ruhig und heiter anblickte , umarmte er auch sie . Er fühlte eine große Zärtlichkeit für sie , weil es ihm gelungen war , von ihrem Herzen eben heute eine Kränkung abzuwenden . Trotz seiner Freundlichkeit merkte Davide , deren Liebe sie hellsehend machte , dennoch , daß ihm etwas nicht ganz recht sein oder daß er eine Unannehmlichkeit zu überwinden gehabt haben müsse , und sie fragte , um ihm Anlaß zur Mittheilung zu geben , weßhalb er sie also lange habe auf sich warten lassen . Ich habe verschiedene Besprechungen gehabt , und zuletzt war Herr von Arten , der gestern von Paris gekommen ist , sehr lange bei mir , gab er ihr zur Antwort . Und wie hast Du ihn gefunden ? rief Seba , in welcher die Theilnahme für den Sohn ihrer Angelika sich augenblicklich wieder regte . Er ist ein schöner Mann geworden , breitschulterig und kräftig , ein sehr schöner Mann , gab er zur Antwort , während er sich zum Imbiß niedersetzte . Und wie ist er sonst geworden ? fragte Jene noch einmal . Nicht anders , als er gewesen ist . Es geht ihm wie dem Herrscherstamme der Bourbonen , von deren Hofe er nach Hause kommt . Er hat nichts gelernt und hat nichts vergessen . Was will das in seinem Falle besagen ? erkundigte Davide sich , der die Mißstimmung ihres Gatten jetzt erklärlich wurde . Was das sagen will , mein Kind ? Nun , er möchte sein Leben genießen , wie sein Vater und seine Ahnen es genossen haben ; möchte wie sie die Herrschaften besitzen und geachtet leben und sterben wie sie . Er hat auch recht viel schöne Empfindungen - nur zur Arbeit hat er keine Lust . Die Frauen schwiegen . Sie mochten sich erinnern , daß sie es gewesen waren , die Paul gegen seine Absicht überredet hatten , sich mit den Arten ' schen Angelegenheiten zu befassen , und da er dieses wohl errieth , sagte er , gleich darauf bedacht , ihnen jede Reue zu ersparen : Macht Euch um meinetwillen darüber keine Sorge , meine Lieben ! Ich erleide durch Renatus keine Enttäuschung , habe obenein in dieser Verwaltung mancherlei erfahren und gelernt , das mir gelegentlich von Nutzen sein wird ; und auf eine Handvoll Arbeit mehr kommt es mir glücklicher Weise nicht an . Und Du glaubst , daß er sich nicht rathen lassen , sich nicht ändern werde ? erkundigte sich Seba noch einmal . Nein ; denn wie sollten Menschen , die sich für eine besondere Abart halten , sich verständig in die der großen Gesammtheit gemeinsamen Bedingungen der Gegenwart zu schicken wissen ? - Er schüttelte das Haupt und sprach danach sehr ernsthaft : Täuscht Euch nicht darin : Alles und Jedes hat nur einen zeitweisen Bestand , eine zeitweise Möglichkeit des Bestehens . So gewiß als die fortschreitende Cultur die gemeinschädlichen Thiere in die Einöden zurückdrängen und endlich völlig ausrotten muß und wird , so gewiß muß und wird die fortschreitende Bildung , die in dem Leisten und Schaffen den höchsten Beruf des Menschen , und in der Freiheit und Genuß bereitenden Arbeit ihre höchste Ehre erkennt , über alle die Geschlechter hinweggehen , die ohne Nutzen für die Gesammtheit leben und , sich von ihr ausschließend , sich hinter Vorrechten und Vorurtheilen verschanzen und halten zu können glauben . Was werthlos für das Allgemeine ist , muß untergehen ; und kein Adelsbrief und keine Großthat irgend eines Ahnen kann dagegen schützen , kann die Allgemeinheit schadlos halten für unberechtigte Ansprüche und für hochmüthige Arbeitsscheu . Mögen sie zu Grunde gehen ! Er hatte dieses Verdammungsurtheil , dessen letzte Worte in seinem Munde und in seinem ernsten Tone etwas Gewichtiges und Furchtbares gewannen , noch nicht beendet , als die Wärterin ihm seinen Knaben in das Zimmer brachte . Der derbe Bursche streckte dem Vater die kleinen Arme entgegen , und kaum hatte dieser ihn auf seinen Knieen , als der Knabe sich mit allen seinen Kräften aufzurichten strebte , um das Stück Brod zu erlangen , das in einiger Entfernung vor dem Vater auf dem Tische lag . Die Frauen lachten über die lebhaften , wenn auch noch ungeschickten Bewegungen des kleinen Menschen , und ihm emporhelfend , rief der Vater mit sichtlichem Vergnügen : So recht , so recht , mein Sohn , hilf Du Dir selber zu Deinem Brode - ich hab ' s eben so gemacht - und ich denke , das soll uns wohl bekommen ! Geh ' nur gerade darauf los ! Und in bester Laune kehrte er nach kurzer Unterbrechung in sein Comptoir und zu seiner täglichen Arbeit zurück . Siebzehntes Capitel Renatus ward den ganzen Morgen durch seine Dienstgeschäfte und seine geselligen Verpflichtungen in Anspruch genommen . Er hatte sich bei seinen Vorgesetzten vorzustellen , alte Bekannte und Freunde aufzusuchen , und überall fand er einen Empfang , der ihn die unangenehmen Erörterungen der ersten Morgenstunde bei seinem wenig tiefen Sinne leicht vergessen machte . Allerdings wurde auch von seinen Vorgesetzten wie von seinen Freunden die Frage , ob er im Dienste bleiben oder sich auf seine Güter begeben werde , mehrfach angeregt , aber es geschah in einer Weise , welche deutlich kund gab , wie man bei einer solchen Entschließung an die vollste Freiheit von seiner Seite glaube und höchstens den Wunsch seiner künftigen Gattin , denn man deutete ihm überall an , daß man um sein Verlöbniß mit der Gräfin Rhoden wisse , als einen ihn bestimmenden Einfluß in Betracht bringe . Wohin er kam , begegnete er einer großen Zufriedenheit und den besten Hoffnungen für die Zukunft des Vaterlandes , in welche denn selbstverständlich die besten Aussichten für den Einzelnen immer mit eingeschlossen waren . Man rühmte sich nicht , wie Renatus das in Frankreich erlebt hatte , eines gewaltsamen Rückschrittes in die Zustände der Vergangenheit , aber man sprach es in den militärischen und adeligen Kreisen doch unzweideutig aus ,