den Gesprächsversuchen der Pastorin und spielte mit der gepflegten Hand an dem graublonden Bart. Inzwischen schlug schon Pastor Kandler an sein Glas . Die Regierungsrätin zog aus Vorsicht , sobald er sich räusperte , ihr feuchtes Battisttuch — es war ihr Brauttaschentuch — hervor . Und das war gut , denn unaufhörlich tropften ihr bei seinen Worten die Thränen über das verblühte matte Antlitz , dessen Wangen eine fliegende , nervöse Röte angenommen hatten . Er sprach so ergreifend ! Er rührte ihr an so vieles ! Die Grundlage der Rede bildete das Bibelwort : Alles ist euer — ihr aber seid Christi . Pastor Kandler suchte in seiner Phantasie nach einer naturwahren Beschreibung der Freuden , die das Leben einer modernen jungen Dame der feinen bürgerlichen Gesellschaft ihr zu bieten habe : in der Familie , im Verkehr mit Altersgenossinnen , durch Natur , Kunstbestrebungen und Lektüre . Er deutete auch andere Glückseligkeiten an , die ihrer warteten — denn es war nun einmal der Lauf der Welt — hold , unschuldig , wie sie da vor ihm saß , das liebe Kind , in ihrem schwarzseidenen Kleidchen , die braunen Augen aus dem weichen , hellen Gesichtchen andächtig auf ihn gerichtet — wie bald konnte sie Braut sein . Alles ist Euer ! Aber wie soll dieses “ Alles ” benutzt werden ? Besitzet als besäßet ihr nicht — genießet als genösset Ihr nicht ! — Auch der Tanz — auch das Theater sind erlaubt , aber der Tanz geschehe in Ehren , das Vergnügen an der Kunst beschränke sich auf die reine , gottgeweihte Kunst . Bildung ist nicht zu verachten — doch hüte Dich , mein Kind , vor der modernen Wissenschaft , die zu Zweifeln , zum Unglauben führt . Zügle Deine Phantasie , daß sie Dir nicht unzüchtige Bilder vorspiegele ! Liebe — Liebe — Liebe sei Dein ganzes Leben — aber die Liebe bleibe frei von Selbstsucht , begehre nicht das ihre . Du darfst nach Glück verlangen — Du darfst auch glücklich sein — aber in berechtigter Weise . . . . denn Du bist Christi Nachfolgerin , und Christus starb am Kreuz ! Nur wer das Irdische ganz überwunden hat , wird durch die dornenumsäumte Pforte eingehen zur ewigen Freude — zur Hochzeit des Lammes ! Agathe mußte wieder sehr weinen . Aufs Neue erfaßte sie das ängstigende Bewußtsein , welches sie durch alle Konfirmandenstunden begleitete , ohne daß sie es ihrem Seelsorger zu gestehen wagte : sie begriff durchaus nicht , wie sie es anzustellen habe , um zu genießen , als genösse sie nicht . Oft schon hatte sie sich Mühe gegeben , dem Worte zu folgen . Wenn sie sich mit den Pastorsjungen im Garten schneeballte , versuchte sie , dabei an Jesum zu denken . Aber bedrängten die Jungen sie ordentlich , und sie mußte sich nach allen Seiten wehren , und die Luft wurde so recht toll — dann vergaß sie den Heiland ganz und gar . — Schmeckte ihr das Essen recht gut — und sie hatte jetzt immer einen ausgezeichneten Appetit — sollte sie da thun , als ob es ihr nicht schmeckte ? Aber das wäre ja eine Lüge gewesen . Wahrscheinlich hatte sie das Geheimnis des Spruches noch gar nicht verstanden . Ach — sie fühlte sich der Gemeinschaft gereifter Christen recht unwürdig ! Aber es war doch wunderhübsch , nun konfirmiert zu sein — und es war auch an der Zeit , sie wurde doch schon siebzehn Jahre alt . Hatte der Pastor dem Kinde seine Verantwortung als Himmelsbürgerin klar zu machen gesucht , so begann der Vater Agathe nun die Pflichten der Staatsbürgerin vorzuhalten . Denn das Weib , die Mutter künftiger Geschlechter , die Gründerin der Familie , ist ein wichtiges Glied der Gesellschaft , wenn sie sich ihrer Stellung als unscheinbarer , verborgener Wurzel recht bewußt bleibt . Der Regierungsrat Heidling stellte gern allgemeine , große Gesichtspunkte auf . Sein Gleichnis gefiel ihm . “ Die Wurzel , die stumme , geduldige , unbewegliche , welche kein eigenes Leben zu haben scheint und doch den Baum der Menschheit trägt . . . “ In diesem Augenblick wurde noch ein Geschenk für Agathe abgegeben . der Landbriefträger hatte es als Dank für das am Morgen erhaltene reichliche Trinkgeld trotz des Feiertages von der kleinen Bahnstation herübergebracht . “ Ach nein ! — Das schickt Mani ! ” sagte Agathe und wurde rot . “ Er hatte es versprochen , aber ich dachte , er würde es vergessen . ” “ Dein Vetter Martin , von dem Du so viel erzählst ? ” erkundigte sich die Pastorin neugierig . Agathe nickte , in glücklichen Erinnerungen verstummend . Herweghs Gedichte — — Und die Sommerferien bei Onkel August in Bornau — der sonnenbeschienene Rasen , auf dem sie gelegen und für die glühenden Verse geschwärmt hatte , die Martin so prachtvoll deklamieren konnte . . . Wie sie sich mit ihm begeisterte für Freiheit und Barrikadenkämpfe und rote Mützen — für Danton und Robert Blum . . . . Agathe schwärmte dazwischen auch für Barbarossa und sein endliches Erwachen . . . Sie hatte Martin seitdem noch nicht wiedergesehen . Er diente jetzt sein Jahr . Ach , der gute , liebe Junge . Agathe war zu beschäftigt , das Buch aufzuschlagen und ihre Lieblingsstellen nachzulesen , um zu bemerken , daß eine peinliche Stille am Tische entstanden war . Als sie emporsah , begegnete ihr Blick dem von verhaltenem Lachen ins Breite gezogenen Gesicht von Onkel Gustav , der sich eifrig mit dem Öffnen einer Champagnerflasche beschäftigte . Pastor Kandler stand auf , ging schweigend um den Tisch herum und nahm ihr den Herwegh aus der Hand . Er trat zu dem Regierungsrat und zeigte ihm hier und da eine Stelle . Beide Herren machten ernste Mienen . Es lag etwas Unangenehmes in der Luft . “ Daß der Bengel noch so dumm wäre , hätte ich ihm doch nicht