Der Lieutnant von Aldenhoven hatte ihm die Äußerung : Wir sind hier nicht im Dienst , Herr Lieutnant ! sehr übel genommen ... Man fand Heinrich Sandrart schon lange nicht von der ordonnanzmäßigen Botmäßigkeit , die die Gesetze der Disciplin in ihrer soldatesken Übertreibung mit sich brachte . Gerade , daß ihn gegen mancherlei Anklagen , die man bis zum Major seines Bataillons gegen ihn vorbrachte , dieser in letzter Instanz in Schutz nahm , ihn entschuldigte , eine brave Haut nannte , die man nicht kopfscheu machen müsse , gerade darin lag ein Grund mehr für einige Offiziere , ihm das offenste Unrecht anzuthun . Man konnte ihm zwar nicht nachsagen , daß er wie einige vorlaute und schon mehrfach bestrafte Krieger von den neuen Ideen angesteckt war , er besuchte keine verbotenen Gesellschaften , er war harmlos , gutmüthig und liebte nur das Vergnügen und die Frauen , man wußte , daß er um einer spröden Liebe halber schmachtete und zog ihn damit auf . Allein schon einige junge Krieger der Garnison waren , ohne zu den absichtlichen Wühlern zu gehören , dadurch , daß sie etwas Apartes für sich in Anspruch nahmen , aus dem Verbande der großen disciplinarischen Kette , die das ganze Institut der stehenden Heere aufrecht erhält , herausgeglitten und hatten in den Theorieen jener bald stilleren , bald lauteren Wortführer einen Anhalt für rein persönliche Misstimmungen gefunden . Dem Major von Werdeck sagte man ja etwas Ähnliches nach ! Er sollte früher nie über Politik nachgedacht , ja sogar so ruhig , so loyal sich immer verhalten haben , daß man ihn anfangs an der Spitze einer Compagnie älter werden ließ , als es sein Wunsch sein konnte . Später erhielt er Beförderung ; aber wie lange ließ man ihn warten , weil er immer zu den Geduldigen gehört hatte ! Plötzlich wurde er verdrießlich . Man wollte ihn in eine entfernte Garnison zur Linie schicken , er schlug die Stellung aus und zog die alte geringere vor . Er las Zeitungen , bildete sich ein Urtheil und machte mit Niemanden Partei . Jedes Ding , jede Frage wollte er gewissenhaft prüfen und durch das Prüfen kam er vom politischen Köhlerglauben , den man Loyalität , Treue nannte , zum Zweifel , den man Liberalismus , demokratische Gesinnungslosigkeit schalt . Erst einmal in der Minorität , ging es dem Major wie jedem rechtschaffenen Manne . Er fand seine Ehre darin , einem eigenen Nachdenken seine Überzeugungen zu verdanken und sonderte sich immer mehr von den Andersgesinnten ab . Längst würde er seinen Abschied genommen haben , wenn ihn nicht zwei Dinge daran verhinderten . Einmal galt es von dem Staate , dem er angehörte , für angenommen und feierlich beschworen , daß ein neuer , volksthümlicher Geist die Seele des Ganzen werden sollte . Anderntheils sagte er sich , daß , wenn auf einem schwierigen , mit Kampf verbundenen Posten Jeder immer sogleich weichen wollte , man sich nicht wundern dürfte , wenn das Gute überall unterliege . Seine Untergebenen hielten mit leidenschaftlicher Vorliebe an ihm fest , so streng er auch sein konnte und so hoch er auch seinerseits die Nothwendigkeit der Disciplin anschlug . Er wiederholte oft den Schiller ' schen Spruch : » Ein freies Leben ist ein paar sklavischer Augenblicke wol werth « . Daß Soldaten wählen sollten , daß man den Geist der Parteiung in die geschlossenen Glieder einer Armee verpflanzte , war ihm ein Gräuel . Die muthige Art , mit der er kurz und bündig manchem Parteihaupte gegenüber einen solchen Satz aussprach , hatte immer wieder zur Folge , daß die ihn umwühlende Intrigue sich etwas zurückzog und vorsichtiger zu Werke ging . Aber seine sogenannte Wiederherstellung in dem Vertrauen seiner Kameraden hatte nicht lange Dauer . Er verstieß nur zubald wieder gegen das System , das nun einmal in diesen Reihen gelten und die Kluft zwischen dem Alten und Neuen immer mehr erweitern sollte . Was man von ihm selbst nicht wußte , setzte man endlich bei der offen zur Schau getragenen Gesinnung seiner Frau über ihn voraus . Die Besatzung wurde gerade jetzt viel mit Exerciren gequält . Schon am frühen Morgen war der Major auf einer großen Ebene vor der Stadt gewesen und hatte die schon tausendmal gemachten Manövres wiederholen lassen . Sein schmerzliches : Guten Morgen , Kinder ! als Alles vorbei , hatten die Soldaten wohl verstanden . Es war eilf Uhr und Sandrart war schon übermüdet . Dies hinderte ihn aber nicht , sich rasch anzukleiden und mit dem Förster Heunisch , der , auch einst Soldat , die ewige Fuchserei ( namentlich » in dieser Zeit « ! ) nicht begreifen konnte , zu Fränzchen zu gehen . Onkel Heunisch war sehr angeregt . Der freundliche Empfang des jungen Fürsten hatte ihm wohlgethan . Auch dem Madeira hatte er lebhaft zugesprochen . Er war etwas zum polternden Zank aufgelegt und wiederholte alle die schlimmen und ärgerlichklingenden Reden , die er schon mehrmals gegen Fränzchen ausgesprochen hatte . Diese war ruhig und reizte ihn dadurch doch noch etwas mehr als nur zum Scherz . Endlich mußte sich sogar Sandrart in ' s Mittel legen und ihn besänftigen . Brummend setzte sich der Jäger in einen Lehnsessel , ließ sich , um seinen brennenden Durst zu stillen , von einem Burschen der Werkstatt leichtes Bier kommen , steckte eine Pfeife an , rauchte eine Weile , trank nun und entschlief . Sandrart nahm seine Flöte und blies : Ach , wenn du wärst mein eigen ! Madame Märtens klemmte die Brille auf die Nase und studirte mit Wißbegier das neueste Hellerblatt , das sie mit dem Schneider drüben zusammenhielt . Dieser nickte , dankbar für die Flöte , herüber . Fränzchen nähte und malte sich hinter ihren Blumen aus , wie es wol am nächsten Sonntag sein müßte , wenn es ihr recht , recht gefallen sollte ... Plötzlich ließ sie zitternd die Arbeit sinken . Sie hatte Jemanden kommen hören