es sich versah . Es war ein Morgen , wie man ihn sich wünscht zu allem Angenehmen und Guten : zu Hochzeiten und Kindtaufen , zu Landpartien und vor allem zur Reise in die Fremde . Wenn es am Tage vorher merkwürdig schlechtes Wetter gewesen war , so ging heute die Sonne so schön auf , als wolle sie Hans Unwirrsch ein ganz besonderes Zeichen ihrer Gunst und Zuneigung geben . Der Hahn auf dem Turm der Valentinskirche glänzte wie ein junger , eben aus den Flammen aufgestiegener Phönix , und Kirche und Turm warfen ihren Schatten ungemein behaglich über den grünen Kirchplatz und die Dächer der nächsten Häuser . Noch schliefen die meisten Leute , und wenn nicht ein sehr wacher und vergnügter Hund , der in einem Bäckerladen eine Irische Semmel gestohlen hatte , von einem Lehrjungen mit großem Geschrei durch die Gassen verfolgt worden wäre , so hätte man glauben können , man befinde sich in einer verzauberten Stadt . Der Hund , der atemlose Lehrling und die plätschernden Brunnen waren bis jetzt die einzigen beruhigenden Zeichen dafür , daß Senatus Populusque Neustadiensis weniger verzaubert als verschlafen seien . In der ganzen Stadt gab es nur einen Verzauberten , und dieser war freilich ebenfalls sehr wach - und guckte seit drei Uhr in der Kröppelstraße aus einer Bodenluke - Hans Unwirrsch war ' s. Die Aufregung hatte ihn aus dem Bett gejagt und die Leiter emporgetrieben , welche zu seinem Lugaus hinaufführte . Nach dem Kalender sollte die Sonne um vier Uhr neunundfünfzig Minuten kommen , und es verlohnte sich schon , an einem so wichtigen Tage auf sie zu warten . Schon der Blick in den Nebel , welcher zwischen drei und fünf die Stadt , das Tal und die Berge verschleierte , wog das halbwache Träumen im Bett auf . Die Seele verlor sich ahnungsvoll in diesem Nebel , der die ganze Heimat verhüllte ; - wir haben in einem vorigen Buch einen Greis Bilder und Gestalten in solch wallendes Gewölk zeichnen lassen , aber eigentlich gehört der Nebel doch der Jugend - nur der Jugend ! Nur die Jugend hält den Zauberstab , der die rechten Bilder auf der grauen Fläche hervorzaubert ; die Jugend , die Jugend allein ist fähig , alles zu erfassen und zu finden , was in dem Nebel , dem geheimnisvollen Nebel verborgen liegen kann . Als er sich an diesem Morgen senkte und die Sonne strahlend hervorbrach , war das Herz des Jünglings so voll geworden , daß er nur mit Lebensgefahr die Leiter und die enge , halsbrechende Treppe niedersteigen konnte . Nimm Abschied von dem alten gekitteten und vernieteten Kaffeetopf , Hans ; - nimm Abschied von den henkellosen blauen Tassen . Nimm vor allen Dingen Abschied von der Glaskugel , und trotz allem Hunger nach der Ferne wirst du dich oft sehr , gar sehr nach ihrem vertrauten Leuchten zurücksehnen . Nimm Abschied von der verweinten Mutter und von der Base , die eine so schöne Haube zu Ehren der feierlichen Stunde aufgesetzt hat . Fasse dich , mein Junge ; nimm dir ein gutes Beispiel an dem Oheim Grünebaum , der als ein erfahrener Mann weiß , daß man zu einer langen Wanderung der Stärkung bedarf , und der zwischen Kauen und Schlucken recht jovial ein Wanderburschenlied summt und dich mehr als einmal versichert , daß du froh sein kannst , aus dem Nest und Käfig herauszukommen . - Es klopft an der Tür - Moses Freudenstein ist ' s. Er könnte zwar mit Extrapost fahren , aber aus alter Freundschaft hat er sich entschlossen , mit dir , Hans Unwirrsch , das neue Leben zu Fuß zu beginnen . Sei ein Mann , Hans , fahr schnell mit dem Ärmel über die Augen , daß der Schulgenosse dich nicht auslache wegen deiner Weichmütigkeit ! - Moses Freudenstein sah die Träne im Auge des Freundes nicht ; er befand sich im Geist bereits auf der Landstraße ; ungeduldig schwang er den Wanderstab : » Auf , auf , Hans ! Es ist höchste Zeit , daß wir aufbrechen . Es ist nicht angenehm , in der vollen Sonnenhitze auf der Landstraße zu schwitzen . « » Na , denn , Christine « , rief der Oheim Grünebaum , » haue deinem Lamento den Schwanz ab und gib jetzt den Jungen frei . Habt Euch nicht , Base Schlotterbeck , Ihr seid doch sonsten ein fermes Frauenzimmer . O Weibsen , Weibsen , ihr seid mir ein paar rare Exemplare , und nun hat der Junge auch wieder an die Zwiebel gerochen . Ach du liebster Gott , wenn das nicht über alle Fontänen geht , so will ich mir meine eigene Nase besohlen , beflecken und vorschuhen ! O du grundgütiger Heiland , Herr Freudenstein , wie nannten doch die alten Griechenländer solch einen Gesang ? « » Vielleicht würden sie ihn durch das Wort Threnodie bezeichnet haben « , antwortete Moses . » Richtig ! Ganz recht ! Ich konnte mir nur nicht gleich darauf besinnen ! Eine Tränodie ! Und jetzt ist es aus und zu Ende damit , sage ich euch ; der Deibel hole eure Wasserwerke ! Packe auf , Hans , und marsch ! Die Weiber bleiben zurück von wegen dem öffentlichen Anstand ; ich als unaffizinierter Vormund marschiere mit bis zum Tor , und dann Gott befohlen und ' n fröhliches , fideles Wiedersehen ! « Hans Unwirrsch sackte den Tornister des Vaters auf ; drei Minuten später bog er zwischen Moses und dem Oheim um die Ecke der Kröppelstraße , und ungestört konnten die beiden armen Frauen ihrem Kummer und - ihrer Freude Luft machen . Vor der verschlossenen Tür des Trödelladens hatten sich drei alte Judenweiber , gegen welche der verstorbene Samuel dann und wann den barmherzigen Samaritaner spielte , samt der Haushälterin Esther eingefunden , um dem Sohne ihres Wohltäters ihren Segen und ihre Glückwünsche auf den Weg mitzugeben . Wir haben schon gesagt ,