Phocion ! Welcher Frieden , welche Unschuld liegt in diesem Gemüthe , das in der Freude , sich seinen Gefühlen überlassen zu dürfen , sich über alle Folgen derselben kindlich täuschend , auch nicht von fern vermuthet , welche Leiden sie über mich häufet ! Wenn sie , am Lager ihres Gemahls beschäftigt , mit der Sorgfalt einer Tochter ihm jeden Dienst leistet , jedem Wunsche zuvorkommt , und nach mancher unruhigen Stunde sich dann ermüdet mir gegenüber setzt , ihr Blick mit unaussprechlicher Milde auf mir ruht , und ich an der stillen Zufriedenheit , die aus ihren Zügen strahlt , fühle , wie vergnügt sie meine Gegenwart macht , wie sie den Lohn ihrer Tugend , die Entschädigung für alle ihre Sorgen in einem freundlichen Gespräche mit mir findet ; wenn ich diese schöne Mischung von erhabenen Gesinnungen und kindlicher Einfalt , von stillem Muthe und zarter Weiblichkeit sehe , die sich in allen ihren Reden und Handlungen äußert ; wenn ich denke , was sie mir hätte werden können , und was sie nun ist - und dann im Gefühle , von ihr geliebt zu seyn , gelassen ausharren , und die Flammen unterdrücken soll , die alle Augenblicke aus meiner empörten Brust hervorzubrechen scheinen : das , Phocion ! geht über meine Kräfte . Ich fühle , ich kann es nicht langer mehr tragen , ich muß sie fliehen , wenn ich bei Sinnen , wenn ich mir selbst treu bleiben will . Demetrius scheint noch eine Absicht damit zu verbinden , daß er mich beständig um sich hält . Ich müßte mich sehr täuschen , wenn er nicht den Plan hat , mich zum Christenthum nicht zu überreden - aber wohl , mir es durch eine genauere Kenntniß seiner Lehren und Gebräuche angenehmer und werther zu machen . Ich habe keine Vorurtheile mehr dagegen , seit ich Larissens Denkart und die Lebensweise der Christen näher kennen gelernt habe . Ich achte sogar einige ihrer Sätze recht sehr - aber , einer der Ihrigen zu werden - so lange diese Sekte noch so vielen , nicht ganz gehobenen Vorwürfen ausgesetzt ist , so lange mein Vater lebt , der sie haßt , würde ich mich schwerlich entschließen . Es fehlt noch viel , bis ich volle Ueberzeugung habe : und wer kann einen solchen Schritt ohne diese thun ? Indessen habe ich einigen ihrer Ceremonien beigewohnt , manchmal mit Ehrfurcht , einige Male mit wahrer Rührung ; und Demetrius , wenn das sein Zweck ist , hat ihn in so weit erreicht . Aber auch hierin liegt eine neue , unvermeidliche Gefahr für mich . Larissen beten zu sehen , Zeuge der Erhebung ihres Gemüthes , der Verklärung ihres Wesens zu seyn , zu wissen , daß sie für mich betet , und kalt und gelassen bleiben , das ist schlechterdings unmöglich . Später oder früher muß die Maske fallen , die ich , widerstrebend und kämpfend , nicht länger zu tragen vermag . Und was kann , was wird für Larissen , für Demetrius , für mich daraus entstehen ? Ich muß fliehen , ich muß ! Sobald Demetrius so weit genesen ist , daß er dieser Unterredung fähig ist , bitte ich ihn ernst und dringend um meine Entlassung . Weigert er sie mir schlechterdings , dann ende ein Machtwort des Cäsars , das ich durch Tiridates schnell zu erhalten hoffe , den Kampf , der meine besten Kräfte verzehrt . 25. Calpurnia an Agathokles . Rom , im Sept . 301 . Es ist schon so lange , mein verehrter Freund ! seit du nichts von mir , und ich nichts von dir gehört habe , daß ich kaum bestimmt sagen kann , ob du mich noch im Lande der Lebendigen vermuthest , oder schon im Elisium glaubst . Auch mir würde es so ergangen seyn , wenn nicht der öffentliche Ruf ersetzte , was unserer losen Freundschaftsverbindung fehlt , und ich nicht durch ihn erfahren hätte , daß du lebst , und dich im Kriege mit Ruhm auszeichnest . Der Ruf spricht mit Achtung von dir , und ich gestehe dir freimüthig , daß ich ihm mit Wohlgefallen horche , wenn er mir von dem Gastfreunde unseres Hauses angenehme und ehrenvolle Dinge erzählt . Doch hätte ich weder Lust noch Muth , deinen Geist , der , so gewissenhaft zwischen häuslicher und kriegerischer Pflicht getheilt , den Lohn für diese in jener suchte , und fand , auch nur einen Augenblick von so anziehenden Beschäftigungen abzurufen . Dieser wahrlich gewissenhaften Rücksicht mußt du es zuschreiben , wenn ich dich mit keiner Antwort auf deinen ersten und letzten Brief aus Nikomedien bemühen wollte . Du gingst , wie du mir schriebst , gleich zum Heere ab , und was sich dort mit dir zutrug , weißt du , und in Rom weiß man es auch . Jetzt aber fordert eine dringende Pflicht , die Pflicht der Freundschaft gegen eine edle unglückliche Frau , mich auf , alle anderen Betrachtungen aus den Augen zu setzen , und deinen Edelmuth , deine Redlichkeit anzusprechen , um von dir Hülfe , oder wenigstens Rath für deine Freundin zu erhalten . Es ist mir sehr unangenehm , daß die Art meines Anliegens mir nicht erlaubt , weder dein Geschlecht überhaupt , noch deine Liebe für einen sonst schätzbaren Mann zu schonen , gegen den ich eben klagen muß . Schließe aber daraus , welches Vertrauen ich auf dein strenges Pflichtgefühl , und deine vorurtheilslosen Ansichten setze , indem ich mich ohne weitere Umschweife in dieser Sache an dich wende . Du weißt , in welchem Verhältniß Sulpicia und Tiridates standen , als dieser im Frühlinge Rom verließ . Ihre Ansprüche an seine Treue waren vollgültig , durch ihre grenzenlose Liebe und tausend Aufopferungen wohlverdient , ihre Hoffnungen auf seine Hand rechtmäßig und gegründet , und durch heilige Eide versichert . So schied er von ihr , und ließ sie in häuslichen Verhältnissen zurück , über deren Schwierigkeit