rief sie mit den Worten im Lukas : » Vater , ich habe an dem Himmel gesündigt und bin nicht wert dein Kind genannt zu werden ! « 3. Im Beichtstuhl 3 Im Beichtstuhl Der Justizrat gehörte zu der immer größer werdenden Gemeinde , welche in dem Auftreten des Christentums nicht sowohl ein Wunder , als vielmehr nur ein natürliches Ergebnis aus der geistigen Entwickelung der Menschheit zu erblicken vermag . Er selbst ging deshalb in keine Kirche ; seine Frau jedoch ließ er , vielleicht in Erwartung einer allmählichen selbständigen Befreiung , in der Gewöhnung ihrer Jugend und ihres elterlichen Hauses gewähren . Seit ihrer vor zwei Jahren erfolgten Verheiratung war Veronika indessen nur in der jetzt wieder begonnenen österlichen Zeit zur Beichte und zum Abendmahl gegangen . Er kannte es dann schon an ihr , daß sie in den Tagen zuvor still und scheinbar teilnahmlos im Hause umherging ; es war ihm daher auch nicht aufgefallen , daß die zuvor so eifrig betriebenen Zeichenstunden seit jenem abendlichen Spaziergange aufgehört hatten . Aber die Zeit verstrich , die Maisonne strahlte schon warm ins Zimmer , und Veronika verschob noch immer ihren Beichtgang . Es konnte ihm endlich nicht mehr entgehen , daß ihre Wangen von Tag zu Tage mehr erblaßten , daß unter ihren Augen leichte Schatten sichtbar wurden , welche schlaflose Nächte dort zurückgelassen . So fand er sie eines Morgens , da er unbemerkt in das Schlafzimmer getreten war , in sich versunken an dem Fenster stehen . » Vroni « , sagte er und legte den Arm um sie . » Willst du nicht sorgen , daß das Köpfchen wieder aufrecht werde ? « Sie schrak zusammen , als habe er die unbewachten Gedanken in ihr ertappt . Aber sie suchte sich zu fassen . » Geh nur , Franz ! « sagte sie , indem sie seine Hand ergriff und ihn sanft zur Stubentür zurückführte . Dann , nachdem er sie allein gelassen , kleidete sie sich an und verließ bald darauf mit dem Gebetbuch in der Hand das Haus . Nach einer Weile trat sie in die Lambertuskirche . Der Vormittag war indes herangekommen . Vor den Fenstern des mächtigen Raumes schatteten die jetzt schon belaubten Zweige der draußen stehenden Lindenbäume ; nur im Chor auf die Türen des Reliquienschrankes fiel ein gebrochener Sonnenstrahl durch die bunten Glasscheiben . In den Stühlen im Schiff der Kirche saßen oder knieten hie und da noch einzelne vor den aufgeschlagenen Gebetbüchern , sich vorbereitend auf das abzulegende Bekenntnis . Nichts war vernehmlich , als das Flüstern in den Beichtstühlen , mitunter ein tiefes Atemholen , das Rauschen eines Kleides oder ein leiser Schritt über die Fliesen des Fußbodens . – Bald kniete auch Veronika in einem der Beichtstühle , unweit des Bildes der Gebenedeiten , das mitleidig lächelnd auf sie herabblickte . Ihre ganz schwarze Kleidung machte heute die durchsichtige Blässe ihres Angesichtes noch bemerklicher . Der Geistliche , ein kräftiger Mann in mittleren Jahren , lehnte von drinnen den Kopf gegen das Gitter , das ihn von seinem Beichtkinde trennte . Veronika begann halblaut die Worte der Einleitungsformel : » Ich armer sündiger Mensch « , und mit unsicherer Stimme fuhr sie fort : » bekenne vor Gott und Euch Priester an Gottes Statt ! « – – Aber ihre Worte wurden immer langsamer , immer unverständlicher ; zuletzt verstummte sie . Das dunkle Auge des Priesters war ruhig und fast mit einem Ausdruck von Ermüdung auf sie gerichtet ; denn die Beichte hatte schon stundenlang gedauert . » Bekehret Euch zu dem Herrn ! « sprach er milde . » Die Sünde tötet ; aber die Buße machet lebendig . « Sie suchte ihre Gedanken zu sammeln . Und wieder vor ihrem innern Ohr , wie so oft seit jener Stunde , war das Tosen der Mühle ; und wieder stand sie vor ihm in der heimlichen Dämmerung , ihre Hände gefangen in den seinen , im Drang des übermächtigen Gefühls die Augen schließend , in Scham gebannt , nicht wagend zu entfliehen , noch weniger zu bleiben . – Ihre Lippen bewegten sich ; aber sie brachte es nicht her vor , sie mühte sich vergebens . Der Priester schwieg eine Weile . » Mut , meine Tochter ! « sagte er dann , indem er das Haupt mit dem vollen schwarzen Haar emporhob . » Gedenken Sie der Worte des Herrn : Nehmet hin den Heiligen Geist ; denen ihr die Sünden erlasset , denen sollen sie vergeben sein ! « Sie blickte auf . Das gerötete Antlitz , der kräftige Stiernacken des Mannes im Priesterornate war dicht vor ihren Augen . Sie begann noch einmal ; aber ein unüberwindliches Sträuben überkam sie , eine Scheu wie vor unkeuschem Beginnen , schlimmer als was zu bekennen sie hieher gekommen . – Sie erschrak . War , was sich jetzt in ihr empörte , nicht eine Lockung der Todsünde , von der sie sich befreien wollte ? – Sie neigte in stummem Kampf ihr Haupt auf das vor ihr liegende Gebetbuch . Aus dem Antlitz des Geistlichen war indessen der Ausdruck von Abspannung verschwunden . Er begann zu sprechen , ernst und eindringlich und bald mit allem Zauber der Überredung ; leis aber klangvoll drang der Ton seiner Stimme in ihre Ohren . Zu jeder andern Stunde wäre sie hingerissen in den Staub gesunken ; aber diesmal war das neu erwachte Gefühl stärker , als alle Macht der Rede und alle Gewöhnung ihrer Jugend . – Ihre Hand nestelte an dem Schleier , der auf ihrem Hut zurückgeschlagen war . » Verzeihung , Hochwürden ! « stammelte sie . Dann , während sie stumm das Haupt schüttelte , zog sie den Schleier herab , und ohne das Zeichen des Kreuzes empfangen zu haben , stand sie auf und ging mit eiligen Schritten den Steig entlang . Ihre Kleider rauschten an den Kirchenstühlen ; sie nahm sie zusammen ; ihr war , als griffe alles