Individuum äußern . Herr von Berkow war von Natur sehr gesund , ja auffallend kräftig organisirt , aber - es spricht ein Arzt zu Ihnen , gnädige Frau - er hatte diese kräftige Organisation durch ein ausschweifendes Leben zerrüttet . Was Anderen in seiner Lage zur Rettung wird - die Ehe mit einem keuschen , reinen Wesen - wurde ihm zum Verderben , denn er fühlte seine Unwürdigkeit , fühlte sie so tief , daß er an Ihrer Verzeihung , an Ihrer Liebe verzweifelte und sich widerstandslos einer finstern Melancholie überließ , in der er bald seinen Lebensmuth vollends aufzehrte . - Die Sünden des Vaters werden nicht heimgesucht werden an dem Kinde . Sollte sich wirklich eine Herzkrankheit herausstellen , so ist sie jedenfalls noch sehr wenig vorgeschritten und kann , zumal bei Julius ' Jugend und übriger kräftiger Constitution erfolgreich bekämpft werden . Darum , gnädige Frau , lassen Sie Ihre Sorge fahren ; vertrauen Sie mir und - vertrauen Sie Ihrem Stern , von dem doch endlich einmal die Wolken verschwinden müssen , die ihn bis jetzt verschleierten . Meinem Stern ? sagte die Dame mit einem wehmüthigen Lächeln . Meinem Stern ? Ach , Doctor , ich fürchte , der ist , wenn er jemals existirt hat , für immer untergegangen . Das wollen wir sehen , sagte Doctor Birkenhain , sich erhebend . Ich glaube nun einmal an gute Sterne , und vor Allem an Ihren guten Stern . Wer so schön und so lieb und so gut ist , wie Sie , der darf , der soll nicht unglücklich sein . Gute Nacht ! Doctor Birkenhain ergriff die Hand der Dame , führte sie ehrfurchtsvoll an seine Lippen und verließ das Zimmer . Sie saß , nachdem der Arzt sie verlassen , lange Zeit den Kopf auf die Hand gestützt , in tiefes Sinnen versunken . Wie in einem Traum zogen die Bilder ihres Lebens an ihres Geistes Aug ' vorüber . Sie sah sich als rothwangiges , wildes Kind in ihres Vaters Parke spielen mit einem ernsten , ungelenken Knaben , dem sie manchmal herzlich gut war und den sie ein anderes Mal nicht ausstehen konnte ; der , bald stolz und herrisch , sich ihren Launen widersetzte , bald , wenn sie ihm freundlich begegnete , keine Mühe und keine Gefahr scheute , ihre kindischen Wünsche zu erfüllen . Sie sah sich einige Jahre später in der Gesellschaft desselben Knaben und einiger anderer Knaben und Mädchen in dem Saale ihres väterlichen Schlosses nach den Tönen einer Violine sehr zierliche Pas machen , zum Entzücken vieler erwachsenen Männer und Frauen , welche die kleine Kokette mit Lobsprüchen und Liebkosungen überschütteten ; und sie sah den Knaben , dessen Ungeschicklichkeit sie in ihrem Uebermuth verspottete und verhöhnte , in einer Fensternische sitzen und bitterlich weinen . Sie sah sich , wieder einige Jahre später , in dem morgenfrischen Glanze sechszehnjähriger Schönheit und von allen Seiten umworben und gefeiert und den süßen , köstlichen Trank aus dem rosenumkränzten Becher des Lebens mit durstigen Zügen ahnungslos schlürfend ; von Freude zu Freude gaukelnd , wie ein leichtbeschwingter Schmetterling von Blume zu Blume , und doch in diesem seligen Genießen in der Tiefe des Herzens von einer wühlenden Unruhe erfüllt , der die goldige Gegenwart grau und farblos erschien im Vergleich mit der wunderherrlichen , farbenprangenden Zukunft , die alle Träume , alle Wünsche erfüllen würde . Sie hatte in dieser Zeit den ernsten , ungelenken Knaben aus den Augen verloren . Welch ' traurige Rolle hätte er auch gespielt in dieser duftenden , blühenden , nachtigallen-gesangerfüllten , kosenden , tändelnden Feenwelt ! Aber die Zukunft war Gegenwart geworden und hatte von Allem , was sie verheißen , nichts erfüllt - ein giftiger Thau war auf die bunten Blumen gefallen und hatte ihnen Farbe und Duft geraubt ; die Nachtigallen waren verstummt und über der frühlingprangenden Welt hing ein grauer , düsterer Schleier - ein Schleier , durch den hindurch entsetzliche Scenen vorüberhuschten - ein Vater , der vor der Tochter auf den Knieen liegt und sie bei seinem grauen Haupt , das er sich zerschmettern müsse , wenn sie seinen Wünschen nicht nachkomme , beschwört , einen Mann zu heirathen , den sie nicht liebt , vor dem ein instinctives Gefühl die Reine , Unschuldige warnt - ein Gatte , der - - weg , weg ihr Bilder , ihr grausigen Bilder , bei deren Erinnerung die Unglückliche nach so vielen Jahren noch jetzt schaudernd ihr Gesicht in den Händen verbirgt ! Und da tritt wieder die Gestalt des jetzt zu einem stolzen , kalten Mann gewordenen düstern , trotzigen Knaben heran , der ihr gegenüber den Stolz in Demuth und die Kälte in unendliche Güte und Liebe verkehrt , der ihr rathend , tröstend , helfend zur Seite steht , der , so viel er vermag , das Leid von ihr wendet , und wo er es nicht vermag , es ihr tragen hilft , ja , Alles womöglich auf seine Schulter nimmt . Wohl kommt ihr in dieser Zeit der Gedanke , daß dieser Mann mehr werth sei , als alle ihre phantastischen Träume , aber noch immer kann sie von den Idealen nicht lassen , die nun einmal ihr jugendliches Herz erfüllt haben . Sie quält den Mann , wie sie den Knaben quälte , sie schickt ihn auf Reisen , wie sie ihn früher aus dem Garten schickte , wenn er sich ihren Launen nicht sklavisch fügen wollte . Und nun kommen die friedlichen Bilder in der grünen Oede ihres Landguts verlebter Jahre , in welchen die Gestalten eines schönen , zarten Knaben , eines gutmüthigen , pedantischen Gelehrten und eines alten graubärtigen Dieners in den verschiedensten und immer ähnlichen Situationen stets wiederkehren - friedliche Bilder , über deren heiteren Farben doch ein gewisser Hauch der Wemuth , der unerfüllten Hoffnung , der unbefriedigten Sehnsucht liegt . Zwar denkt sie noch oft an den Mann , den sie in die Verbannung gesandt