Geistes , die auf den Altar gehoben werden , um die verführte und verblendete Menge in immer regem Taumel zu erhalten . « Der Journalist hatte sich erhoben , und drohte mit der Rolle Zeitungsblätter , wie entrüstet , dem Sprecher , der ruhig in seiner Rede fortfuhr : » Es thut wahrlich Noth , daß wir den Himmel bitten , daß er uns demüthige , damit die Welt wieder glauben lerne ; denn wo keine Andacht , keine Verehrung mehr herrscht , wo dreiste Klügelei jede Autorität wegspottete , darf , kann man wohl da etwas anders erwarten , als Elend , Verderben , tiefe Erniedrigung ? In meiner Jugendzeit vereinigte sich Schule und Erziehung , jene Einheit zu befestigen , in der das Leben seinen Stützpunkt findet ; es wurde vor allen Dingen ein guter ökonomischer Haushalt mit dem Leben gelehrt , daß man nicht zu frühe mit der Lebenslust fertig werden möchte ; auf der hohen Schule zeigte man dem Jünglinge die Wissenschaft und Kunst in ihrer spröden jungfräulichen Herbigkeit , und ließ erst nach und nach ihre Süße ahnen ; Strenge und Arbeit waren Gesetz - die großen Poeten und Philosophen thronten , gleich Königen , unzugänglich für den großen Haufen , im Heiligthum ihrer Studierstube , und dort reichten sie dem demüthig nach Belehrung dürstenden Schüler kostbare goldene Aepfel in silbernen Schalen dar . « » Ach ja - freilich wohl ! « nahm der Baron das Wort mit gerührter Freudigkeit - » damals - damals hatten wir ja unsern großen einzigen Dichter noch - er war der Mann unsrer Liebe und Verehrung . Damals ging am Hofe der Fürsten ein feines Gespräch um . Ich weiß es ja noch , und wenn ich daran denke , muß ich noch lächeln - damals , als der Treffliche seinen Faust geschrieben hatte , der alle deutschen Gauen in Flammen setzte , schrieb ich ihm im Namen von fünfzig engverbrüderten Jünglingen , er möchte doch den Mephistopheles die tolle Wette nicht gewinnen lassen ; demüthig baten wir darum , denn es sey zu herrlich anzuschauen , wie der himmlischteuflische Kampf vom genialen Meister siegend zum Lichte hinaufgeführt werde . Was erfolgte ? - nach einigen Wochen lief ein eigenhändiges Schreiben vom Dichter ein , worin er uns scherzhaft versicherte , daß er uns zu Liebe in einer so bösen Sache nichts entscheiden könne , und daß er es für ' s Gerathenste halte , wenn ein jeder Leser nach seiner Eigenthümlichkeit sich das Ende selbst hinzu dächte . Und so ist es auch geblieben - der Herrliche hat sein Schauspiel nicht beendet . « » Kann es wohl etwas Trostloseres geben , als den Werther ? « rief der Journalist heftig ; » ist es wohl möglich , die Verirrung so weit zu treiben , den Leuten glauben machen zu wollen , solch ein Charakter sey edel , stark , wahr ? Ich finde nur Einen Gesichtspunkt , in welchem betrachtet dieses Produkt Leben und Wahrheit einigermaßen erhält , nämlich der Leser muß annehmen , der junge Mann tödte sich nicht aus Liebes-Verzweiflung , diese hat meinetwegen auch einen großen Theil an seinem Tode , sondern der eigentliche Grund desselben sey die bewußt gewordene Ohnmacht , das uns allen vor Augen stehende ewige Räthsel unseres Daseyns zu lösen . Aus innerem Zwiespalt und Lebensüberdruß flüchtet er in ' s Nichts . So nur kann ich Seelengröße und Selbstmord vereinigt denken , und von dieser Seite angesehen , gewinnt die Fabel Bedeutung , indem durch sie jene Stürme angedeutet worden sind , die bald darauf durch alle Länder dahinbrausen sollten , und die zu beschwören die heutige Welt berufen scheint . Das gewöhnlich angenommene Motiv des Werther ' schen Mordes ist aber so siegwartisch schwindsüchtig-weichlich , daß sich im Ernst kein poetisch kräftiges Gemüth darein verlieben kann . « Ottfried war hinzugetreten und rief : » Wenn Sie doch , Theuerster , nicht von Poesie reden wollten , deren Wesen und Gehalt Sie nun einmal durchaus nicht begriffen haben ! Wie ein schöner Park nicht dazu dienen kann , eine Stadt zu befestigen und Thürme und Mauern entbehrlich zu machen , eben so wenig sollte ein Politiker von Poesie reden ; genug , daß man ihm zugibt , daß seine Kanonen , Mörser , Säbelklingen und Deputirten-Kammern , sammt allem kriegerischen Löschpapier nothwendige Uebel sind , da sollte man sich doch zufrieden geben , und uns unsern Theil lassen . « - - » Schon wieder ein großer Irrthum , « rief der Zurechtgewiesene ; » nur die höchste Einseitigkeit kann das Leben und seine Erscheinungen in starre Klassen theilen wollen . Dieses ist die Quelle so vielen Streits und Elends unsrer Tage , daß nämlich ein Theil der Menge sich ausschließt und behauptet , die Sache gehe ihn nichts an . Jeder und alle müssen vereint wirken , wenn die Aufgabe genügend gelöst werden soll . « - » Thun Sie , was Sie wollen , « sagte Ottfried empfindlich ; » nur kann ich es nicht leiden , daß unser großer Dichter getadelt wird , und von Leuten , die nicht werth sind , ihm die Schuhriemen aufzulösen . « - » Mit einer einseitigen Bewunderung , « nahm der Journalist das Wort , » kommen wir heutzutage nicht weit . Das Repräsentiren einzelner Geister hat aufgehört , und an die Stelle ist die begeisterte Wirksamkeit Aller getreten ; die Gesammtheit hat Stimme erhalten , und in dieser findet die Poesie , wenn sie sich aussprechen will , ihr würdiges Organ . Fragen wir doch , was denn jener große Geist , dem es vergönnt war , in so mancherlei Beziehungen auf ' s Ganze zu wirken , was er denn Treffliches geleistet ? Wo sind die löblichen Einrichtungen , die der Staat ihm , seinem ersten Staatsmanne , verdankt , was hat eine Generation , die bittend zu ihm hinaufsah , von ihm zur Förderung und Feststellung der edelsten und schönsten Menschenrechte gewonnen ? Auf