» Wo ? « fragte Reinhard . » Hinter uns . Hörst du ? Es ist Mittag . « » Dann liegt hinter uns die Stadt ; und wenn wir in dieser Richtung gradedurch gehen , so müssen wir die andern treffen . « So traten sie ihren Rückweg an ; das Erdbeerensuchen hatten sie aufgegeben , denn Elisabeth war müde geworden . Endlich klang zwischen den Bäumen hindurch das Lachen der Gesellschaft ; dann sahen sie auch ein weißes Tuch am Boden schimmern , das war die Tafel , und darauf standen Erdbeeren in Hülle und Fülle . Der alte Herr hatte eine Serviette im Knopfloch und hielt den Jungen die Fortsetzung seiner moralischen Reden , während er eifrig an einem Braten herumtranchierte . » Da sind die Nachzügler « , riefen die Jungen , als sie Reinhard und Elisabeth durch die Bäume kommen sahen . » Hieher ! « rief der alte Herr , » Tücher ausgeleert , Hüte umgekehrt ! Nun zeigt her , was ihr gefunden habt . « » Hunger und Durst ! « sagte Reinhard . » Wenn das alles ist « , erwiderte der Alte und hob ihnen die volle Schüssel entgegen , » so müßt ihr es auch behalten . Ihr kennt die Abrede ; hier werden keine Müßiggänger gefüttert . « Endlich ließ er sich aber doch erbitten , und nun wurde Tafel gehalten ; dazu schlug die Drossel aus den Wacholderbüschen . So ging der Tag hin . – Reinhard hatte aber doch etwas gefunden ; waren es keine Erdbeeren , so war es doch auch im Walde gewachsen . Als er nach Hause gekommen war , schrieb er in seinen alten Pergamentband : Hier an der Bergeshalde Verstummet ganz der Wind ; Die Zweige hängen nieder , Darunter sitzt das Kind . Sie sitzt in Thymiane , Sie sitzt in lauter Duft ; Die blauen Fliegen summen Und blitzen durch die Luft . Es steht der Wald so schweigend , Sie schaut so klug darein ; Um ihre braunen Locken Hinfließt der Sonnenschein . Der Kuckuck lacht von ferne , Es geht mir durch den Sinn : Sie hat die goldnen Augen Der Waldeskönigin . So war sie nicht allein sein Schützling ; sie war ihm auch der Ausdruck für alles Liebliche und Wunderbare seines aufgehenden Lebens . Da stand das Kind am Wege Da stand das Kind am Wege Weihnachtabend kam heran . – Es war noch nachmittags , als Reinhard mit andern Studenten im Ratskeller am alten Eichentisch zusammensaß . Die Lampen an den Wänden waren angezündet , denn hier unten dämmerte es schon ; aber die Gäste waren sparsam versammelt , die Kellner lehnten müßig an den Mauerpfeilern . In einem Winkel des Gewölbes saßen ein Geigenspieler und ein Zithermädchen mit feinen zigeunerhaften Zügen ; sie hatten ihre Instrumente auf dem Schoße liegen und schienen teilnahmlos vor sich hinzusehen . Am Studententische knallte ein Champagnerpfropfen . » Trinke , mein böhmisch Liebchen ! « rief ein junger Mann von junkerhaftem Äußern , indem er ein volles Glas zu dem Mädchen hinüberreichte . » Ich mag nicht « , sagte sie , ohne ihre Stellung zu verändern . » So singe ! « rief der Junker und warf ihr eine Silbermünze in den Schoß . Das Mädchen strich sich langsam mit den Fingern durch ihr schwarzes Haar , während der Geigenspieler ihr ins Ohr flüsterte ; aber sie warf den Kopf zurück und stützte das Kinn auf ihre Zither . » Für den spiel ich nicht « , sagte sie . Reinhard sprang mit dem Glase in der Hand auf und stellte sich vor sie . » Was willst du ? « fragte sie trotzig . » Deine Augen sehn . « » Was gehn dich meine Augen an ? « Reinhard sah funkelnd auf sie nieder . » Ich weiß wohl , sie sind falsch ! « – Sie legte ihre Wange in die flache Hand und sah ihn lauernd an . Reinhard hob sein Glas an den Mund . » Auf deine schönen , sündhaften Augen ! « sagte er und trank . Sie lachte und warf den Kopf herum . » Gib ! « sagte sie , und indem sie ihre schwarzen Augen in die seinen heftete , trank sie langsam den Rest . Dann griff sie einen Dreiklang und sang mit tiefer , leidenschaftlicher Stimme : Heute , nur heute Bin ich so schön ; Morgen , ach morgen Muß alles vergehn ! Nur diese Stunde Bist du noch mein ; Sterben , ach sterben Soll ich allein . Während der Geigenspieler in raschem Tempo das Nachspiel einsetzte , gesellte sich ein neuer Ankömmling zu der Gruppe . » Ich wollte dich abholen , Reinhard « , sagte er . » Du warst schon fort ; aber das Christkind war bei dir eingekehrt . « » Das Christkind ? « sagte Reinhard , » das kommt nicht mehr zu mir . « » Ei was ! Dein ganzes Zimmer roch nach Tannenbaum und braunen Kuchen . « Reinhard setzte das Glas aus der Hand und griff nach seiner Mütze . » Was willst du ? « fragte das Mädchen . » Ich komme schon wieder . « Sie runzelte die Stirn . » Bleib ! « rief sie leise und sah ihn vertraulich an . Reinhard zögerte . » Ich kann nicht « , sagte er . Sie stieß ihn lachend mit der Fußspitze . » Geh ! « sagte sie . » Du taugst nichts ; ihr taugt alle miteinander nichts . « Und während sie sich abwandte , stieg Reinhard langsam die Kellertreppe hinauf . Draußen auf der Straße war es tiefe Dämmerung ; er fühlte die frische Winterluft an seiner heißen Stirn . Hie und da fiel der helle Schein eines brennenden Tannenbaums aus den Fenstern , dann und wann hörte man von drinnen das Geräusch von kleinen Pfeifen und Blechtrompeten und dazwischen jubelnde Kinderstimmen . Scharen von Bettelkindern gingen