der Wagen . Ihre Jungfer stieg ab , der sie erlaubt hatte , bei ihren dort wohnenden Eltern bis zum andern Morgen zu bleiben . Dann ging es weiter ; sie hatte sich in die Wagenecke gedrückt und zog fröstelnd den Mantel um ihre Schultern . Vor ihrem innern Auge war die Gestalt ihres Vaters ; sie sah ihn , wie er in der letzten Zeit ihres Zusammenlebens zu tun pflegte , im Zwielicht in dem öden Rittersaale mit seinem Rohrstock auf und ab wandern ; den weißen Kopf gesenkt , nur zuweilen vor einem der alten Bilder stehenbleibend oder aus den schwarzen Augen von unten auf einen Blick zu ihr hinüberwerfend . – – – Es war ganz finster geworden , die Pferde gingen langsam ; aber sie wagte nicht , den Postillion zum Schnellerfahren zu ermuntern . Eine unbewußte Scheu schloß ihr den Mund ; es war ihr fast lieb , daß der Augenblick der Ankunft sich verzögerte . Immer aber , wenn sie die Augen schloß , sah sie die kleine hagere Gestalt an sich vorüberwandern , und unter dem Wehen des Windes war es ihr , als höre sie den bekannten abgemessenen Schritt und das Aufstoßen des Rohrstocks auf den Fußboden . – – Als die Ulmenallee erreicht war , welche über die Brücke nach dem Schloßhof führte , vernahm sie das Schlagen der Turmuhr , deren Regulierung die alte Exzellenz immer selbst überwacht hatte . Sie atmete auf und lehnte sich aus dem Wagen . Eine ungewöhnliche Helligkeit blendete ihre Augen , als sie in den Hof einfuhren . Die ganze obere Front des Gebäudes schien erleuchtet . Der Wagen rasselte über das Steinpflaster und hielt vor der Eingangstür neben dem Turm ; der Postillion klatschte mit der Peitsche , daß es an den Mauern des alten Reitsaals widerklang ; aber es kam niemand . – Nach einer Weile vergeblichen Wartens ließ die zitternde Frau sich den Schlag öffnen und bezeichnete ihrem Fuhrmann einen Raum , worin er seine Pferde zur Nacht unterbringen könne . Dann stieg sie aus und trat , nachdem sie die schwere Tür zurückgedrängt , in den großen Korridor des Erdgeschosses . Einige Augenblicke blieb sie stehen und blickte unentschlossen um sich her . Auf den Geländersäulen der breiten Treppe , die in das obere Stockwerk führte , brannten Walratkerzen in schweren silbernen Leuchtern . Sie beugte sich vor und lauschte ; aber es war alles still . Leise , kaum aufzutreten wagend , begann sie die Stufen hinaufzusteigen . Da war ihr , als hörte sie droben auf dem Flur die Tür zum Rittersaale knarren ; und gleich darauf kam es ihr entgegen , die Treppe herab . Sie sah es nun auch , es war der Hund ihres Vaters ; sie rief ihn bei Namen ; aber das Tier hörte nicht darauf , es jagte an ihr vorbei auf den Korridor hinab und entfloh durch die offene Tür ins Freie . – – Erst jetzt fiel ihr ein dumpfer Geruch von Rauchwerk auf . Sie stieg langsam die letzten Stufen in dem erleuchteten Treppenhause hinauf , bis sie den oberen Flur erreicht hatte . Die Tür des Rittersaals stand offen ; in der Mitte des weiten Raumes sah sie zwei Reihen brennender Kerzen auf hohen Gueridons ; dazwischen wie ein Schatten lag ein schwarzer Teppich . Aber es war niemand drinnen ; nur die Bilder verschollener Menschen standen wie immer schweigend an den Wänden . Die gegenüberliegende Tür zu des Oheims Zimmer war weit geöffnet , und auch dort schienen Kerzen zu brennen ; denn sie konnte deutlich die vergoldeten Engelköpfe unter dem Kamingesims erkennen . – Zögernd trat sie über die Schwelle in den Saal , aber von Scheu befangen , blieb sie zunächst der Tür in einer Fensternische stehen . Ihr war , als vernähme sie Choralgesang aus der Ferne , und da sie durch die Scheiben einen Blick in das Dunkel hinauswarf , sah sie jenseit der Tannen , von drüben , wo der Kirchhof lag , einen roten Schein am Himmel lodern . – – Sie wußte es nun , sie war zu spät gekommen ; unwillkürlich mußte sie die Augen in den leeren Saal zurückwenden . Die Kerzen brannten leise knisternd weiter ; nur mitunter , wo der Sarg mochte gestanden haben , lief ein Krachen über die Dielen , als drängte es sie , sich von der unheimlichen Last zu erholen , die sie hatten tragen müssen . – Sie drückte sich schauernd in die Fensterecke ; es war nicht Trauer , es war nur Grauen , das sie empfand . – – – – – – – – – – Aber ihre Gedanken waren ihrer Feder weit voraus . Die beschriebenen Blätter Die beschriebenen Blätter Ich will es niederschreiben , mir zur Gesellschaft ; denn es ist einsam hier , einsamer noch , als es schon damals war . Sie sind alle fort ; es ist nur Täuschung , wenn ich draußen im Korridor mitunter das Husten der Tante Ursula oder die Krücke des kleinen Kuno zu vernehmen glaube . Es war ein klarer Spätherbstmorgen , als wir das Kind begruben ; die Leute aus dem Dorfe standen alle umher mit jener schaurigen Neugier , die wenigstens den letzten Zipfel vom Leilaken des Todes noch in die Grube will schlüpfen sehen . – Dann , als ich fern war , starb die Tante , und dann mein Vater . Wie oft habe ich heimlich in seinen Augen geforscht , was wohl im Grund der Seele ruhen möge , aber ich habe es nicht erfahren ; mir war , als hielten jene ausgeprägten Muskeln seines feinen Antlitzes gewaltsam das Wort der Liebe nieder , das zu mir drängte und niemals zu mir kam . – Droben im Rittersaal hängen noch die Bilder ; die stumme Gesellschaft verschollener Männer und Frauen schaut noch wie sonst mit dem fremdartigen Gesichtsausdruck aus ihren Rahmen in den leeren Saal hinein ; aber aus dem dahinterliegenden Zimmer läßt