Bettlern nie ganz bequem machen , « sagte Oswald , » damit sie auch Lust bekommen , sich durch eigenes Bemühen eine bessere Lage zu schaffen . « Darum ward jeder Winkel im Hause zu Schlafstellen benutzt . Unter dem Dache des Hauses bewahrte man angekaufte Vorräthe von Wolle , Hanf , Nutzholz und dergleichen . Sobald Alles und Jedes vorbereitet war , nahmen die Vorgesetzten ein Namensverzeichniß auf von denjenigen Personen im Dorfe , welche nicht ohne Unterstützung von der Gemeinde leben konnten . Das war bald gemacht . Man kannte diese Leute nur allzugut . Verschiedene derselben hatten im Dorfe noch eigene Wohnungen ; Andere aber zogen ohne Obdach umher , dem Bettel nach , von Stall zu Stall . Diejenigen nun , welche keine eigenen Wohnungen besaßen , wurden aufgefangen und ins Spital gebracht . Sie gingen willig , denn der kalte Winter war vor der Thür . Diejenigen , welche zwar eine Stube hatten , aber mit andern armen Leuten gedrängt beisammen wohnten , so daß Alt und Jung , Leute beiderlei Geschlechts im gleichen Gemach schlafen mußten , wurden ohne Umstände ins Spital geführt . Nur diejenigen wurden in ihren Wohnungen gelassen , die darin nachweisen konnten , daß sie und ihre Kinder alle getrennt schliefen und gesund wohnten . Also waren sämmtliche Arme und Bedürftige des Dorfes in zwei Klassen zerfallen . Die , welche eigene Wohnungen hatten , hießen Häusler ; die , welche ins Spital kamen , hießen Spittler . Beide aber wurden als Genossen der gemeinen Armenanstalt betrachtet , ohne Unterschied . Wo Kinder waren , ließ man sie gern bei ihren Aeltern . War aber die Behausung derselben zu klein , oder waren die Aeltern ruchlos und unsittlich oder im Spital : so suchte man die Kinder bei guten Haushaltungen im Dorfe oder in der Stadt unterzubringen , nicht bei armen Leuten um Geld , auch nicht bei reichen Leuten , sondern bei solchen , die durch ihre Rechtschaffenheit bekannt waren . Diese Kinder bekamen ihre Kleider von der Armenanstalt , und die Pflegeältern , wenn sie es verlangten , auch geringe Entschädigung . Aber die Wenigsten , die Kinder zu sich genommen hatten , forderten Entschädigung . Sie thaten es aus Ermahnung des Herrn Pfarrers und aus Frömmigkeit . Der Herr Pfarrer war der rechte allgemeine Waisenvater . Er hatte zween böse , muthwillige naschhafte Knaben , die Keiner annehmen wollte , zu sich ins Haus genommen , und schon nach einem halben Jahre waren dieselben zu Jedermanns Verwunderung recht gutartig geworden . Auf diese Weise brachte man die Kinder an , und sie sahen nicht täglich mehr das böse Beispiel ihrer Aeltern , und lernten arbeitsam und gottesfürchtig werden , da sie sonst nur zum Betteln , Stehlen und müßigen Herumschwärmen gewöhnt worden waren . Wie man die gesammten armen Leute mit ihren Kindern also vertheilte und Jeglichem sein rechtes Obdach gab , ward zugleich von den Ortsvorgesetzten ein Hauptgrundsatz aufgestellt , nämlich : Wer nicht im Stande ist , sich selbst zu erhalten , und von Keinem versorgt wird , den muß die Gemeinde versorgen . Wen aber die Gemeinde versorgen muß , den hat sie auch das Recht zu beaufsichtigen und zu bevogten , damit er sich selbst erhalten und versorgen lerne . Das war nicht anders als recht und billig . Darum ward jeder einzelnen Armenfamilie ein rechtschaffner Mann zum Vormund oder Vogt gesetzt . Dieser Vogt hatte über Nahrung , Kleidung , Vermögen , Schulden und Erwerb seiner ihm übergebenen Familie Vorsorge zu thun ; mußte über Ordnung und Reinlichkeit der Häusler in ihren Wohnungen und über die Arbeit wachen , die ihnen gegeben ward . Dabei verfuhr man sehr streng . Denn da auch die Häusler ihre Nahrung aus der Spitalküche bekamen , wo , wie in der theuren Zeit , die Sparsuppe gemeinschaftlich gekocht wurde , und sie Kleider und Geräth von der Armenpflege erhielten , so mußten sie auch für die Armenanstalt arbeiten , und damit ihr Brod und was ihnen sonst zukam , wieder abverdienen . Was sie außer der aufgetragenen Arbeit durch größern Fleiß verdienten , ward ihnen bezahlt . Sowohl dies Geld , als das , was sie im Taglohn bei den Bauern verdienten , bekamen sie nicht in die Hände , sondern wurde in die Ersparnißkasse für sie gelegt . Denn Leute , die zu ihrem Unterhalt Alles und Jedes empfingen , brauchten kein baares Geld ; sie mußten aber erst sparen und haushalten lernen . Jeder Vogt mußte dem Herrn Pfarrer von Zeit zu Zeit über das Betragen und Schicksal der anvertrauten Familie Rechenschaft geben . Denn der Herr Pfarrer war der rechte Oberaufseher aller Vögte ; er war der Pfleger aller Armen und führte darüber ein eigenes Buch . Fand er gegen einen Vogt zu klagen , so daß derselbe sein menschenfreundliches Amt übel versah , so ward der Unwürdige von den Ortsvorstehern geradezu abgesetzt . Diese beständige , unmittelbare Aufsicht und Bevogtung jeder armen Haushaltung oder Person im Dorfe hatte ungemein viel Gutes . Denn weil das Geschäft der Aufsicht für jeden Vogt nur auf eine Familie ging , war es weniger mühsam und besser und sorgfältiger verrichtet . Jeder that das Wenige gern und unentgeldlich aus christlichem Gemüth . Es wurde bald ein ordentlicher Wetteifer unter den Vormündern , wie jeglicher nach dem Ruhm trachtete , die ihm anvertrauten Personen durch Rath und Anweisung und Beihülfe emporzubringen . So hatte ganz unerwartet jede sonst verlassen gewesene arme Haushaltung einen Freund , Vater und Fürsprecher und Schutzengel gefunden , dem sie lebenslänglich dankbar wurde . Nun aber war die Frage : woher Nahrung und Kleider für die Armen nehmen ? Der Zins des Armenguts reicht nicht zu . Oswald aber sagte : » Es wäre wohl böse , wenn die Leute mit gesunden Händen nicht ihr Brod verdienen könnten . Alle zusammen , Häusler und Spittler , Männer und Weiber machen jetzt gleichsam eine einzige große Haushaltung , und müssen Einer für Alle ,