, Blinde , Lahme mit Krücken , Bittende mit Briefen in der Hand , da verstand er , daß ihm heute auch noch das hohe Glück zu Theil werden sollte , Zeuge der vielbesprochenen ekstatischen Zustände der jungen Gräfin zu sein ! Am geheimnißvollen Schleier der Isis zu stehen ist nichts Kleines . Püttmeyer ' s Athem , ohnehin nur kurz , stockte vollends . Mechanisch ließ er sich von dem Diener seiner Umhüllungen entkleiden . Fast hätte er auch sein großes weißes Halstuch abbinden lassen , das einer schützenden Ueberbinde ähnlich sah . Die rasche Hülfe eines jungen , in eleganter Toilette hinzuspringenden Mannes schützte ihn vor dem Misverständniß und dem Verlust eines schönen Knotens , den ihm die Frau Steuerinspector Emminghaus mit eigener Hand heute früh gebunden hatte ... Der junge hülfreiche Mann war Thiebold de Jonge ... Mit seinem nur » scheinbaren Adel « hatte er sich nicht an dem Leichenbegängniß betheiligen wollen . Tante Benigna ersah mit sichtlichem Wohlgefallen , wie der vorzugsweise von ihr gern gesehene und ein für allemal geladene Gast sich schon wieder nützlich machte ... Paula wurde von Armgart geführt ... Hoch und schlank schritt sie dahin . Den schweren Sammetmantel hatte man ihr schon abgenommen . Sie war unter ihm in schwarze Seide gekleidet . Alle Thüren wurden aufgerissen . Die Diener kannten schon , wie sie sich in solcher Lage zu benehmen hatten ... Paula schwebte förmlich ... Die Frauen führten sie in ihre Zimmer . Püttmeyer , voll Staunen und die Hände faltend , blieb mit Thiebold allein . Thiebold hatte für eine seiner gewohnten geistreichen Aeußerungen , die in diesem Augenblick lautete : » Nicht wahr ? Doch merkwürdig ? « nie so viel Zustimmung gefunden . Im großen Vorsaal , der etwas düster war , da ein über ihm befindlicher Balcon ihm das Licht nahm , befand sich an der Thür das Weihwasser ... Tante Benigna und Armgart hatten sich beim Eintreten trotz der Aufregung durch Paula ' s Zustand benetzt ; Paula war vorübergegangen ... Vom Vorsaal schritt man zur Rechten in ein geräumiges , wenn auch nicht zu großes Wohnzimmer . Hier war alles mit Teppichen belegt . Die Vorhänge waren von grüner Seide . Ein Flügel stand aufgeschlagen , auf dem ohne Zweifel Thiebold eben einige Fingerübungen gemacht hatte , denn mit so wenig Virtuosität , wie er sie besaß , hier Effect zu machen , hätte er sich nicht für möglich gedacht . Sopha , Stühle , alles war mit grüner Seide überzogen . Die Etagèren und kleinen Schränke waren von dunkelbraunem Holze und in gothischen Formen . Die Bilder stellten Scenen aus dem Leben der Apostel und Heiligen dar . An frommen Büchern und Provinzialzeitungen war kein Mangel ... Püttmeyer kämpfte nicht wenig , wie er es anstellen sollte , über Dinge , die hier so leicht genommen wurden , sein ganzes Erstaunen auszudrücken . Er kannte Erfahrungen dieser Art nur aus Büchern . Er hatte Abends » bei Schönians « , wo er jeden Abend seine zwei Gläser - Gerstenschleim trank , oder an seine ihn besuchenden Verehrerinnen sich , wenn er um Erklärung angegangen wurde , dahin geäußert , daß das klare und intellectuelle Leben des Menschen die Centripetalität , d.h. das Streben zum Mittelpunkt wäre , aber das Gefühls- und nervöse Leben die Centrifugalität . Er hatte oft geäußert , daß man einer solchen Verrückung und Umkehrung dieser Thätigkeit , wenn sie auch Krankheit wäre , getrost nachgeben und der großen Weltseele näher zu kommen suchen sollte . Da die Visionen der Gräfin keineswegs recht in die christlichen Anschauungen passen wollten , da sie , wie Armgart ' s Mutter noch vor kurzem bei Piter Kattendyk etwas zu vorschnell geglaubt hatte , keineswegs immer mit Christus und der Gottesmutter » im Jenseits « verbunden zu sein behauptete , so hatten die Priester ringsum noch keine besonders entschiedene Meinung über sie aussprechen mögen . Aber die hohe Stellung der Gräfin hinderte ein Einschreiten dagegen . Dann war von der Residenz des Kirchenfürsten , als noch Michahelles allmächtig war , die Weisung gekommen , an den Vorfällen nichts zu stören , sie gehen zu lassen , wie sie gingen , und erst die Ankunft des Domherrn und Archipresbyters von Asselyn abzuwarten , der Bericht erstatten sollte . Umsomehr konnte Püttmeyer die Ansicht von bösen Dämonen und einem unheiligen Zustande bekämpfen ; vollends da , als er hörte , daß Paula vorzugsweise von großen unermeßlichen bunten Ringen sprach , durch die allemal erst ihr geistiges Auge hindurchdringen müsse , wie durch ein großes , riesig aufgezogenes Perspectiv ... Und als Armgart ihn zum ersten male besuchte und die Rede von Paula ' s Visionen war , hatte sie ihm gesagt : Des Magnetiseurs bedarf sie nicht . Der Onkel macht sie durch einfache Berührung hellsehend . Vor Jahren durfte der ehemalige Porteépée-Fähnrich von Asselyn , jetzige Domherr , nur in der Nähe sein , so fühlte sie den Strom , der ihr durch die Fingerspitzen wie in glühenden Tropfen abfiel , und was man sie fragte , sah und hörte und las sie . Erst sind ' s immer große bunte Ringe , die sie sieht , dann sind ' s grüne Wiesen , darüber leuchtet Violett- und Rosaschein und nun begegnet ihr alles , was diesseit und jenseit der Erde lebt , sowol die großen Jagdhunde des Onkels , wie die Heiligen Gottes , sowol Tantens verlegte Ueberschuhe , wie König David mit seiner Harfe ! Thiebold stellte dem Doctor sich selbst vor und äußerte im Mäcenaston seine Freude , einen so » berühmten Dichter « persönlich kennen zu lernen ... Benno hatte ihm einige Erläuterungen über ihn gegeben und gern hätte er schon à la Piter Kattendyk gesagt : Speisen Sie bei mir ! Ich habe bereits so vieles Schmeichelhafte von Ihnen gehört und » gelesen « ! fuhr er fort . Und besonders von Fräulein Angelika Müller ! Haben Sie lange keine Nachricht von dieser Vortrefflichsten ? Ich habe