er sich jetzt mit väterlichem Wohlwollen zu der Kleinen , » und wer brachte dich hierher ? Denn « , setzte er , seinen geliebten Homer parodierend , hinzu , » nicht kamst du zu Fuß , wie es scheint , nach Zürich gewandelt . « » Mein Vater heißt Pompejus Planta « , antwortete die Kleine und erzählte dann ruhig weiter : » Ich kam mit ihm nach Rapperswyl und als ich den schönen blauen See sah und hörte , daß am andern Ende die Stadt Zürich sei , so machte ich mich auf den Weg . In einem Dorfe sah ich zwei Schiffer zur Abfahrt rüsten und da ich sehr müde war , nahmen sie mich mit . « Pompejus Planta , der Vielgenannte , der angesehenste Mann in Bünden , das allmächtige Parteihaupt ! Dieser Name machte auf Herrn Semmler einen überwältigenden Eindruck . Sogleich schloß er die Schulstunde und führte die kleine Bündnerin unter sein gastliches Dach , gefolgt von dem jungen Waser , der bei dem Magister , seinem mütterlichen Ohm , an diesem Wochentage das Mittagsmahl einzunehmen pflegte . Als sie die steile Römergasse hinunterschritten , kam ihnen gestiefelt und gespornt ein stark gebauter imponierender Herr entgegen . » Hab ich dich endlich , Lucrezchen ! « sagte er , das Kind auf den Arm nehmend und heftig küssend . » Was fiel dir ein , mir zu entspringen , Kröte ! « Dann , ohne eine Antwort zu erwarten und ohne das Mädchen aus den Armen zu lassen , wandte er sich mit einer nur leichten Verbeugung , aber nicht ohne Anmut gegen Semmler und sagte in fließendem , doch etwas fremdartig ausgesprochenem Deutsch : » Ihr habt seltsamen Besuch in Eurer Schule erhalten , Herr Professor ! Verzeiht die Störung Eures gelehrten Vortrags durch meinen Wildfang . « Semmler beteuerte , daß es ihm zur besondern Freude und Ehre gereiche , das junge Fräulein und durch sie den edeln Herrn Vater kennengelernt zu haben . » Tut mir die Ehre an , hochmögender Herr « , schloß er , » eine bescheidene Mittagssuppe mit mir und meiner lieben Ehefrau zu teilen . « Der Freiherr willigte ein , ohne sich bitten zu lassen , und erzählte unterwegs , wie er Lucretias Verschwinden spät bemerkt , dann aber gleich sich aufs Pferd geworfen und die Reisende mit Leichtigkeit von Spur zu Spur verfolgt habe . Er erzählte weiter , er besitze in Rapperswyl ein Haus , das er sich auf alle Fälle hin erworben , da es in Bünden wie draußen im Reich nicht mehr ganz geheuer sei . Lucretia habe ihn dahin begleiten dürfen . – Wie er dann von Semmler erfuhr , was das Kind nach Zürich getrieben , brach er in ein schallendes Gelächter aus , das aber nicht heiter klang . Als nach beendigtem Mahle die Herren beim Weine saßen , während die Frau Magisterin sich mit Lucretia beschäftigte , erkundigte sich Planta , vom Gespräch abspringend , plötzlich nach dem jungen Jenatsch . Semmler lobte seine Begabung und seinen Fleiß und Waser wurde abgeschickt , ihn aus dem Hause des ehrsamen Schuhmachers , wo er sich in Kost gegeben hatte , abzuholen . Nach wenigen Augenblicken trat Georg Jenatsch in die Stube . » Wie geht es , Jürg ? « rief der Freiherr dem Knaben gütig entgegen , und dieser antwortete bescheiden und doch mit einer gewissen stolzen Zurückhaltung , daß er sein Mögliches tue . Der Freiherr versprach , ihn bei seinem Vater zu rühmen , und wollte ihn mit einem Wink verabschieden ; aber der Knabe blieb stehen . » Gestattet mir ein Wort , Herr Pompejus ! « sagte er leicht errötend . » Die kleine Lucretia ist um meinetwillen wie eine Pilgerin im Staube der Landstraße gegangen . Sie hat meiner nicht vergessen und mir aus der Heimat eine Gabe gebracht , die sie mir freilich besser nicht gerade vor meinen Kameraden überreicht hätte . Doch bin ich ihr dafür dankbar und möchte ihr schon um meiner Ehre willen ein Gegengeschenk anbieten . « Damit enthüllte er aus einem Tüchlein einen kleinen , inwendig vergoldeten Silberbecher von schlichtester Form . » Ist der Junge toll ! « fuhr der Freiherr auf . Dann aber mäßigte er sich sogleich . » Was denkst du , Jürg ! « fuhr er fort . » Kommt der Becher von deinem Vater ? . . . Ich wußte nicht , daß er über Gold und Silber gebiete . Oder erwarbst du ihn selbst im Schweiße deines Angesichts mit einer Schreiberarbeit ? So oder so darfst du ihn nicht wegschenken . Es geht dir knapp genug und er hat Geldeswert . « » Ich darf darüber verfügen « , antwortete der Knabe selbstbewußt , » denn ich habe ihn mit dem Einsatze meines Lebens gewonnen . « » Ja , das hat er , Herr Pompejus ! « ließ sich jetzt der lebhafte Waser mit Begeisterung vernehmen , » der Becher kommt von mir . Er ist das Zeichen meiner Dankbarkeit dafür , daß Jürg mich beim Baden aus den Wirbeln der reißenden Sihl , die mich hinuntergezogen , mit eigener Lebensgefahr gerettet hat . Und Jenatsch und ich und Fräulein Lucretia , wir wollen alle daraus auf Euer Wohl trinken . « Sprach ' s und füllte trotz eines seine unerhörte Kühnheit mißbilligenden Blickes , den ihm sein Ohm zuwarf , das Becherlein mit duftendem Neftenbacher aus dem geblümten Deckelkruge . Jürg Jenatsch ergriff den Becher und suchte mit den Augen Lucretia . Sie hatte dem Vorgange mit brennender Aufmerksamkeit gefolgt . Jetzt machte sie sich von der Magisterin los und stellte sich ernsthaft zu der Gruppe . Jürg kostete den Wein und reichte ihn mit dem Spruche : » Auf dein Wohl , Lucretia , und auf das deines Vaters ! « dem schweigenden Kinde , das langsam von dem Tranke schlürfte , als beginge es eine feierliche Handlung . Dann gab es den Becher seinem