Und immer ist ' s mir , als schlüg ' es vier . Ich sehe Hackerten die Kinder schlafen bringen und höre nicht , wie der Alte ruft : Louise komm doch und drück ' mir nur die müden Augen zu ! Beide Mädchen weinten ... Als Louise aufstand , den Hut und die Echarpe holte und zum Abschied sich rüstete , griff Fränzchen ganz verstohlen in ihr Tischchen , holte das Goldstück und wollte es mit bittender Miene , ohne ein Wort zu sagen , in Louisen ' s schwarze Handschuhe gleiten lassen , deren einen sie in der Aufregung sich ausgezogen hatte und eben wieder anzog . Louise lehnte aber lächelnd diesen Beweis von geräuschloser , mit einem einzigen stummen Blick der Bitte ausgesprochenen Herzensgüte ab . Ich bin glücklich , sagte sie , daß ich dir anzeigen konnte , wir haben die Bosheit der Florentine abgeschüttelt . Es geht jetzt so leidlich ! Lieber Himmel , von den Begräbnißgeldern des Alten haben wir ja noch gerade soviel übrig behalten , als ich an Florentinen verliere . Gott ist in großen Dingen , wo wir Hülfe von ihm erwarten und denken , es müsse durchaus nach unserm Wunsche und Willen gehen , fast immer hart und unerbittlich , und in kleinen Dingen , wo er Verlust durch Gewinn wie durch einen Zufall ausgleicht , ist er wieder so grundgütig , daß wir uns beschämt fühlen und unsern Kleinmuth bereuen . Bis Sonntag schreibst du mir das göttliche Gedicht ab und wenn du was recht Gescheutes anstellen willst , so bringe Den mit , der es gemacht hat , und wär ' s ein Student ! Mit dieser , unter Thränen hervorblitzenden Schelmerei schied das aufgeregte Mädchen . Sie umarmte Franziska und ging ohne viel Rücksicht auf die hinter ihr herbrummende , durch dies Ignoriren verletzte Frau Tischlermeisterin Märtens durch deren Zimmer rasch davon . Man hörte , wie sie das Gitter der Küche zufallen ließ und unverweilt die Treppe hinuntersprang . Für Fränzchen hatte dieser Besuch die wohlthätige Folge , daß er ihr Kraft gab , fest auf ihrem Gefühle zu beharren . Hatte sie geschwankt , ob sie nicht den Onkel , der so gut war und nichts Unangenehmes im Leben leiden mochte , beim Abschied durch die Bereitwilligkeit erfreuen sollte , Heinrich Sandrart ' s Bewerbung sich gefallen zu lassen , so war ihr von Louisen ' s heldenmüthigem Wesen eine wunderbare Kraft zugeströmt . Lag nicht in Allem , was dies Mädchen ihr erzählt und von ihren stillen Herzenskämpfen mitgetheilt hatte , das volle , große , gewaltige Geständniß , daß sie ein unaussprechliches Bedürfniß einer großen und feurigen Liebe hatte ? Sie vergegenwärtigte sich , wie oft ihr diese arme Arbeiterin , die vor einem Übermaß von Pflichten kaum zu sich selber kommen konnte , gestanden hatte , daß in ihr ein nicht zu bewältigender Drang der Liebe läge ! Sie hatte früher dies Geständniß nicht fassen können , jetzt fühlte sie den übermächtig stärkenden Hauch einer reinen , dem Herzen befehlenden Willenskraft . Daß Louise jemals dem Danebrand gehören würde , glaubte sie nicht . Sie sah in Allem , was der Freundin seit dem Fortunaball geschehen war , nur eine Art Sühne für das Unrecht , das sie bei ihrem tugendhaften Pflichtgefühle begangen zu haben glaubte . Aber Das wußte sie auch , ganz würde sich dies starke Herz niemals unter das Joch der Rücksichten beugen . Das ist nur , sagte sie , eine Zeit der Trauer , die sich Louise auferlegt hat , aber unwahr gegen sich selbst wird sie niemals werden . Die lügt nicht , wie ich nicht lügen will ! So fand sie nach einiger Zeit , während Frau Märtens brummte und über das abscheuliche , » keinem « Menschen » ästimirende « unhöfliche » Subjekt « , die Louise Eisold , polterte , die » die ganze Suppe « mit dem » Sprachmaitre « und Herrn Sandrart und der Reise nach Hohenberg nicht etwa eingebrockt , sondern » eingefädelt « hätte , der Onkel Heimisch . Neuntes Capitel Stilles Leid und stille Schuld Der so gern nur wohlgemuthe Jäger Leberecht Heunisch kam in rosenrothester Laune von seinem Prinzen Egon . Er , der so gewohnt war , nicht viel auf seinen Schultern zu tragen und der selbst von dem Nächsten , was um ihn her sich ereignete , nicht viel sehen und wissen mochte , hatte eine Menge lästiger Drangsale von seinem Gemüthe abgeworfen . Gleich wie er von seinem genesenen , zum erstenmale ordentlich gesehenen hohen Patrone kam , begegnete ihm Dankmar Wildungen , den er seit dem Abschied vom Gelben Hirsch für den Prinzen selbst gehalten hatte . Nun wußte er doch , wo er auch diesen Freund und Gönner hinbringen sollte . Es war ein » Bekannter « des Prinzen ! Diese Thatsache nahm ihm , als er Dankmarn rasch eilen sah , um Egon zu begrüßen , alle Skrupel . Es lag wieder das helle , goldne , klare Nichts vor seinen Augen ; der ganze blaue Himmel schien in seine blauen treuherzigen Augen zurück und nur Heinrich Sandrart , der Sergeant , und das Fränzchen und der alte französische Sprachmaitre ... Die waren noch ein paar lästige Wölkchen für seine Behaglichkeit . Er war von Egon und von dem frohen Wiedersehen des guten Rathgebers Dankmar in die Kaserne gegangen , um den Sergeanten abzuholen ... In seiner Patentuniform , wie er sie immer trug , kam der Sergeant mit dem Förster mit , nicht ohne Hoffnung , Fränzchen würde doch wol vielleicht dem Onkel zum Abschied eine für ihn tröstlichere Erklärung geben . Der junge Krieger hatte eine freundliche Zusprache nöthig , denn seit dem Fortunaball geschah Vieles , um seinen sonst so fröhlichen leichten Sinn zu kränken . Sein rundes volles Gesicht , dem ein Bärtchen an der Oberlippe und ein damals noch erlaubter demokratischer Kinnbart gar männlich stand , war seit einiger Zeit nicht aus Liebeskummer allein entfärbt .