Stelle , wo du aus lauter Kurzsichtigkeit verschmachtetest ! Siehst du , daß ich wohl auch durch die Schulen gelaufen bin und lateinische Brocken einmischen kann , trotz einem ? - Aber du hungerst , armer Kater , und diesem Bedürfnis muß zuerst abgeholfen werden , komm nur mit mir . « Der junge Ponto hüpfte fröhlich vorauf , ich folgte niedergeschlagen , ganz zerknirscht über seine Reden , die mir in meiner hungrigen Stimmung viel Wahres zu enthalten schienen . Doch wie erschrak ich , als - ( Mak . Bl . ) - für den Herausgeber dieser Blätter das angenehmste Ereignis von der Welt , daß er das ganze merkwürdige Gespräch Kreislers mit dem kleinen Geheimen Rat brühwarm wieder erfuhr . Dadurch wurde er in den Stand gesetzt , dir , geliebter Leser , wenigstens ein paar Bilder aus der frühern Jugendzeit des seltnen Mannes , dessen Biographie er aufzuschreiben gewissermaßen genötigt , vor die Augen zu bringen , und er vermeint , daß , was Zeichnung und Kolorit betrifft , diese Bilder wohl für charakteristisch und bedeutsam genug gelten können . Wenigstens mag man nach dem , was Kreisler von Tante Füßchen und ihrer Laute erzählt , nicht daran zweifeln , daß die Musik mit all ihrer wunderbaren Wehmut , mit all ihrem Himmelsentzücken recht in die Brust des Knaben mit tausend Adern verwuchs , und nicht zum Verwundern mag ' s darum auch sein , daß eben dieser Brust , wird sie nur leise verwundet , gleich heißes Herzblut entquillt . Auf zwei Momente aus dem Leben des geliebten Kapellmeisters war bemeldeter Herausgeber besonders begierig , ja , wie man zu sagen pflegt , ganz versessen . Nämlich , auf welche Weise Meister Abraham in die Familie geriet und einwirkte auf den kleinen Johannes , und welche Katastrophe den ehrlichen Kreisler aus der Residenz warf und umstempelte zum Kapellmeister , welches er hätte von Haus aus sein sollen , wiewohl man der ewigen Macht trauen darf , die jeden zu rechter Zeit an die rechte Stelle setzt . Manches ist darüber ausgemittelt worden , welches du , o Leser , sogleich erfahren sollst . Fürs erste ist gar nicht daran zu zweifeln , daß zu Göniönesmühl , wo Johannes Kreisler geboren und erzogen wurde , es einen Mann gab , der in seinem ganzen Wesen , in allem , was er unternahm , seltsam und eigentümlich erschien . Überhaupt ist das Städtlein Göniönesmühl seit jeher das wahre Paradies aller Sonderlinge gewesen , und Kreisler wuchs auf , umgeben von den seltsamsten Figuren , die einen desto stärkern Eindruck auf ihn machen mußten , als er wenigstens während der Knabenzeit mit seinesgleichen keinen Umgang pflegte . Jener Mann trug aber mit einem bekannten Humoristen gleichen Namen , denn er hieß Abraham Liscov und war ein Orgelbauer , welches Metier er bisweilen tief verachtete , zu anderer Zeit aber hoch in den Himmel erhob , so daß man nicht recht wußte , was er eigentlich wollte . So wie Kreisler erzählt , wurde in der Familie von dem Herrn Liscov immer mit hoher Bewunderung gesprochen . Man nannte ihn den geschicktesten Künstler , den es geben könne , und bedauerte nur , daß seine tollen Grillen , seine ausgelassenen Einfälle ihn von jedermann entfernt hielten . Als einen besondern Glücksfall rühmte dieser , jener , daß Herr Liscov wirklich dagewesen und seinen Flügel neu befiedert und gestimmt habe . Eben von Liscovs phantastischen Streichen wurde dann auch manches erzählt , welches auf den kleinen Johannes ganz besonders wirkte , so daß er sich von dem Mann , ohne ihn zu kennen , ein ganz bestimmtes Bild entwarf , sich nach ihm sehnte und , als der Oheim versicherte , Herr Liscov würde vielleicht kommen und den schadhaften Flügel reparieren , jeden Morgen fragte , ob Herr Liscov denn nicht endlich erscheinen werde . Dieses Interesse des Knaben für den unbekannten Herrn Liscov steigerte sich aber bis zur höchsten unstaunenden Ehrfurcht , als er in der Hauptkirche , die der Oheim in der Regel nicht zu besuchen pflegte , zum erstenmal die mächtigen Töne der großen schönen Orgel vernahm , und als der Oheim ihm sagte , niemand anders als eben Herr Abraham Liscov habe dies herrliche Werk verfertigt . Von diesem Augenblick an verschwand auch das Bild , das Johannes sich von Herrn Liscov entworfen , und ein ganz anderes trat an seine Stelle . Herr Liscov mußte nach des Knaben Meinung ein großer schöner Mann sein , von stattlichem Ansehen , hell und stark sprechen und vor allen Dingen einen pflaumfarbnen Rock tragen mit breiten goldnen Tressen wie der Pate Kommerzienrat , der so gekleidet ging , und vor dessen reicher Tracht der kleine Johannes den tiefsten Respekt hegte . Als eines Tages der Oheim mit Johannes am offnen Fenster stand , kam ein kleiner hagerer Mann die Straße herab geschossen , in einem Roquelaur von hellgrünem Berkan , dessen offne Ärmelklappen seltsam im Winde auf und nieder flatterten . Dazu hatte er ein kleines dreieckiges Hütchen martialisch auf die weißgepuderte Frisur gedrückt , und ein zu langer Haarzopf schlängelte sich herab über den Rücken . Er trat hart auf , daß das Straßenpflaster dröhnte , und stieß auch bei jedem zweiten Schritt mit dem langen spanischen Rohr , das er in der Hand trug , heftig auf den Boden . Als der Mann vor dem Fenster vorbeikam , warf er aus seinen funkelnden pechschwarzen Augen dem Oheim einen stechenden Blick zu , ohne seinen Gruß zu erwidern . Dem kleinen Johannes bebte es eiskalt durch alle Glieder , und zugleich war es ihm zumute , als müsse er über den Mann entsetzlich lachen und könne nur nicht dazu kommen , weil ihm die Brust so beengt . » Das war der Herr Liscov , « sprach der Oheim . » Das wußte ich ja , « erwiderte Johannes , und er mochte recht haben . Weder ein großer stattlicher Mann war Herr Liscov , noch trug