Urtheilen Sie in Ihrer Angelegenheit mit dem kalten Blute des Greises , nicht mit Ihrem heißen Herzen , und lassen Sie mich wissen , wofür Sie sich entschieden haben . Und was thäten Sie ? fragte Alfred . Ich habe durch vierzig Jahre gelernt , mein Glück in dem Wohle Anderer zu suchen ; ich habe nichts für mich erstrebt ; meine eignen Wünsche früh begraben . Fragen Sie mich nicht , es muß Jeder aus seiner eignen Natur den rechten Weg ermitteln . Gott sei mit Ihnen , werther Freund ! Alfred umarmte den Greis gerührt und eine Thräne perlte in seinen Augen . Ob sie der Zorn , ob sie der Schmerz erpreßt ? wer wollte das entscheiden , in einer Stunde , in der so verschiedene Gefühle ihn bestürmten ! XIII Die Nacht verging dem heftig Erregten ohne Schlaf . Er legte das Wohl seiner Untergebenen gegen seine eigenen Wünsche in die Wagschale ; er hielt es sich vor , wie man seinen Sohn von ihm trennen , ihn in einer Richtung erziehen werde , die ihm verwerflich schien . Bald wollte er Alles opfern , um nur frei zu werden , bald fühlte er den Muth , dem Glück der Liebe zu entsagen , um in Pflichterfüllung Ruhe und geistige Befriedigung zu erlangen . Je länger er wachte , je mehr erhitzte sich seine Phantasie . Jeder Athemzug des schlafenden Knaben berührte schmerzlich sein Ohr . Das Kind schlief so ruhig , es ahnte nicht , welch schweren Kampf sein Vater in sich kämpfte , wie er mit sich rang , dem Sohne das größte Opfer zu bringen . Alfred konnte keine Ruhe auf dem Lager finden , er stand auf , um dem Präsidenten den Vorfall zu berichten . Dann schrieb er dem Domherrn und bat , wenn sie zu schaffen sei , um eine Abschrift des betreffenden Codicills . Darüber kam endlich der Morgen heran , und noch lastete die in bangen Zweifeln verlebte Nacht schwer auf seinem Geiste . Die Stunden der Dunkelheit hatten seinen Blick in die Zukunft getrübt ; er sah die Welt in den düstersten Farben an , und athmete erst auf , als der erste Lichtstrahl in sein Auge fiel , als er das Licht wieder in der Natur erblickte . Damit wachte die Hoffnung in ihm auf , sein Muth belebte sich und die Fähigkeit zu kräftigen Entschlüssen fing sich in ihm wieder zu regen an . Aber sein Kopf glühte , sein Körper war fieberisch erregt , er ging hinaus ins Freie , um sich abzukühlen . Ein frischer Reif hatte sich über den Boden gelegt und zitterte glitzernd auf Gras und Laub . Es war empfindlich kalt , indeß diese Kälte that dem Aufgeregten wohl . Die Gegend erschien ihm doppelt schön , sein Besitz war ihm doppelt lieb , da er an die Möglichkeit dachte , sich von allem Diesem trennen zu müssen . Er band im Garten ein paar junge Bäume fest , die er einst selbst gepflanzt hatte ; es that ihm leid , daß man sie in seiner Abwesenheit nicht gehörig besorgt hatte . Mitten in der Arbeit hielt er inne : Das Schicksal eines Baumes bewegt Dich , sagte er , und Du könntest daran denken , das Loos aller Deiner Untergebenen , das Loos Deines Sohnes einer fremden Hand anzuvertrauen ? Unmöglich ! Sein Entschluß , in seinem bisherigen Wirkungskreise zu bleiben , befestigte sich in seiner Seele ; aber als er ihn gefaßt , als er ihn ganz durchdacht hatte , da drängte sich ihm schmerzlich die Frage auf , wie er es tragen werde , auf das Glück zu verzichten , das er sich in der Vereinigung mit Therese erhofft hatte . Er wollte ihr schreiben . Was sollte , was konnte er ihr aber sagen ? Er zweifelte nicht an ihrer Liebe , er wußte , daß sie die seine kenne . Durch Julian mußte sie erfahren , wie es ihm unmöglich werde , den Wünschen seines Herzens zu folgen ; wie er sich Dem opfere , was er für seine Pflicht halte . Zu schreiben fehlte ihm der Muth , dennoch verlangte er lebhaft sie wiederzusehen . Um die Frühstückszeit kehrte er in das Schloß zurück . Er küßte Felix und drückte ihn an sich mit einer Bewegung , die dem Knaben nicht entging . Lange hielt er ihn in seinen Armen fest , er erkaufte den Sohn mit dem Glück der eignen Zukunft . Sein Begegnen mit Caroline war kalt . So sehr er dagegen kämpfte , er konnte eines Grolles gegen sie nicht Herr werden , den er früher nicht empfunden hatte . Es war ihm , als stände nicht das Testament des Onkels , sondern sie allein zwischen ihm und seinen Wünschen , als trenne sie allein ihn von seinem Glück . Der Tag verging in Thätigkeit mancher Art. Er hatte Berechnungen durchzusehen , die Arbeiten im Felde und in den Fabriken zu revidiren . Eine Vermessung des Forstes war nöthig , sie sollte am heutigen Tage angefangen werden , und Alfred wollte dabei sein . Er ritt hinaus , nahm den Knaben mit sich ; aber er konnte die rechte Lust an der Arbeit nicht finden . Er fühlte sich innerlich gehemmt . Die Leute , mit denen er sprach , fanden ihn nicht so klar und so bestimmt wie sonst , ihm selber war zu Muthe , als trete er heute den Besitz aufs Neue an ; aber er freute ihn nicht , denn er litt noch zu sehr von dem Opfer , durch das er sich ihn erwarb und erhielt . Ein reitender Bote war zum Domherrn nach Maria-Gnad gesendet . Er kam zurück und brachte die Antwort , der Domherr werde wieder zu ihm kommen , und der würdige Greis hielt ihm sein Wort . Alfred ging ihm bis an die Grenze seines Parks entgegen . Des Domherrn Blicke fragten , was er beschlossen habe ? Alfred verstand die