aus Lindenwerth hatte sie ihn wie eine verschüttete pompejanische Ruine entdeckt . Sie hatte die unendliche Liebe und Dankbarkeit , die sie für ihre Lehrerin besaß , für die Arme , die ihretwegen so hart bestraft wurde , auf den Freund des Herzens derselben übertragen und mit jener dem jugendlichen Alter so schön stehenden Liebesübertreibung in ihm aller Welt den Propheten nachgewiesen , der in seinem Land verkannt würde , während die wissenschaftliche Welt von Alexander von Humboldt in Berlin an bis zum alten Windhack zu Kocher am Fall voll von seinem Ruhme wäre . Ruhm verbreitet sich , hatte Angelika oft genug gesagt , in concentrischen Kreisen . Wie auf dem Wasserspiegel die erregte Wellenlinie erst in der Nähe des hineinfallenden Steines klein , dann wachsend und wachsend und in ihrer wahren Größe erst in ihren äußersten Nachschwingungen sichtbar würde , so auch die Anerkennung des Genius , zu dessen wahrer Würdigung dann ja oft auch - die Steine gehörten . Niemanden haßte Armgart so , wie einen gewissen Philosophen Namens Joseph Schelling , der so unersättlich nach Ruhm wäre , daß er auch noch den Lehrstuhl Hegel ' s , den bis dahin ein unbedeutender Schüler bekommen , einnehmen und dadurch gleichsam beweisen wollte , daß er von Hegel nicht überwunden worden . Das war in Eschede ein Aufsehen , als eines Tages eine gräflich Dorste ' sche Kutsche ins Thor fuhr und ein Livreebedienter nach dem Doctor Püttmeyer fragte ! Und schon am Abend , wo Püttmeyer nicht » bei Schönian ' s « erschien ( wo sich regelmäßig vier oder fünf Stammgäste einfanden ) , wußte es die ganze Stadt , daß Fräulein Armgart von Hülleshoven auf Stift Heiligenkreuz den Doctor aufgesucht , ihm eine Vision der Seherin von Westerhof erzählt und ihn veranlaßt hätte , diese zu zeichnen , auszutuschen und mathematisch in vierundzwanzig Theile zu zerlegen zum Muster eines Teppichs . Für den Doctor war dieser Auftrag gewesen , wie wenn man bei einem Drechsler in Witoborn ein Linienschiff für die englische Marine bestellt hätte . Er hatte seine katergrauen , etwas gelbgesprenkelten und schon ganz tageslichtscheu gewordenen Augen aufgezogen , wie wenn der Cultusminister bei ihm wäre vorgefahren gekommen in Begleitung des Oberpräsidenten und ihn zum Mitglied der Akademie gemacht hätte . Er konnte von Stund an nicht mehr regelmäßig denken , nicht schlafen ; er verjüngte sich , als kämen seine alten Tage wieder , wo seine Ideen zum ersten male über das vaterländische Heidekraut flügge ins Land aufstiegen wie Märzlerchen und alle Drechselbänke der adeligen Höfe ringsum seine mystischen Dreiecke , Kubusse und Konoiden darstellten . Püttmeyer zeichnete den Teppich , maß ihn , klebte ihn in natura zusammen , wie einen Drachen - voller Drachen . Das erschütterte dann sehr seine Gesundheit . Erst heute hatte man ihn können aus Eschede abholen lassen . Er war wie der selige Nikolaus von der Flüe , den die Eidgenossen aus den wilden Bergen holten , um ihre Streitigkeiten zu schlichten , und den man tragen mußte , weil er das Gehen verlernt hatte . Alles war ihm neu . In Witoborn behauptete er viel mehr Thürme zu sehen , als sonst , während doch einige abgetragen waren . Die Vögel , die am Wege im Schnee hüpften , betrachtete er , als wären es neue Species , die inzwischen der Schöpfer geschaffen . Und daß es sich so treffen mußte , an diesem Tage waren sämmtliche Männer der gewählteren Gesellschaft ins Gebirge nach Schloß Neuhof ! Nun konnte er doch sowol in Schloß Westerhof , wie in der Kirche und jetzt wieder auf der Rückfahrt , so recht genießen , als zweiter Frauenlob , mitten unter dankbaren nur weiblichen Händen und Herzen gehegt zu werden . O that das wohl ! Gleich einem alten Papagaien hatte er gegurrt und gegrammelt vor Behagen , als ihm die Frauen und Fräulein auf dem Chor vor und nach der Messe so viel Zuckerbrot in Worten gaben , seine Güte , seinen Geist , seinen Geschmack lobten . Wie der große Pfau des Libori wedelte er ! Noch stand ihm das einfache Familiendiner im Schloß , für den Nachmittag die Rückfahrt nach Eschede und für einen der nächsten Tage noch eine größere Huldigung bevor . Bei einer Jagd , die in dem von Terschka für Thiebold de Jonge bestimmten Walde gehalten werden sollte , einer Jagd , deren Honneurs der Trauer der Dorste ' s wegen ein nachbarlicher Graf Münnich übernommen hatte , sollte Püttmeyer den Damen , die auf Münnichhof die heimkehrenden Nimrod ' s erwarteten , sein philosophisch-mathematisches System in der Art erklären , wie er dies alle Jahre einmal in Eschede that , durch Ombres chinoises , d.h. Transparentfiguren in einem dunkeln , weihrauchgefüllten Zimmer . Und Tante Benigna ! Die vielbesprochene Schwester Monika ' s ! Die sogenannte Meg-Merilies sitzt da mm auch vor uns ! ... Wie beurtheilt ihr doch die Menschen immer nur nach dem , was sie euch zu euerm eigenen zufälligen Nutzen oder Schaden sind ! Die Mutter Monika ' s , die Großmutter Armgart ' s konnte Tante Benigna , Fräulein von Ubbelohde , allerdings sein ; aber von einer Hexe , von einer Kindesräuberin hatte sie gar nichts . Wie lange lag auch jener furor saxonicus schon hinter ihr ! Ein schwarzer Trauer-Sammethut mit Kreppbändern zeigte das Antlitz einer funfzigjährigen Jungfrau , deren Augen etwas ermüdet waren , die Lippen weit mehr bedacht eine kleine Zahnlücke als heroische Entschlüsse zu verbergen ... Onkel Levinus , ihr Schwager , war ihr Verlobter , mit dem sie sich zu verheirathen vergessen hatte . Sie setzten beide ihren Brautstand mit der immer gleichen Courtoisie fort , die schon bei ihrem ersten Verspruche stattfand . Sie lebten unter Einem Dache , führten die gleichen Geschäfte , die Verwaltung der Güter des Grafen Joseph , zankten sich nicht selten , aber die wirkliche Ehe war in Vergessenheit gerathen . Ob das traurige Beispiel von Bruder und Schwester sie erschreckte ? Ob