! Da steht eine Schildwacht . Hier bei der Laterne . So ! Da ! An dem Brunnen da liegt ' s ! Husch ! Mach nun fort ! Fort ! Fort ! Und das Alles können Sie bei nachtschlafender Zeit mit der Frau so zusammen diskuriren ? fragte Madame Märtens und schüttelte sich . Also da soll ich das Geld hinlegen , Ursula ? sagt ' ich , fuhr Heunisch unbekümmert um diese Frage fort . Sie nickte . Will ' s der Baron ? Sie meinte : Ja ! Will ' s auch die Gräfin ? Sie nickte wieder . Gut , Ursula , sagt ' ich , ich will mir ' s überlegen . Da lachte sie zufrieden , nahm ihr Licht und ging . Und nun rathen Sie ' mal was Neues ? Ach mein Himmel , was denn ? erschrak ordentlich Frau Märtens , als käme nun etwas Unerhörtes . Wie ich hierher komme , hatt ' ich gestern bei einem Kaufmann , der sich gutes Schießmaterial hält , er heißt Hackert , etwas Vorrath für den Herbst einkaufen wollen . Such ' ich den auf und finde ihn gerade gegenüber dem Waisenhaus . Da ist die Brücke , da steht ein Schilderhaus , da ist die Laterne , da ist der Brunnen . Nun sag ' ich doch , die Ursula war vor etwa zwanzig Jahren , ehe sie den Marzahn heirathete , wol einmal einige Zeit in der Stadt , aber seitdem nicht wieder und sie hat ' s beschrieben , just wie ' s war , ganz deutlich ; es war mir , als säh ' ich den Korb dastehen an der Laterne , neben dem Brunnen , mit den Windeln und die zweihundert Louisdors darin und die Kinder schrieen im Waisenhaus ... Hören Sie auf ! winkte die Tischlermeisterin , der es nun eisig überrieselte . Das Bild von Kindern , die im Waisenhaus vielleicht nach ihren Vätern schrieen , war ihr zu schauerlich . Bei alledem ist die Ursula , schloß Heunisch , die beste Seele von der Welt . Sie sorgt für mich armen einsamen Kerl und meinen Nachmittagsschlaf - den - den hab ' ich ihr auch - den hab ' ich ihr auch ... zu verdanken ... und die Stube hält sie im Winter warm ... und reinlich ist sie auch ... und ihr Schrank ... ihr Schrank , den mag sie ... ihr Schrank ... Diese Worte brachte Heunisch schon gähnend und wieder halb schlafend hervor . Er hatte wenig gegessen und nur mit beständigem Gähnen unterbrochen sich und den Tischgenossen durch seine Erzählung die Zeit vertreiben wollen . Der Rollsessel , auf dem er saß , war ein Großvaterstuhl , der mit einem Ruck sich vom Tische fortbewegte und ihn in Schlummer sanft in die Nähe des noch nicht gefeuerten Ofens geführt hätte , wenn seine letzte Besinnung ihn nicht auf einen höflichen Gedanken an den alten Märtens gebracht hätte , der auch gern seinen Nachmittagsschlaf hielt . Er erhob sich also rasch , sagte : Gesegnete Mahlzeit ! und warf sich ohne viel Umstände in der Kammer auf Fränzchens Bett , wo er in einer Minute entschlummert war ; der alte Märtens , unfähig sich von Gewohnheiten zu trennen , schnarchte im Großvaterstuhl . Seine Gattin nickte etwas am Fenster , frei-schwebend , auf einem einfachen Stuhl mit hoher Lehne . Fränzchen aber deckte , während Alles schlief , ab . Die Reste kamen in die Werkstatt zu den Lehrjungen . Den Tisch stellte sie wieder aus der Mitte des Zimmers an die Wand und ihr Bett schützte sie denn doch vor des Onkels staubigen Stiefeln durch ein altes Tuch , das sie ihm behutsam unterschob . Dann begann sie , die um sie waltende Stille wahrnehmend , einen Gedanken auszuführen , der einigermaßen Das , was sie bedrückte , erleichtern sollte . Sie entschloß sich , an Herrn Sylvester einen Brief zu schreiben . Zehntes Capitel Geschichte eines Briefes Fränzchen Heunisch hatte schon drei Tage auf Herrn Sylvester gewartet . Dieser sonderbare Mann war nicht mehr gekommen . Die wohlüberlegte Erklärung , die sie ihm hatte geben wollen , der in ihrem Sinne artig gewandte Dank war ihr gleichsam auf der Zunge liegen geblieben ; sie war ihn nicht los geworden . Jeden Augenblick konnte Herr Sylvester sich nun wieder sehen lassen . Wie leicht möglich , daß er mit Armand zusammentraf ! Erschrocken über diese Möglichkeit entschloß sie sich , ihm zu schreiben . Wußte sie auch seine gegenwärtige Wohnung nicht , so kannte sie doch genau seine frühere , Königsstraße Nr. 13. Sie hoffte dort schon erfahren zu können , wo sie den Brief würde abzugeben haben . Einen Brief ! Einen Brief schreiben Menschen , die wie Franziska Heunisch in beengten Verhältnissen leben , nicht so schnell wie Leute , die sich die Welt , in der sie leben , früh mit dem Gänsekiel erweitern . Nicht etwa wegen der Gedanken . Die lagen ganz klar und wohlgeformt schon im Kopfe des jungen , sich immer mehr entwickelnden Mädchens . Aber die Schreibmaterialien ! Der ganze Umstand dabei ! Was fehlte nicht Alles ! Sie nahm rasch ihren Hut , schlug ein leichtes Flortüchelchen um den Hals , klinkte die Thür leise auf und schlich die Treppe hinunter , um eine geschnittene Feder , Oblaten und Papier zu kaufen . Mit diesem Reichthum sprang sie in ihren Hinterhof zurück , nicht ohne einen Blick zu dem goldnen » Louis Armand , Vergolder « hinaufzuwerfen , nicht ohne einen sonderbaren Schreck , den sie hatte , als neben dem mit Gardinen verhangenen Fenster ihres angebeteten Freundes aus einem andern Fenster ein Kopf rasch sich zurückzog , bei dem es ihr doch fast war , als hätte sie ausrufen müssen : Himmel , Das ist ja Herr Sylvester ! In der Hausflur blieb sie eine Weile ganz betroffen stehen . Bald entdeckte sie aber in ihrer Erinnerung an diese plötzliche Erscheinung ein