geflüchtet war . Nicht Augusts geordnetes Dasein , das ihrer eingreifenden Fürsorge kaum bedurfte , sondern die spärlichen Briefe , die flüchtige Kunde brachten von einer unsicheren , überseeischen Existenz , bildeten den Hauptinhalt ihrer Phantasien und Träume . Wenig genug mochte die Frau , die niemals aus der friedlichen Enge der Harzberge herausgekommen war , die fürchterlichen und wilden Gefahren jener Untiefen , Klippen und Wirbelstürme , zwischen denen der Sohn umherschiffte , in diesen Träumen ermessen . Dennoch trug sie den unzerstörbaren Mutterglauben in sich , daß ihr Junge wie die guten Helden von Ritterbüchern und Indianergeschichten am Ende allen Schrecklichkeiten glücklich entrissen und als der gleiche liebe , unschuldige , lachende Knabe , wie sie sein Bild im Herzen hegte , dereinst zu ihr zurückkehren würde . Vielleicht ist das blinde Vertrauen auf einen sehr stark im einzelnen Schicksal waltenden Vater im Himmel , der besonders für ferne Söhne eine Menge von umsichtigen Schutzengeln bereithält , von allen Menschen den Müttern am nötigsten . Selten mit der Lebenserfahrung ausgerüstet , die sie befähigen würde , sich einen deutlichen Begriff von der Existenz eines jungen Mannes schaffen zu können , fühlen sie diesen ins Unbegreifliche hinausstrebenden Jüngling doch so oft noch als ein Stück ihres eigenen Leibes und Herzens . Wie sollten sie die Qual , das Geliebteste im Dunkeln , Rätselvollen sich verlieren zu sehen , ohne es auch nur mit wertvollen Ratschlägen begleiten zu können , ertragen ? Aber wenn sie ihm ein für allemal einen weisen Führer , als der das göttliche Wesen dem an abstrakten Begriffen schwer haftenden Frauengeist sich leicht verkörpert , übergeben , dann haben sie zugleich sich jemand geschaffen , mit dem sie sich fortwährend innerlich wie mit einem Freund unterhalten können . Auch scheint es ihnen , daß sich dieser Mittler , obwohl erfahrener und klüger als sie selbst , doch ihren freundlichen Vorstellungen und mütterlichen Wünschen nicht immer unzugänglich erweist . So war Marie von Kosegartens Verhältnis zu ihrem Gott . Er war ein Mann ; darum tat er oft unbegreifliche Dinge , die Männer nun einmal zu tun pflegen . Darein hatte man sich zu fügen . Wie gegen Augusts Bestimmungen wagte Frau von Kosegarten aber auch gegen die des lieben Gottes ganz heimlich in ihren Gedanken ein wenig zu rebellieren . Das hatte erstens den Reiz der Sünde , und zweitens konnte man auch nicht wissen , ob der Herr sich doch nicht endlich zugunsten ihrer Wünsche beeinflussen ließe , wenn er sah , daß man unzufrieden mit ihm war . Und nun hatte der Herrgott ihr etwas angetan , darüber konnte und konnte sie nicht einig werden mit ihm . Daß er die Menschen prüft , hart prüft , das gehörte ja wohl einmal zu seinem Regiment . Wie sollte man auch auf anderm Weg die nötige Läuterung empfangen ? – So hatte sie sich auch allmählich hineingefunden , daß Fritz des Königs Rock , der ihm so gut stand , ablegen mußte , daß er niemals mehr zu Weihnachten oder zu Ostern auf Urlaub kommen konnte , daß das Haus still geworden war – denn weder August noch Hilde lachten wie er – , und daß er dort drüben mit seinen hübschen wohlgepflegten Händen , von denen sie sich so gern hatte streicheln und liebkosen lassen , arbeiten mußte wie ein Knecht , ihr verwöhnter schlanker Herzensjunge ! Nun , er nahm ja wenigstens das schreckliche Leben mit seinem gewohnten Humor . Manchmal konnte man über seine Schilderungen von Land und Leuten geradezu Tränen lachen . Weil er so drollig schrieb , befestigte sich die Anschauung bei ihr , es müsse ihm doch nicht allzu schlecht gehen . Er verdiente auf eine rätselhafte Weise sogar sehr viel Geld . Eigentlich klang es ja wie ein Spaß und war kaum zu glauben . Er hatte nämlich eine merkwürdige Art von Lederstrippchen mit verschiedenen verstellbaren Haken erfunden , an dem die Gold- und Kupfergräber im Westen ihre Werkzeuge am Gürtel tragen konnten . Seitdem er dieses Strippchen erfunden , hatte rr das Graben aufgegeben . Seine Briefe wurden nun wie eine von köstlichen Freudenschätzen schimmernde Mine : er war auf dem Weg , ein reicher Mann zu werden – er kaufte Häuser – er baute Straßen – er richtete Fabriken ein – er fuhr im Auto durch seine Besitzungen ... Endlich wollte er auch seine Absicht ausführen und einmal hinüberflitzen , die Eltern zu besuchen , um dem Vater seine Schulden abzutragen und mit August wegen seiner Zukunft zu sprechen . Hinter allen Geldsorgen , die sie in ihrem Rauschenrode plagten , stand diese am Horizont ihres Lebens glänzende Hoffnung . Da wurde der liebe Gott grausam ... Ja , Frau von Kosegarten konnte es nicht anders bezeichnen : Er wurde grausam . Fritz schrieb nach einer beängstigend langen Pause aufs neue : sein lange gehegter Plan solle nun zur Tat werden . er wolle heimkehren ins alte Vaterhaus . Aber sie sollten sich keine Illusionen machen , er sei kein reicher Mann mehr . Was er so jäh gewonnen , sei alles wieder verloren . Sein Sozius habe ihn fürchterlich betrogen . Er wolle nicht klagen , er trage selbst einen Teil Schuld an dem Zusammenbruch , und die Wahrheit zu sagen , stehe er nackt und bloß wie am Tag seiner Ankunft in Neuyork dem Schicksal gegenüber . Und nun sei es wunderlich , seine Nerven müßten wohl durch die geschäftlichen Mißgeschicke etwas angegriffen sein , kurz , er fühle sich sonderbar weichmütig ums Herz und habe ein blödsinniges Verlangen , sie alle wiederzusehen . Da er ja doch im Augenblick nichts in Amerika versäume , bitte er den Vater , ihm das Reisegeld zu einem Besuch in Deutschland zu schicken , vielleicht könne er ihm auch mit der geschäftlichen Erfahrung , die er inzwischen gewonnen habe , beratend zur Seite stehen . Dieser letzte Satz weckte nur ein lautes , unfrohes Gelächter bei August und bei ihrem Mann . Sie empfanden es wie eine