ihrer wunderlichen Lage , die der der » Sklavin in goldenen Fesseln « nicht unähnlich war , zu beschäftigen , so gut es bei ihrem geringen Arbeitstriebe und den aufgewühlten Stimmungen ihres Innern gehen wollte . Wieder war sie ganz auf die Unterhaltung des Kammerherrn , auf seine Pflege angewiesen , denn der geistig Leidende kränkelte auch körperlich . Er gehörte dabei ganz zu den Kindern , die eine Tasse Milch nur von dieser Schwester , einen Teller Suppe nur von jener Magd wollen gereicht erhalten . Er nahm nichts als nur von Lucinden . Sonst trieb er sein altes Wesen . Er zeichnete , malte , porträtirte Köpfe , die ersten besten vom Oekonomiehofe oder aus der Brennerei , sogar Hunde und vor allen jetzt Türck , den nun von ihm besonders bevorzugten . Mishandelte er nicht die schönen Künste , so drechselte er , und wiederum verband er damit die stereometrische Philosophie des Sehers und Zukunftsphilosophen Laurenz Püttmeyer zu Eschede , einem kleinen Städtchen nördlich von Witoborn , rechtsab vom dem sogenannten großen nach dem Westen führenden » Hellwege « , der auch in der That in manchen Dingen der einzige helle Weg , die Straße des Lichts , durch eine große ägyptische Finsterniß genannt werden kann . Das Eckzimmer gehörte zu einer Suite von Zimmern , die dem Reichthum und den gesellschaftlichen Ansprüchen der Wittekinds entsprachen . Das Schloß war geräumig , aber nicht eben luxuriös gebaut . Die nüchterne Stimmung des vorigen Jahrhunderts hatte in baulichen Dingen nur das Nützlichkeitsprincip im Auge . Desto gewählter war aber theilweise die Ausstattung . Einige dieser Zimmer waren geradezu fürstlich , sowol in der Tapezirung wie in der übrigen Ausschmückung durch Marmor , Bronze und Glas . Nicht nur die Spiegel , auch die Tische , die auf geschweiften Füßen standen , boten die reichste Vergoldung ; die Platten waren von köstlichen Marmorarten und spiegelblank . In den Ecken standen Spieltische mit getäfelter und ausgelegter Arbeit von seltenem Geschmack und hohem Werthe . Das Schnitzen in Holz und Elfenbein ist von jeher in diesen Gegenden mit Meisterschaft getrieben worden . Die alten Bilder , wie die gelbsammtenen Ueberzüge der Möbel waren mit Staubvorhängen bedeckt . Diese Zimmer , wol fünf bis sechs an der Zahl , jedes in einem andern Geschmack , verzweigten sich nach den Seitenflügeln und nach der Hinterfronte mit Corridoren , die an den Wänden in ganzer Höhe , von der Erde bis an die Decke , mit Spiegeln bekleidet waren . An den Plafonds waren Malereien angebracht von einem keineswegs nazarenischen Geschmack . Einzelne Vasen , die auf Marmorgestellen die Einförmigkeit dieser Corridore unterbrachen , zeigten vortreffliche Malereien aus der Schule Albano ' s. Daß diese Corridore an den Wänden von rings hinlaufenden Divans , die gleichfalls mit gelbem , blumenartig gepreßtem Plüschsammt überzogen waren , begrenzt wurden , bewies , wie sie einst zu großen Gesellschaften gedient hatten . Auch fehlten alte Kronleuchter von langhängenden Krystalltropfen und Glasberlocquen nicht . An den Wänden waren Vorrichtungen angebracht zu Girandolen , immer zu fünf und fünf Flammen . Man sah es , daß hier einst ein regierender Minister eines der nahe gelegenen Fürstenthümer , dann ein quiescirter österreichischer Feldzeugmeister gewohnt hatten , dann und wann ein Erzbischof zu längerm Besuch gekommen war , alles Vorvordere , Angehörige und Verwandte des Hauses , zunächst bis auf die Mitte des vorigen Jahrhunderts zurück . Der jetzige Stammhalter liebte nicht mehr den Luxus . Doch hatte es auch bei ihm einst Zeiten gegeben , wo alles im Lichterglanz schwamm . Es waren nicht die Zeiten gewesen , wo noch die frühverstorbene Mutter des Regierungsraths und des Kammerherrn lebte , wohl aber unmittelbar darauf , wo es zuweilen hieß , die Damen , die eine Zeit lang hier hausten , wären Cousinen des regierenden Stammherrn oder Tanten und Nichten desselben . Meist aber waren es über Kassel gekommene Französinnen oder Italienerinnen , die eine Zeit lang blieben , mit Freudenfeuern empfangen wurden und plötzlich über Nacht verschwanden , ohne daß man je wieder von ihnen erfuhr . Gewöhnlich hörte man kurz vor diesen Abreisen in den eleganten Zimmern oben eine Scene , deren Charakter , um ihn volksthümlich zu bezeichnen , Mord und Todtschlag war . Dann wurde es plötzlich still ; aber auch so plötzlich , wie mit Geistern im Bunde . Zuweilen zuckte noch irgendein Laut auf , irgendwo in einem der düstern Pavillons des Parks , in irgendeinem der tiefgelegenen Keller des Schlosses ; dann war ' s für immer still . Verschlossene Wagen entfernten Nachts die von ihrem Glanz Herabgestürzten . Mit diesen Vorgängen stand , wie Lucinde im Pavillon erfahren hatte , der Name des Fräuleins von Gülpen oder der Frau von Buschbeck in Verbindung . Diese Räthselhafte war unverheirathet geblieben , war allerdings die Verlobte eines in Java dienenden Kriegers gewesen , lebte aber von keiner niederländischen Pension , sondern von einer Rente des Kronsyndikus , bei dem sie vor vielen Jahren mindestens ebenso viel gewesen war wie jetzt die Lisabeth , die von allen mit Respect behandelt wurde , obgleich sie nur eine Bäuerin war und vollkommen für Stephan Lengenich paßte . Der Kronsyndikus hatte sich nach den erinnerungsreichen Verirrungen der Vergangenheit ganz den Kreisen zugewandt , die nur unter ihm standen . Was Lucinde von allen diesen Dingen allmählich herausbekam , verdankte sie theils Klingsohr ' n , theils den alten Stammers , bei denen sie wohnte , vorzugsweise aber , da auch diese von der Vergangenheit bitter berührt zu werden schienen , dem selbst schon grauhaarigen Sohne derselben , einem buckeligen Musikanten , der im Lande herumstrich und der vorzüglichste Bote war , dessen sich Klingsohr für seinen Briefwechsel bediente . Der Kronsyndikus wohnte im Parterre , wo sein unruhiger Sinn gleich ins Freie konnte , wenn er bei den vielen Rathschlägen und Hülfen , die er leisten mußte und die auch Er nur allein leisten konnte , rasch zur Hand sein wollte . Manchmal blieb er des Nachts ganz aus