genommenen Vater zu Jena die Rechte studiret und war auch nachmals den Künsten und Wissenschaften mit Fleiße obgelegen , so daß er dem Hochseligen Herzog Friederich bei seinem edlen , wiewohl wegen der Kriegsläufte vergeblichen Bestreben um Errichtung einer Landesuniversität ein einsichtiger und eifriger Berather gewesen . Obschon ein adeliger Mann , war er meinem lieben Vater doch stets in Treuen zugethan blieben , hatte auch nach dessen seligem Hintritt sich meiner verwaiseten Jugend mehr , als zu verhoffen , angenommen und nicht allein meine sparsamen Mittel aufgebessert , sondern auch durch seine fürnehme Bekanntschaft unter dem Holländischen Adel es dahin gebracht , daß mein theuerer Meister van der Helst mich zu seinem Schüler angenommen . Meinte ich doch zu wissen , daß der verehrte Mann unversehrt auf seinem Herrenhofe sitze , wofür dem Allmächtigen nicht genug zu danken ; denn , derweilen ich in der Fremde mich der Kunst beflissen , war da heim die Kriegsgreuel über das Land gekommen ; so zwar , daß die Truppen , die gegen den kriegswüthigen Schweden dem Könige zum Beistand hergezogen , fast ärger als die Feinde selbst gehauset , ja selbst der Diener Gottes mehrere in jämmerlichen Tod gebracht . Durch den plötzlichen Hintritt des Schwedischen Carolus war nun zwar Friede ; aber die grausamen Stapfen des Krieges lagen überall ; manch Bauern- oder Käthnerhaus , wo man mich als Knaben mit einem Trunke süßer Milch bewirthet , hatte ich auf meiner Morgenwanderung niedergesenget am Wege liegen sehen und manches Feld in ödem Unkraut , darauf sonst um diese Zeit der Roggen seine grünen Spitzen trieb . Aber solches beschwerete mich heut nicht allzu sehr ; ich hatte nur Verlangen , wie ich dem edlen Herrn durch meine Kunst beweisen möchte , daß er Gab und Gunst an keinen Unwürdigen verschwendet habe ; dachte auch nicht an Strolche und verlaufen Gesindel , das vom Kriege her noch in den Wäldern Umtrieb halten sollte . Wohl aber tückete mich ein anderes , und das war der Gedanke an den Junker Wulf . Er war mir nimmer hold gewesen , hatte wohl gar , was sein edler Vater an mir gethan , als einen Diebstahl an ihm selber angesehen ; und manches Mal , wenn ich , wie öfters nach meines lieben Vaters Tode , im Sommer die Vacanz auf dem Gute zubrachte , hatte er mir die schönen Tage vergället und versalzen . Ob er anitzt in seines Vaters Hause sei , war mir nicht kund geworden , hatte nur vernommen , daß er noch vor dem Friedensschlusse bei Spiel und Becher mit den Schwedischen Offiziers Verkehr gehalten , was mit rechter Holstentreue nicht zu reimen ist . Indem ich dieß bei mir erwog , war ich aus dem Buchenwalde in den Richtsteig durch das Tannenhölzchen geschritten , das schon dem Hofe nahe liegt . Wie liebliche Erinnerung umhauchte mich der Würzeduft des Harzes ; aber bald trat ich aus dem Schatten in den vollen Sonnenschein hinaus ; da lagen zu beiden Seiten die mit Haselbüschen eingehegten Wiesen , und nicht lange , so wanderte ich zwischen den zwo Reihen gewaltiger Eichbäume , die zum Herrensitz hinaufführen . Ich weiß nicht , was für ein bang Gefühl mich plötzlich überkam , ohn alle Ursach , wie ich derzeit dachte ; denn es war eitel Sonnenschein umher , und vom Himmel herab klang ein gar herzlich und ermunternd Lerchensingen . Und siehe , dort auf der Koppel , wo der Hofmann seinen Immenhof hat , stand ja auch noch der alte Holzbirnenbaum und flüsterte mit seinen jungen Blättern in der blauen Luft . » Grüß dich Gott ! « sagte ich leis , gedachte dabei aber weniger des Baumes , als vielmehr des holden Gottesgeschöpfes , in dem , wie es sich nachmals fügen mußte , all Glück und Leid und auch all nagende Buße meines Lebens beschlossen sein sollte , für jetzt und alle Zeit . Das war des edlen Herrn Gerhardus Töchterlein , des Junkers Wulfen einzig Geschwister . Item , es war bald nach meines lieben Vaters Tode , als ich zum ersten Mal die ganze Vacanz hier verbrachte ; sie war derzeit ein neunjährig Dirnlein , die ihre braunen Zöpfe lustig fliegen ließ ; ich zählte um ein paar Jahre weiter . So trat ich eines Morgens aus dem Thorhaus ; der alte Hofmann Dieterich , der ober der Einfahrt wohnt und neben dem als einem getreuen Mann mir mein Schlafkämmerlein eingeräumt war , hatte mir einen Eschenbogen zugerichtet , mir auch die Bolzen von tüchtigem Blei dazu gegossen , und ich wollte nun auf die Raubvögel , deren genug bei dem Herrenhaus umherschrien ; da kam sie vom Hofe auf mich zugesprungen . » Weißt du , Johannes « , sagte sie ; » ich zeig dir ein Vogelnest ; dort in dem hohlen Birnbaum ; aber das sind Rotschwänzchen , die darfst du ja nicht schießen ! « Damit war sie schon wieder vorausgesprungen ; doch eh sie noch dem Baum auf zwanzig Schritte nah gekommen , sah ich sie jählings stille stehn . » Der Buhz , der Buhz ! « schrie sie und schüttelte wie entsetzt ihre beiden Händlein in der Luft . Es war aber ein großer Waldkauz , der ober dem Loche des hohlen Baumes saß und hinabschauete , ob er ein ausfliegend Vögelein erhaschen möge . » Der Buhz , der Buhz ! « schrie die Kleine wieder . » Schieß , Johannes , schieß ! « – Der Kauz aber , den die Freßgier taub gemacht , saß noch immer und stierete in die Höhlung . Da spannte ich meinen Eschenbogen und schoß , daß das Raubthier zappelnd auf dem Boden lag ; aus dem Baume aber schwang sich ein zwitschernd Vöglein in die Luft . Seit der Zeit waren Katharina und ich zwei gute Gesellen mit einander ; in Wald und Garten , wo das Mägdlein war , da war auch ich . Darob aber mußte mir gar bald ein