, kein eigentlich krankes war , wenn sie sich in ihrer gewohnten Weise erhielt , so blieben von ihr die Zumuthungen künstlich magnetischer Einwirkungen fern . Sie hatte ihre bestimmten Zeiten des Schlafes , bestimmte Bedingungen , wie den langen Anblick des Wassers , des Metalls , des Schnees , die ihr ein waches Träumen verursachten . Dann durfte nur der Herr Baron von Hülleshoven leise einmal mit der Hand über sie hinstreifen und sie antwortete auf jede Frage , die er an sie richtete . Sonst wirkt , hör ' ich , alles auf sie , was sie lieb hat , selbst das Anstreifen - ihrer großen Doggen ! Sie ist im Bann des Wohlbefindens bei gewissen Menschen ebenso , wie im Bann des Schmerzes bei andern . Hört sie von Hoffnungen , die auf sie gerichtet werden , so nimmt sie ihr Brevier , liest die entsprechende Tagzeit und glaubt , ihr Gebet müßte geholfen haben ; wenigstens zöge es sie , sagte Fräulein Armgart , mit ganzer Seele zu den Leidenden hin ... Seit einiger Zeit vollends soll die Heilkraft und die Sehergabe außerordentlich geworden sein ... Hier wurde Püttmeyer ' s förmlich in einen reißenden Strom gebrachte Rede von demselben Diener unterbrochen , der eilends und erschreckt zurückkehrte , das Kissen mit den Gegenständen von vorhin noch auf der Hand ... Was ist ? fragte Thiebold ... He spreekt ! sagte der Diener auf plattdeutsch und eilte bestürzt vorüber ... Sie spricht ? ... wiederholten beide ... Thiebold , mit jenem Vorwitz , » den auch nur er haben konnte « , zog den Doctor , der sich sträubte , näher , beschritt die offene Thür , kam durch ein Zwischenzimmer , fand wieder eine Thür offen , dann einen schwersammetnen blauen Vorhang , lüftete diesen und ließ ihn plötzlich sinken ... Es war ein kleines Durchgangscabinet , noch vor Paula ' s Schlafzimmer ... Hier lag die Schlafende auf einem Ruhebett und sprach in vernehmlichen Worten . 4. Dies Vorcabinet war ein Neubau , der eine frühere Unterbrechung der Wohn- und Schlafzimmer durch einen Gang verhinderte und verdeckte . Von einem obern Zimmer hatte es ein durch gedämpftes Glas hereinfallendes Kuppellicht ... Das Schlafzimmer daneben war fast dunkel , aber die dunkeln Schatten leuchteten bunt . An den Fenstern prangten praktikable bunte Läden von bleigefügten , schön zusammengestellten alten Kirchenfenstertrümmern ... Es sah hier aus wie der Eingang in eine Kapelle ... In dem Vorcabinet , beschienen von dem matten Kuppellicht , lag Paula , völlig angekleidet auf einem Ruhebett ... Die Haare glänzten golden ... Ihre Augen waren geschlossen , ihre Blicke lächelten ... Armgart stand zu Paula ' s Häupten , selbst geisterhaft wie eine Botin aus jenem Traumreich , von dem einst der griechische Sänger sagte , es hätte zwei Ausgangspforten , eine von Elfenbein , aus dieser kämen die unwahren Träume , eine von Horn , aus dieser kämen die zutreffenden ... Die Tante hielt Paula ' s Hände ... Thiebold wagte nicht einzutreten , zog sich aber auch nicht zurück und winkte vielmehr dem Doctor , der so kreideweiß war , wie seine Halsbinde ... Deutlich hörte man die langsam und hellgesprochenen Worte : O die liebe , liebe , liebe Sonne ! ... Wie glitzert das im Schnee ... Ein Brillant auf jeder Tannenspitze ... Ach , ach ! ... Das ist ein Schatz - im Düsternbrook ... Im Düsternbrook ? Püttmeyer glaubte , die Seherin wäre in dem Reiche der ewigen Kreise , Tangenten und Sekanten - Der Düsternbrook lag nur drei Meilen von hier ... St ! sagte aber Thiebold schon , nur auf eine Ahnung hin , Püttmeyer könnte sich erläuternd oder anzweifelnd bewegen ... Püttmeyer schluckte nur seine Angst hinunter und hielt sich an einen Stuhl , um nicht das Gleichgewicht zu verlieren ... Nun kommen sie ! fuhr die Träumende fort ... Wie sie so lieblich singen , die Mönche ! ... Silberbeschlagen ist der Sarg ... Laienbrüder tragen ihn ... Die Armen ! Wie die Füße so nackt durch den Schnee müssen ! ... Alle singen : Dona eis pacem ... Wie heißt das , Fräulein - Schwarz ? ... Die Träumende schwieg ... Thiebold stand schreckergriffen . Er glaubte , » versichert sein zu dürfen « , daß die Gräfin drei Meilen weit das eben stattfindende Begräbniß des Kronsyndikus sähe ; aber was sollte dann Fräulein Schwarz , die doch wol niemand anders sein konnte , als ihre frühere Gesellschafterin , jene Lucinde , der Benno ein lateinisches Wörterbuch gekauft hatte ? War denn diese bei dem Begräbniß zugegen ? Püttmeyer schlich athemlos einen Schritt näher ... Die Gräfin sprach schon wieder laut , doch etwas unverständlicher ... Erst allmählich unterschied man die Worte : Die Wagen nehmen ja kein Ende ... Ich zähle schon dreiundzwanzig ... in dem ersten hinter den Franciscanern sitzt der Präsident von Wittekind ... Neben ihm der Domherr ... Wieder eine Pause ... Dann der Onkel mit Benno - ! fuhr Paula fort ... Wieder schwieg sie ... Es geht so langsam ... Den Schnee schütten die Bauern auf ... Da läuft ein Reh über den Weg ... Alles ringsum Wald ... Aber die Menschen ... Singen die und sie läuten auf dem Schlosse ... Der Zug kann jetzt nicht durch ... Jetzt schweigen die Mönche ... Einer singt ... Pater Ivo ... » Maria , Maienkönigin ! Dich will der Mai begrüßen ! « ... Der Mai in diesem Winter ! ... Püttmeyer kannte ja auch den Mariensänger , den Grafen Johannes von Zeesen , der mit seinem Husch ! Husch ! die Melusinen verjagte ... In der dritten Kutsche ... fuhr Paula den Bebenden fort zu erzählen ... da sitzt der Herr von Terschka ... Bei ihm der Landrath ... Wie jung ist der heute wieder ! ... ... Herr von Enckefuß ist ganz geschminkt und schön frisirt ... Die Mönche singen ... Wie scheint die liebe Sonne auf den silbernen Sarg ! ... Ein