wegen Augusten , die bei mir bleiben und tugendhaft leben wollte . Man lachte mich aus . Je mehr ich gegen dies Haus sprach , desto kürzer war der Bescheid , ich wäre für einige Zeit ein Observat und müßte hier wohnen . Dies Haus ist bewacht . Hier nebenan wohnte noch vor kurzem ein Spion , Namens Schmelzing . So bin ich hergezogen . Nehmen Sie mich also nur , mein Kind , und wenn jenes unglückliche Mädchen kommen sollte , so verstoßen Sie sie nicht . Ich muß sie für verloren halten , aber käme sie zu mir zurück , so hätte sie viel überwunden . Sie würde am Orte ihrer Schande arm und sehr , sehr gering leben müssen . Und nun ? fragte Fränzchen fast zitternd über die Gefahren ihrer Freundin und bei sich überlegend , ob sie nun wol jemals wagen könnte , sie zu besuchen . Murray wohnt bei uns , sagte Louise , das Mädchen ist aber nicht gekommen . Und vor einem solchen Nachbar fürchtest du dich nicht ? Er ist am Tage nicht viel zu Hause , liest des Nachts , schläft bis späten Morgen und lebt still und einsam .. Ich könnte des Nachts nicht ruhig schlafen , meinte Franziska . Warum ? Ich halte ihn für einen weisen Mann . Er sprach mit solchen Worten , wie sie mich immer erschüttern . Er kennt ganz das Elend der Menschen und weiß , wie nahe das Unglück an den Rand des Verbrechens führt . Franziska gedachte jetzt plötzlich der Verse Louis Armand ' s. Jetzt verstand sie sie schon besser . Jetzt , erregt von der höheren Begeisterung und thatkräftigen Schwärmerei , die in Louisens Augen lagen , konnte sie nicht umhin , die Worte vor sich laut hin zu sprechen : Des Volkes Tochter ! Arme Bettlerin , Du bist nicht arm , was auch dein Elend spricht ! Die Nachbarin ließ ihre Truhe auf , Greif zu ! Zum Bagno geht dein Lebenslauf - Und wenn zum Tod - nur stolz ! Und weine nicht . Was ? rief Louise . Was summst du da ? Wie Louise diese Worte hörte , horchte sie hoch auf . Erschüttert und ergriffen fragte sie , was Das für ein Lied wäre ? Und Fränzchen , voll Wehmuth und durch die warme Hingebung der unglücklichen Freundin innerlichst selbst erschüttert , zog ihr Nähkästchen auf und wollte ihr das Gedicht des Handwerkers geben . Sie vergriff sich aber und gab ihr Heinrich ' s Verse . Louise las davon eine halbe Strophe . Nein , rief sie , Das ist Wasser , Das sind die Feuerworte nicht ! Wo hast du die ? Fränzchen sah nach und verbesserte rasch ihren Misgriff , indem sie die rechten Verse aufschlug . Ah ! rief Louise , las und sprang auf ; Das sind Worte des Lebens , die vom Himmel kommen ! Und mit zitternder Stimme , bebend vor innerer , das ganze Herz umwühlender Bewegung , las sie die Verse mit steigendem Affekte auch im Vortrage laut und nachdrucksvoll und steigerte sich in ihrer grenzenlosen Nichtbefriedigung in eine so schwindelnde Höhe der Leidenschaftlichkeit , daß sie vor Wehmuth laut zu schluchzen anfing und gerade die Absicht des Dichters erreichte , der der Proletarierin verbieten wollte , zu weinen , während sie dennoch weinte . Franziska hatte auf der Zunge einzugestehen , wie sie in den Besitz dieses Gedichtes gekommen wäre . Auch sie hatte das Bedürfniß , sich in die theilnehmende Brust einer so gefühlsstarken Freundin auszuschütten . Diese aber , da eine Thurmuhr gerade laut in der Nähe schlug , sagte : Franziska , ich muß nun gehen und für unser Mittagessen sorgen . Seit dem Fortunaball ist mein Karl finster gegen mich . Er hat bei Willing ' s zuviel Schlimmes über mich hören müssen ! Ach , auch darum muß ich Danebrand freundlich sein ! Erzähl ' mir , was du auf dem Herzen hast , am nächsten Sonntag . Wir wollen in ' s Feld gehen . Ich thu ' s der Kleinen wegen und auch Line und Wilhelm haben am Sonntag keine Zeitungen auszutragen . Ich trage das Kleine . Du nimmst Heinrich und Riekchen an der Hand . Danebrand trägt in einem Ranzen , was wir im Walde verzehren können . Oder ist dir Das zu arm , Fränzchen ? Du bist vornehm ! Wie schöne Kleider du hast und wie schön du bist ! O Louise , sagte Fränzchen erröthend , was sprichst du ! Ach , ich will schon glücklich sein , mit dir gehen zu können . Willst du ? Nächsten Sonntag ? Ich hole dich ab ... Nein , nein , nicht in unser schlimmes Haus ! Wir kommen um zwei Uhr am nächsten Sonntag dich hier abzuholen . Und bringe mit , wen du lieb hast ! Den Sergeanten , nicht wahr ? Nein ! sagte Franziska entschieden und bestimmt . Von Dem sind die feurigen Verse nicht ! Wo hast du sie her ? Willst du mir versprechen , mir sie abzuschreiben ? Ich schreibe sie dir ab ! Ach , Fränzchen , sonst las ich solche Flammenworte einmal über und sie hatten sich mir gleich eingeprägt , wie in Erz gebrannt . Jetzt drückt auf meine Gedanken soviel , mein Kopf geht so wirr , daß ich das Leichteste nicht behalten kann . Und dann muß ich ' s Abends lesen , wenn Alles um mich still ist , die Kinder schlafen , die paar Uhren picken , die ich noch immer aufziehe - ich will Die verkaufen , die noch da sind und die dem Großvater gehörten , die andern haben die Leute zurückgeholt ... ach , es ist mir oft , als wenn der alte Mann im Zimmer huschelt und kein Weiser rückt an , ohne daß ich nicht denke : Den hat er mit seiner todten Hand eben gerückt und nun wird er gleich schlagen lassen !