Bild ihrer Seele vorüber , wie Duguet nach dem allerersten Abschiedsleid in seinen Armen sie nach Hause getragen , als wolle er mit ihr dem Schmerz entlaufen . Beim Frühstück fand Anna Leontinen fast noch besorgter , als sie selbst war . Gotthard ließ um Erlaubniß bitten , einen Augenblick zu den Damen herüberzukommen ; sie ward ihm gern gewährt ; man ist so ungern allein , wenn man sich fürchtet . Gotthard trat in seinem mit Pelz gefütterten Jagdrock ein ; er näherte sich der Gräfin mit der Frage , ob sie ihm gestatten wolle , eines der im Stalle befindlichen Pferde zu benutzen , um nach Grindelwald zu reiten . Anna sagte ihm , Duguet sei bereits hin , sie nehme indessen sein Anerbieten an , da jener der Sprache nicht mächtig . Wenige Minuten später hörte sie das Pferd vorübertraben . Und nun begann von Neuem und in immer sich steigerndem Grade die Seelenmarter des Wartens . Diese Qual der Frauen - Männer kennen sie nicht , sie werden zornig , sie laufen fort , sie handeln , sie zertrümmern sogar - Frauen müssen warten ! Ach , wüßten Männer , was es ist , für so ein armes gequältes Frauenherz , zu warten , sie würden diese trostlose Pein nicht so oft über uns verhängen ! - Mich dünkt , ich würde dem Himmel entsagen , wenn ich ihn lange , lange erwarten sollte - wenigstens bedürfen unsere Seelen keines Fegfeuers . Das Warten der Liebenden auf den Geliebten , der Gattin auf den Gatten , der Mutter auf den nicht heimkehrenden Sohn - dies Uebermaß tausendgestaltiger Angst mag wol als unser Fegfeuer schon auf Erden gelten . Gegen Abend zog der Lärm vieler Schritte auf dem Steinpflaster und das dumpfe Gemurmel leiser Menschenstimmen von der Gasse herauf - sie kommen ! Langsam , Schritt vor Schritt , nahte der Char-a-banc , Gotthard ritt daneben , mit angestrengter Kraft hielt die eine Hand sein Pferd zurück , die andere wehte grüßend mit dem Tuch ; augenscheinlich traute er sich des Geräusches wegen nicht , Trab zu reiten . Im Wagen lag Otto , ob todt , ob verwundet , ließ sich nicht unterscheiden . Vrenely und Duguet hielten ihn stützend in ihren Armen . Gott sei Dank , er lebt ! rief Leontine , ich sehe es Herrn Gotthard an . Anna war bereits unten am Thore , Gotthard stand vor ihr . Ja , er lebt ! aber er ist verwundet , doch hoffe ich , nicht gefährlich . Ohne weitere Worte schlossen sich beide dem nach der Treppe hingewandten Zuge an . Vrenely hatte fortwährend des betäubten , wie es schien , bewußtlosen , Otto Haupt auf ihrer Schulter und trug mit , muthig und fest wie ein Mann . Das Tuch , das sie im Wagen über den Kopf genommen gehabt , war zurückgesunken , in reicher Fülle fielen ihre dunkeln Locken und Flechten über Hals und Achsel und umschleierten ihr und Otto ' s bleiches Gesicht ; sie sah aus wie eine Mater dolorosa . Otto ward auf ein Ruhebett in einem an den Salon stoßenden Zimmer gelegt ; Anna hatte schon einen Wundarzt rufen lassen . Mit unhörbar leisen Bewegungen trug Leontine alles herbei , was zu des Kranken Pflege dienen konnte . Sophie , früh an solche Scenen gewöhnt , bereitete still dem Wundarzt das Nöthige zum neuen Verbande ; Duguet hatte ihr gesagt , daß Otto den Arm zwei Mal gebrochen . So erwachte , nach einem leichten Aderlaß , der so lange Jahre Vereinsamte , rings von liebenden , sorgenden Blicken umgeben , fast wie zu einem schmerzlichen Glück ; keiner hatte ihn aus den Augen verlieren wollen . Anna ! war sein erster Laut ; als er sie neben sich sah , reichte er ihr die Hand und sank lächelnd , aber erschöpft zurück in die stützenden Kissen . Allmälig langten nun auch die übrigen Naturforscher an , mit denen er die verunglückte Expedition unternommen . Alle waren ihm besorgt und voll warmer Theilnahme gefolgt , und einstimmig nannten alle das Vrenely seine Retterin . Erst jetzt fiel den Hausbewohnern ihre Gegenwart auf . Lauterbrunn , Grindelwald und das Haslithal liegen nahe bei einander , nur die große und kleine Scheideck trennen sie . Am Tage , ehe die Gletscheruntersuchung vorgenommen werden sollte , hatte das Vrenely ihren Herrn Ohm , den gewesenen Landammann , nach Lauterbrunn begleiten müssen , wohin ihn ein Geschäft berief . Im Gasthof hörten sie noch Abends vom Unternehmen einiger fremden Herren , die am nächsten Morgen gar die Gletscher auszumessen gedächten . Auch dort ward das Wagstück vielfach getadelt ; ein alter Hirt zeigte sich besonders bedenklich , er war den Weg über die Wenger Alp und Scheideck herabgekommen , und sagte , Wind und Wetter seien drüben gar wüst ; auch erzählte er eine Menge schauerlicher Unglücksfälle , die bei derlei tollen Wagstücken sich ereignet . Nach Grindelwald zu habe es schwer geschneit , meinten andere , es werde sich wol kaum ein Führer finden nach so böser Nacht . Das Mädchen überkam eine dunkle , namenlose Angst . Ob er dabei sei , wußte sie nicht , nicht einmal , daß er Tags vorher nach Bern gekommen . Jetzt trat ein Fuhrmann aus Wengern mit an den Schenktisch ; sie kannte den Seppi . Es führt ein gefahrloser Weg von einem Thal ins andere , der Gebirgspfad ist der bereits erwähnte über die große Scheideck hin . Der Fuhrmann war im Begriff , mit seinen Karren abzufahren . Vrenely schmeichelte dem Ohm die Erlaubniß ab , die Gelegenheit benutzen zu dürfen , um eine Bekannte in Grindelwald zu überraschen , sie wolle zeitig wieder zu Lauterbrunn eintreffen , versprach sie . Der alte Mann hatte noch gar nicht einmal Zeit gehabt , sich auf das Ja oder Nein zu besinnen , so saß sie schon auf dem Wägelchen , neben dem Seppi und rollte mit ihm das Thal entlang