wenn auch seitdem sein Blick und seine Phantasie sich oft nach Norden richtete , so war es ihm doch , als tappe er in einem wüsten Labyrinth , wo der leitende Faden ihm fehlte , um mit seinen Gedanken bis zu ihr hin zu dringen . Freilich - ihm selbst öffnete ihre Entfernung den Weg wieder zu der nun schon seit länger als vier Jahren verlassenen Heimath , denn nie , das hatte er sich vorgesetzt , wollte er sie betreten , so lange er fürchten mußte , ihr je wieder zu begegnen . Vielleicht aber würde er , an das zerstreute Umhertreiben auf den Heerstraßen nun gewöhnt , noch lange nicht daran gedacht haben , zurückzukehren , wenn nicht dumpfe Gerüchte von den kriegerischen Zurüstungen seines Vaterlandes sein Ohr erreicht , und die politischen Verhältnisse den Ausbruch baldiger Feindseligkeiten ihm als wahrscheinlich dargestellt hätten . Da schien es ihm doch , als sei es besser , die im unnützen Wanderleben sich zersplitternden Kräfte dem Dienste seines Königs zu weihen , und seiner plötzlich aus ihrer Lethargie erwachten Einbildungskraft dünkte das Wirbeln der Trommeln , das Wiehern der Rosse , die energische Sprache der Kanonen , und das zu blutiger Arbeit sich ermunternde Leben ein seinen innersten Bedürfnissen recht angemessenes Spiel . Er beschloß also , zurückzureisen , und sich um eine neue militairische Anstellung zu bewerben . Mancher Beneidenswerthe , sprach er leise zu sich selbst , kann den Wahnsinn in verfehlter Liebe finden - mancher den heilenden Tod - - - mir wird das Schlachtfeld ihn gewähren . II Mit einem ganz eigenen Schauer von Wehmuth betrat er die Gränze seines Vaterlandes wieder . Stiller war es freilich in ihm geworden , seit er sie vor fünftehalb Jahren überschritten hatte , um das bittere Gefühl des Verschmähtseyns in weite Ferne zu tragen - heller aber nicht . In tausend schimmernden Farben ging ihm die Vergangenheit auf , und alle wie aus langem Schlummer erwachenden Erinnerungen seiner ersten , lebensfrohen Jugend mahnten ihn an den schmerzlichen Contrast zwischen einst und jetzt . Und doch , so heiter er auch damals in der Fülle sorglosen Leichtsinns seine Tage dahin scherzte , hätt ' er nicht zu ihr zurückkehren mögen , wenn es in seiner Kraft gestanden hätte , die Kluft hinwegzutilgen , die zwischen damals und seiner blüthenlosen , entblätterten Gegenwart lag . Denn in dem Schmerze abgewiesener Liebe , der , wie griechisches Feuer , unauslöschlich brennt , war ihm erst des Lebens tiefe Bedeutung aufgegangen , und in der kurzen , aber reichen Zeit seines Umgangs mit Erna hatte sich ihm ein nie vorher geahneter Himmel der reinsten Seligkeit erschlossen , so daß auch noch jetzt in seiner umnachteten Seele die Vorstellung des höchsten Glücks neben der Trauer lag , es verfehlt zu haben . Die Poststraße führte ihn über Bellevüe , wo er einst einen unvergeßlichen Wintertag an ihrer Seite verlebte . Damals starrte die Natur , in die Fesseln des Winters eingeengt , ihn frostig an ; aber einen warmen , seligen Lenz trug er im Busen , von der milden Sonne der Hoffnung verklärt . Jetzt lächelte ihm alles frisch und grün im Schmuck des hohen Sommers zu - doch in ihm , wie winterlich verödet ! - Er riß sich gewaltsam los von diesen herben Vergleichungen , und bemühte sich , an gleichgültige Dinge zu denken , um sein aufgewiegeltes Herz wieder zu der stumpfen Ruhe zurückzubringen , die nun einmal der wohlthätigste Gemüthszustand war , den das dürftige Geschick ihm gönnte . Denn ihm mangelte Neigung und Entschluß , um mit Bestimmtheit Pläne für seine Zukunft zu entwerfen , da dem Menschen , der nicht zurück blicken mag oder darf , leicht auch die Lust fehlt , seine Kräfte vorwärts zu richten , und er in ein müdes sich Gehenlassen , statt des Handelns , verfällt . Da scheuchte ihn plötzlich ein Zufall aus dieser hinbrütenden Halbbewußtlosigkeit auf . Ein Rad seines Wagens nämlich lief ab , und der im vollen Trab fahrende Postillon vermochte die Pferde erst anzuhalten , als der Wagen bereits umgefallen und zerbrochen war , und Alexander mehrere schmerzhafte , wenn gleich nicht gefährliche Verletzungen am Kopfe erhalten hatte . Sie waren gerade am Ende jenes Tannenwaldes , dessen unverwelkliches , mit Schnee vermischtes Grün ihn damals , als er Erna im Schlitten fuhr , symbolisch in seinem Innern zum Hoffen ermuntert hatte . Er beschloß , während Benedikt mit dem Postillon sich bemühte , den Wagen wieder aufzuhelfen und in einigermaßen fahrbaren Stand zu bringen , zu Fuß nach dem nah gelegenen Sorgenfrei zu gehen , um die Theilnahme seines Jugendfreundes , der es bewohnte , anzusprechen , und durch einen Verband mit Essig oder Wein das Schwellen der erhaltenen Quetschungen zu vermindern . Als er das heitere , wohlgebaute Haus auf seiner sanften Anhöhe erblickte , glühten eben die Fenster so feurig vom abendlichen Sonnenstrahl beglänzt , als wollten innere Flammen hervorlodern . Sanfte Lüfte säuselten in den blühenden Linden , die es wie ein dunkler Kranz umgaben , und trugen den lieblichen Duft , der ihm wie ein Gruß des Willkommens entgegen wehte , weit umher . Als er näher kam , bemerkte er allenthalben eine sorgsamere Cultur als vormals . Das ist der eigenthümliche Segen der Häuslichkeit , dachte er bei sich selbst . Der Mensch ist nicht geboren , um unstät und flüchtig durch die Welt zu pilgern . Hat er sich erst ein Asyl gegründet , das ihn schützt vor den Stürmen des Lebens , so gewinnt er es bald lieb , und schmückt es , wie das Kind seine Puppe . Er nimmt dann die engen Schranken , die ihn umbauen , unter der freundlichen Hülle nicht wahr , mit der sein Fleiß sie umgiebt , und dankbar - dankbarer als die Menschen - ist der Boden , den man mit Sorgfalt pflegt . - Unter hohen Blumenstauden , die sich von dem frischen , kurz gehaltenen Rasen eines freien Platzes erhoben