Bei dieser Sache ist es wahrhaftig ein Glück , daß Arthur so respektabel ist und sich meinen Wünschen , meinen vernünftigen Gründen ohne Weiteres fügt . « » Was mir eigentlich unbegreiflich ist , « fuhr dem alten Herrn heraus , » denn wer das Mädchen einmal gesehen , versteht nicht , wie man es selbst dem Willen der Eltern zulieb so leicht aufgeben kann . Mir ist das , namentlich bei dem Charakter Arthurs , gänzlich unverständlich . « Die Räthin sah lächelnd vor sich nieder . » Aber Arthur leidet ebenfalls sehr , « meinte Marianne ; » das sieht man ihm deutlich an . Er hat sich in letzter Zeit sehr verändert ; glauben Sie mir , Mama , wenn er auch Ihren Befehlen folgt , so wird ihm sein Gehorsam Zeitlebens nachgehen , und wer weiß , ob er nicht später einmal bedauert , gehorsam gewesen zu sein ! « Die Räthin hatte leise auf ihre Briefe getrommelt , sich dann mit dem Schnupftuche die Stirne abgewischt und entgegnete nun nach einem ziemlich langen Stillschweigen : » Ja , Arthur ist recht gehorsam gewesen , und es ist das , wie schon gesagt , sehr respektabel von ihm . Er vertraut seiner Mutter , von der er weiß , daß sie fest an ihren Grundsätzen hängt , der Leidenschaft nicht leicht Gehör gibt und vor allen Dingen selbst prüft , ehe sie einen einmal gefaßten Beschluß zu ändern pflegt . « Die letzteren Worte waren mit einem ganz andern Ausdruck gesprochen worden , fast warm und gefühlvoll , so zwar , daß der Kommerzienrath seine Tochter erstaunt anblickte , worauf diese einen tiefen Athemzug that , sich niederbückte und , während sie sanft die Hand auf den Arm ihrer Mutter legte , diese auf die Stirn küßte . Die Kommerzienräthin raffte ihre Briefschaften zusammen , erhob sich von dem Sopha , wobei sie lächelnd sagte : » Die Sitzung ist aufgehoben , aber ich will euch nicht verschweigen , daß es mir leichter um ' s Herz ist , als vor einer Stunde , wo ich mit diesen beiden Briefen in ' s Zimmer trat . Da war ringsum für mich Alles schwarz bezogen , jetzt hat sich ' s etwas aufgeklärt und es ist als schimmerte ein kleiner Lichtstrahl in mein Herz . - Komm , Marianne . « Damit gingen die beiden Damen fort , der Kommerzienrath blieb allein zurück und verhalf sich nachträglich noch zu einer Tasse wenn gleich schon ziemlich kalten Kaffees . Dabei aber schien er plötzlich guten Humors geworden zu sein und es war rührend und komisch zugleich , wie er nach genossenem Kaffee zum Zimmer hinaus tänzelte . Zweiundachtzigstes Kapitel . Die Familie Wundel . Der Brief , den Herr Blaffer an jenem denkwürdigen Abend dem Herrn Staiger geschrieben hatte , war der Post übergeben worden und glücklich an seine Adresse gelangt . Der alte Mann hatte bedenklich den Kopf geschüttelt , nachdem er ihn gelesen , aus tiefster Brust dazu geseufzt und bei sich überlegt , ob er seine Tochter Clara davon in Kenntniß setzen solle oder nicht . Doch sah er wohl ein , daß sich ein solch trauriger Umschwung in ihren Verhältnissen vor der Tochter nicht lange würde verheimlichen lassen , denn leider kannte er für den Augenblick keine anderen Quellen , welche im Stande gewesen wären , ihm die verkümmerte Einnahme zu ersetzen . Er lächelte , wenn er an all ' die schönen Träume dachte , denen er sich in den letzten Wochen so leichtsinniger Weise hingegeben . Clara las den Brief des Buchhändlers , ohne eine große Bewegung zu verrathen , doch zitterte ihre Hand , als sie ihn wieder zusammenfaltete und dem Vater zurückgab . » Und was meinst du ? « fragte sie mit tonloser Stimme . » Sollte das wohl von ihm kommen ? « Herr Staiger hätte hierauf um Alles in der Welt kein Ja geantwortet ; er fühlte wohl , daß das ein neuer Dolchstoß für das unglückliche Mädchen gewesen wäre . Er entgegnete also : » O nein , meine gute Clara ; wer weiß , wie das zusammen hängt ! Mich hat Herr Blaffer nie leiden können , und wenn Herr Arthur mit uns nicht zerfallen wäre , so hätte mir der Andere meine Arbeit vielleicht doch genommen . « - So sagte er , dachte aber anders ; er ahnte vielmehr einen Zusammenhang , ohne sich klar zu werden , worin dieser eigentlich bestehe . Ja , es gab Augenblicke , wo er Arthur für schuldiger hielt , als dieser in der That war . Leider machte sich die entzogene Arbeit und das hiedurch verminderte Einkommen nur zu bald in der Haushaltung der armen Leute fühlbar . Obendrein hatten sich die Ausgaben des Herrn Staiger wegen des kleinen Mädchens noch vermehrt , und dabei wollte er sich nicht dazu verstehen , für die Unterhaltung desselben das Geringste anzunehmen , obgleich Doktor Erichsen , der , wie wir wissen , zuweilen in das Haus gekommen , ihm das dringend angeboten hatte . » Das war früher nicht ausgemacht , « hatte ihm der alte Mann geanwortet ; » ich nahm das Kind gerne auf , weil es arm und hilflos in der Welt dastand ; auch sind die Kosten für dasselbe ja nicht der Rede werth . Und dann , « hatte er mit sehr gezwungenem Lächeln hinzugesetzt , » sind wir nicht so arm , als der Herr Doktor wohl glauben , und es ist uns wahrhaftig ein Vergnügen , auch etwas Gutes zu thun . « Eigenthümlich war es , daß Clara das fremde Kind außerordentlich lieb gewonnen hatte . Ihr war es wie ein Geschenk Arthurs , und wenn sie so neben ihm saß , ihm sein Kleidchen geordnet oder seine Haare geglättet , so versank sie oft in Träumereien und dachte : » Ich erziehe mir hiemit einen lebendigen Zeugen meiner Unschuld . Das Kind wird größer und älter werden , es