sie Reue hatten über ihre wilde Einmischung in diese unglückliche Ehe ? Ob sie in der Erziehung Armgart ' s sich hinlänglich verbunden fühlten ? Möglich ; aber Tante Benigna war keine Meg-Merilies . Ein Kind nimmt geistige Größe für physische und erinnert sich seines kleinen alten Lehrers immer in der Gestalt eines Riesen . Monika war zwanzig Jahre , als sie Benigna zum letzten male sah und ihre um so viele Jahre ältere Schwester stand ihr noch immer in der Leidenschaft vor Augen , von der sie damals gegen sie beseelt war . Wie war aber auch Benigna zusammengegangen ! Es ist ein ganz mäßig gebautes , fast anspruchsloses Wesen . Sie kichert verlegen , wenn von Levinus von Hülleshoven als ihrer ersten und einzigen Liebe die Rede ist , wie eine jede andere alte Jungfrau in gleicher Lage auch gethan haben würde . Längst war diese Beziehung unter die Dinge gerathen , deren Lösung der Mensch dem Jenseits überläßt . Tante und Onkel , beide hatten so viel mit ihren Aemtern und nächst diesen auch mit sich selbst zu thun , daß es zu keiner Wiederanknüpfung an die alte Zeit mehr kam ; beide vertrockneten in sich selbst . Die Zeit , die Onkel Levinus an der Verwaltung erübrigte , gehörte der Gelehrsamkeit , den Alterthumsstudien , den Entdeckungsreisen ins Innere Afrikas und seinem chemischen Laboratorium . Die Zeit , die Benigna erübrigte , gehörte der » Erziehung « Paula ' s und Armgart ' s , die indessen umgekehrt beide mehr die Tante erzogen . Benigna ist allerdings reizbar , sehr streitsüchtig , gutmüthig wol , aber erst nach Anfällen heftiger Strenge , überfromm und sittenrichterisch bis zum Unschönen . Wenn sie dann von allem erschöpft Abends in den Sessel sinkt , schläft sie freilich so gut ein wie andere ; ja sie spricht sogar im Traume , nie jedoch etwas Geistreiches . Die beiden Pfleglinge haben sie ganz in der Gewalt ; Armgart mit List , Paula mit Güte ; und manchmal entwickelte auch sie Neckerei . Trotzdem daß Tante Benigna heute aus ihrem Mantel ohne Pelz ( » man muß sich nicht verwöhnen « ) und ihrem Hute ohne Schleier ( » Schade was für eine rothe Nase ! « ) gedankenvoll in die Gegend schaut und immerfort an den beschlagenen Fensterscheiben wischt , um zu sehen , welcher Gottesfriede und welche nächstjährige Erntehoffnung auf der Wintersaat ruht und am wievielten Chausseestein man sich befand , hätte sie doch ganz gern auch ein bischen den Doctor geneckt . Denn sein Frack war doch auch gar zu altmodisch ! Wie hatte man ihn in Eschede » eingemummelt « ! Wie eine alte Meerkatze saß er da unter seinen Tüchern und Pelzen ... Da aber Armgart die Ernsteste im Wagen blieb , mußte Tante Benigna schon ihre Necklust zügeln und stumm den Gedanken Audienz geben , die sie hinlänglich quälten - diese Entäußerung des alten Besitzes , die Zukunft Paula ' s , die Leiden und Visionen derselben , der Zustrom so vieler Menschen , die die » Seherin « beunruhigten , und die Sorgen wieder um diese gar » nicht zu berechnende « Armgart , um die Nähe ihrer Schwester , um die Ansiedelung ihres Schwagers in Witoborn , sein » unstandesgemäßes « Fabrikproject mit Hedemann , endlich auch die unruhige Zeit , die Aufregung der Gemüther , die Zänkereien des neuen Pfarrers mit den Gemeindegliedern , und dazu der Pferdestall , die Kühe , die Schafe , die Schweine , die Fruchtpreise , alles , was zwar schon in die Verwaltungssphäre des Onkel Levinus hinübergriff , von diesem jedoch oft so gefährlich vernachlässigt wurde , wenn er hinter seinen Tiegeln und Retorten kauerte oder eine Entdeckung machte von fossilen Thieren in einem Kalksteinbruch oder ihm ein alter Römerhelm überbracht wurde , über dessen muthmaßlichen ehemaligen Besitzer er sämmtliche Bücher des Tacitus wieder noch einmal frisch durchlesen mußte und dann Abhandlungen schrieb und sich in gelehrte Streitigkeiten mit Provinzblättern verwickelte . Armgart , wie gesagt , ging auf die Necklust der Tante nicht ein ... » Herr ! Cröne Mein Beginnen ! « sprachen , wie tief innenwärts gewandt , ihre braunen Augen . Auch bei ihr war der Hut von durchbrochenem schwarzen Flor . Ihr dunkelbraunes Haar sah man wenig und auch über das heute wachsweiße , nur am Näschen etwas von der Kälte geröthete Antlitz zog sie zuweilen rasch einen schwarzen Schleier , den sie trotz des » Schade was « der Tante trug . In ihrer Brust gab es wilde Kämpfe ; auf ihrem Antlitz fürchtete sie , die Spuren davon zu verrathen . Gleich nach ihrer Ankunft von Lindenwerth hatte sie am Altar der Stiftskirche zu Heiligenkreuz der Gottesmutter gelobt : » Nicht Vater ! Nicht Mutter ! Beide ! « Das führte sie durch . Das nähte sie in ihren Drachen . Das stickte sie in ihre Cigarrentasche . Das häkelte sie in ihren Aschenbecher - sie verlor diese Vielliebchen , weil sie nur dem Gedanken lebte , daß die Mutter oder der Vater in jeder Stunde kommen könnten . Auch sie wischte mit dem weißen Tuche , das sie , als könnte sie plötzlich weinen , immer in der Hand hielt , das beschlagene Fenster neben sich ab . Sie that es , um sich zu überzeugen , ob kein Gespenst ihrer Furcht oder Hoffnung hereinschaute ... Wie anbetend blickte sie dabei zuweilen zu ihrer lächelnden Freundin Paula hinüber , zuweilen auch wieder in den geflammten Achat am Himmel . Daß es für gewisse Seelen und gewisse Zustände Engel gab , ganz so wesenhaft sichtbar wie die kleinen dicken Jungen , die in der alten Kirche zu Sanct-Libori den Baldachin über dem geschmacklosen Hochaltar hielten , das war in dieser Sphäre eine ganz vollendete Thatsache . Und Paula , die wir nun auch hätten wiedersehen sollen , nur im Concert der Sphären , nur so , wie sie in Bonaventura ' s nächtlichen Träumen auf klingender Luft schwebte - da