neuem ; abermals ging der Apotheker in seine Werkstatt zu seiner Arbeit , die diesmal etwas länger als vorhin dauerte . Während er seinen Trank mischte und kochte , führte er im landläufigen Dialekt eine Unterhaltung , die wir dem Leser nicht vorenthalten wollen , die Mundart freilich abgerechnet . » Ihr habt Euch bei einem schlimmen Wetter auf den Weg machen müssen , Gevatterin . Es steht wohl gar nicht gut zu Hause ? « » Wie mit dem Wetter draußen « , sagte das frische , sehr gesunde Bauernweiblein verdrossen . » Man hat seine liebe Not , daß man sich darüber selber gern vom Tage tun möchte . Er kann nicht leben und will nicht sterben ; – ich glaube , er hält sich eben durch das Ärgernis , welches er uns macht ; – recht machen kann man ihm gar nichts mehr , und von dem Verdruß lebt er so hin von einem Tage zum andern . « » Hm , hm « , brummte Herr Philipp . » Ja , es ist doch so , und der Doktor zieht dann das Beste davon . Das Ding hat er gestern abend verschrieben , und es ist uns sehr eilig gemacht ; ich meine aber , Sie wissen es am besten , Herr Kristeller , daß kein Tag vergeht , an welchem Sie mich nicht auf dieser Bank sitzen sehen . So dachte ich denn , es hat wohl Zeit bis morgen , und weggeworfenes Geld ist es doch . « » Hm , hm « , brummte Herr Philipp , fügte aber diesmal hinzu : » Doktor- und Apothekerrechnungen zahlt wohl niemand gern ; – aber wir machen es so billig wie möglich , Gevatterin . « » Wie es sich schickt für eine arme , elende Witfrau « , schluchzte die muntere Bäuerin hinter ihren Schürzenzipfeln . » Na , na « , sagte der Apotheker , » zum Teufel , noch lebt er ja ! Witfrau ? junge Frau ! ei freilich ! – und meiner Meinung nach wird er es noch manches lange , gute Jahr durchmachen . Der Doktor und ich wollen schon das Unsrige tun . « Die untröstliche Gattin auf der Bank stieß einen Ton hervor , der alles bedeuten konnte : Dankbarkeit , Hoffnung , Freude , Schreck , Mißmut , Ärger und Hohn . Der Apotheker hatte seine Mixtur fertig , reichte sie durch das Fenster , und die jammergeschlagene junge Witwe in spe ging ab , und zwar zu seinem innigsten Genügen gerade in ein erhöhtes Aufwüten und Lostosen des Herbststurmes hinein . » Die Canaille ! « brummte der Alte , als er in seine Bildergalerie zurückkam und sich unter dem Eindrucke der Unterhaltung wieder recht fest niederließ , nachdem er mit merklicher Energie vorher frisches Holz in den Ofen geworfen hatte . » Dies Frauenzimmer hätte mir beinahe meine süßesten Erinnerungen für jetzt zunichte gemacht « , murmelte er . » Eben geriet ich in dieselben hinein , als das Weib die Glocke zog ; aber das ist freilich immer mein Los in der Welt gewesen , und anderen wird es wohl nicht besser gehen . Und dann ist ja doch auch nichts daraus geworden , Johanne ! Zusammen sind wir nicht gekommen . Jeder hat seinen eigenen Weg gehen müssen ; ich unter so sonderbaren Umständen in diesen verlorenen Weltwinkel , du , mein armes Kind und Herz , in dein Grab . Nunc cinis , ante rosa , einundzwanzig Jahre alt – ach , Johanne , liebe , liebe Johanne ! – Ja , ja , es wäre doch schön und gut gewesen , wenn wir zusammengekommen wären und ich dich heute nach einem Menschenalter hier bei mir hätte als alte , gute , schöne Frau ! « Es duldete den guten würdigen Herrn an diesem merkwürdigen Abend nimmer lange auf seinem Sitze . Jetzt holte er ein Paket vergilbter Briefe aus dem obenerwähnten Pult und löste den Bindfaden davon ab . » Trockene Blumen und Blätter « , seufzte er . » Alles , was ich da in meinen Büchsen und Schachteln habe , grünte und blühte auch einmal wie jedes Wort auf diesem Papier . Apothekerwaren , Drogen ? Nein , nein , nein ! Jenes ist tot und bleibt so ; aber dies hier ist noch lebendig und blüht fort und kennt keine Zeit und keinen Jahreswechsel . Es hat seine Wurzeln in meiner Seele geschlagen : wie könnte es da welken und zunichte werden ? In der Sonne , im fliegenden Wolkenschatten , im Mondschein , im Nebelziehen , im grauen Landregen , im lustigen Schneegestöber liegt das Tal , liegen die Berge lebendig . Das ist die alte Stadt – ja , da ist sie , wie sie war , als wir jung waren ; – jedes Haus ein guter Bekannter . Da ist das Eckfenster , an welchem ich stets vorbeigehe , wenn der Alte mich auf die Pflanzenjagd schickt . Da sitzt das gute Kind mit seinem Nähzeug , und es währt lange , sehr lange , ehe sie mich bemerkt , und noch länger , ehe ich an die Tatsache glaube , daß sie mir wirklich entgegenschaut und nachsieht . Es ist lange , lange eine Liebe ohne Worte , bis der Himmel ein Einsehen hat und einen Regenschauer zur richtigen Zeit auf einer Landpartie schickt , nachdem er mir vorher die glückselige , heilbringende Idee eingegeben hat , beim schönsten Sonnenschein und blauesten Himmel einen Schirm mitzunehmen . So lernten wir uns in der Nähe kennen – vom Herzen zum Herzen , von Seele zu Seele . Da ging das beste Erdenleben an . – Sie hatte wenig und ich gar nichts ; aber der liebe Gott hatte ungezählte Schätze für uns und gab eine kurze , kurze Zeit alles mit vollen Händen . Erst im zweiten Sommer nach unserem geheimen Verlöbnis , nachdem wir ein volles Jahr durch in unserem Glück und unserer