ihre schmalere Schulter erbarmungsvoll unter die untragbare Last . Der alte Meister hatte – absichtlich , oder wohl eher aus Mangel an künstlerischen Mitteln – Körper und Gewandung roh behandelt , sein Können und die Inbrunst seiner Seele auf die Köpfe verwendend , welche die Verzweiflung und das Erbarmen ausdrückten . Davon ergriffen , trat ich , das gute Licht suchend , einen Schritt zurück . Siehe , da kniete mir gegenüber an der andern Seite des Werkes ein Mädchen , wohl eine Eingeborene , eine Bäuerin der Umgebung , fast ebenso kräftig gebildet wie die steinerne Herzogin , die Kapuze der weißen Kutte über eine Last von blonden Flechten und einen starken , luftbedürftigen Nacken zurückgeworfen . Sie erhob sich , denn sie war , in sich versunken , meiner nicht früher ansichtig geworden , als ich ihrer , wischte sich mit der Hand quellende Tränen aus dem Auge und wollte sich entfernen . Es mochte eine Novize sein . Ich hielt sie zurück und bat sie , mir das Steinbild zu deuten . Ich sei einer der fremden Väter des Konzils , sagte ich ihr in meinem gebrochenen Germanisch . Diese Mitteilung schien ihr nicht viel Eindruck zu machen . Sie berichtete mir in einer einfachen Weise , das Bild stelle eine alte Königin oder Herzogin dar , die Stifterin dieses Klosters , welche , darin Profeß tuend , zur Einkleidung habe schreiten wollen : das Haupt mit Dornen umwunden und die Schulter mit dem Kreuze beladen . › Es heißt ‹ , fuhr das Mädchen bedenklich fort , › sie war eine große Sünderin , mit dem Giftmord ihres Gatten beladen , aber so hoch , daß die weltliche Gerechtigkeit ihr nichts anhaben durfte . Da rührte Gott ihr Gewissen und sie geriet in große Nöte , an dem Heil ihrer Seele verzweifelnd ! ‹ Nach einer langen und schweren Buße habe sie , ein Zeichen verlangend , daß ihr vergeben sei , dieses große und schwere Kreuz zimmern lassen , welches der stärkste Mann ihrer Zeit kaum allein zu heben vermochte , und auch sie brach darunter zusammen , hätte es nicht die Mutter Gottes in sichtbarer Gestalt barmherzig mit getragen , die ambrosische Schulter neben die irdische schiebend . Nicht diese Worte brauchte die blonde Germanin , sondern einfachere , ja derbe und plumpe , welche sich aber aus einer barbarischen in unsere gebildete toskanische Sprache nicht übersetzen ließen , ohne bäurisch und grotesk zu werden , und das , Herrschaften , würde hinwiederum nicht passen zu dem großen Ausdrucke der trotzigen , blauen Augen und der groben , aber wohlgeformten Züge , wie ich sie damals vor mir gesehen habe . › Die Geschichte ist glaublich ! ‹ sprach ich vor mich hin , denn diese Handlung einer barbarischen Königin schien mir in die Zeiten und Sitten um die dunkle Wende des ersten Jahrtausends zu passen . › Sie könnte wahr sein ! ‹ › Sie ist wahr ! ‹ behauptete Gertrude kurz und heftig mit einem finstern , überzeugten Blicke auf das Steinbild , und wollte sich wiederum entfernen ; aber ich hielt sie zum andern Male zurück mit der Frage , ob sie die Gertrude wäre , von welcher mir mein heutiger Führer Hans von Splügen erzählt habe ? Sie bejahte unerschrocken , ja unbefangen , und ein Lächeln verbreitete sich von den derben Mundwinkeln langsam wie ein wanderndes Licht über das braune , aber schon in der Klosterluft bleichende Antlitz . Dann sann sie und sagte : › Ich wußte , daß er meiner Einkleidung beiwohnen werde , und mir kann es recht sein . Sieht er meine Flechten fallen , so hilft ihm das , mich vergessen . Da Ihr einmal hier seid , ehrwürdiger Herr , will ich eine Bitte an Euch richten . Fährt der Mann mit Euch nach Konstanz zurück , so steckt ihm ein Licht an , warum ich mich ihm verweigert habe , nachdem ich ‹ – und sie errötete kaum merklich – › in Ehren und nach Landessitte mit ihm freundlich gewesen bin . Mehr als einmal war ich im Begriff , ihm den Handel zu erzählen , aber ich biß mich in die Lippe , denn es ist ein geheimer Handel zwischen mir und der Gottesmutter und da taugt Schwätzen nicht . Euch aber , einem in den geistlichen Geheimnissen Bewanderten , kann ich ihn ohne Verrat mitteilen . Ihr berichtet dann dem Hans davon , soviel sich schickt und Euch gut dünkt . Es ist nur , damit er mich nicht für eine Leichtfertige halte und für eine Undankbare und ich ihm dergestalt im Gedächtnis bleibe . Mit meiner Sache aber ist es so bestellt . Als ich noch ein unmündiges Kind war – ich zählte zehn Jahre und der Vater war mir schon gestorben – erkrankte mir das Mütterlein schwer und hoffnungslos . Da befiel mich eine Angst , allein in der Welt zu bleiben . Aus dieser Angst und aus Liebe zu dem Mütterlein gelobte ich mich der reinen Magd Maria für mein zwanzigstes Jahr , wenn sie mir es bis dahin erhielte , oder nahezu . So tat sie und erhielt es mir bis letzten Fronleichnam , wo es selig verstarb , gerade da der Hans im Kloster mit Zimmerwerk zu tun hatte und dann auch dem Mütterlein den Sarg zimmerte . Da ich nun allein war , was ist da viel zu wundern , daß er mir lieb wurde . Er ist brav , sparsam , was die Welschen meistenteils sind , » modest und diskret « , wie sie ennetbirgisch sagen . Auch konnten wir in zwei Sprachen miteinander verhandeln , denn der Vater , der ein starker und beherzter Mann war , hatte früher , nicht zu seinem Schaden , einen schmächtigen , furchtsamen Handelsherrn zu wiederholten Malen über das Gebirge begleitet und von jenseits ein paar welsche Brocken heimgebracht . Nannte mich nun der Hans » cara bambina « , so hieß ich ihn dagegen