen habe . Mein Gebet wird bei Dir sein in der Stunde Deiner höchsten Noth , bete auch Du für meine Seele , wenn ich nicht mehr bin . « Angelika las die Worte wieder und wieder ; sie erschütterten sie durch ihre einfache und innerliche Kraft . Sie hatte nie zuvor ein Crucifix und einen Rosenkranz in Händen gehalten . Unwillkürlich legte sie ihre Hände zum Gebet zusammen , und es bewegte ihr das Herz , daß sie mit ihrem Glauben nicht zu ihrem Manne gehörte . Sie mußte immerfort an Esther denken , und das Bild der Verstorbenen , welches ihr bisher durch seinen kalten Ausdruck so unheimlich gewesen war , übte plötzlich eine solche Anziehungskraft auf Angelika aus , daß sie ein lebhaftes Bedauern darüber fühlte , die Tante nicht gekannt zu haben , daß sie Verlangen trug , von ihr zu hören und zu wissen . Sie konnte den Morgen kaum erwarten , um dem Baron ihre Entdeckung mitzutheilen . Auch er war überrascht . Es war ihm auffallend , daß er diese werthvollen Gegenstände bei Lebzeiten seiner Tante nie gesehen , daß er nie von ihnen gehört hatte . Angelika fragte , ob es Esther ' s Handschrift sei ; der Baron verneinte es . Er glaubte eher die Handschrift seiner Schwester darin zu erkennen , aber die Züge waren so weit ausgedehnt , die Buchstaben durch das Zittern der Hand entstellt , und wie diese Sachen hierher gekommen waren , wenn sie seiner Schwester angehört , war ihm eben so unklar , da seine Mutter Alles , was Amanda besessen , wie Heiligthümer aufgehoben hatte . Man ließ also Mamsell Marianne rufen ; man befragte sie , und diese kannte die Gegenstände allerdings , aber sie schien selbst überrascht , sie wieder einmal zu sehen , und wußte auch nichts Näheres darüber anzugeben . Mein gnädiges Fräulein , sagte sie , hat sie freilich einmal vor sich liegen gehabt , als ich in das Zimmer getreten bin ; das ist aber viele Jahre her , und ich habe die Sachen seitdem niemals wieder zu Gesicht bekommen . Dazu werden der gnädige Herr sich auch erinnern , daß das Fräulein Tante nicht gefragt zu werden liebten , wenn sie nicht von selber sprachen . Benutzt hat mein Fräulein den Rosenkranz und das Crucifix niemals . Sie hat immer nur mit dem kleinen goldenen Crucifix gebetet , das sie schon auf der Brust getragen hat , als ich vor dreißig Jahren zu ihr kam , und das hat sie auch in der Hand gehalten an dem Morgen , an welchem wir sie eingeschlafen gefunden haben . Aber warum machten Sie mich nicht aufmerksam darauf , daß diese werthvollen Andenken in der Vase lägen ? fragte die Baronin . Mamsell Marianne entgegnete , sie habe das selbst gar nicht gewußt . Ich habe die Vase ja alltäglich beim Abstäuben in der Hand gehabt