Wandel und die Natur seiner Person angeht – und des Thomas Becket Menschenantlitz auch « – fügte er scheu und leise hinzu – , » so habe ich wahrlich vor einem Jahre in jener trunkenen Nacht nicht geprahlt , als ich mich berühmte , sie zu kennen , obwohl ich , heilsamer für mich , davon geschwiegen hätte . Noch jetzt , Herr , brauch ich nur die Augen zu schließen , um den König wie den Priester leibhaft vor mir zu sehen . Lieblich ist der Anblick nicht , wie der dieser langen ruhigen Gesichter , welche Eure Stadtheiligen hier in den Händen tragen ! « und er wies auf das Mittelbild eines farbig gewirkten Teppichs , der die Mauer bekleidete . » Viele Jahre lang , nachdem ich aus Engelland heimgekehrt war , hatte ich während des Tages in Gedanken und des Nachts im Traume mit jenen zwei unglücklichen Herren zu schaffen . Am Tage mußte ich mir die sanften , spitzfindigen Reden des einen , die leichtfertigen Scherze , harten Drohungen und verzweiflungsvollen Zornworte des andern ohne Unterlaß wiederholen und war gezwungen , darüber nachzusinnen , wie unabwendbar beider Verderben sich daraus entwickelte . Des Nachts sah ich sie aufeinanderstoßen mit Rauch und Feuer , wie der Apostel Hans in seiner Offenbarung schreibt , und keines meiner Weiber – ich habe deren etliche geehlicht und begraben – konnte es dann unterlassen , mich mit Angst und Grauen aus dem Schlafe zu rütteln . Denn , Herr , es ist etwas anderes , wenn Könige und Heilige gegeneinanderfahren , als wenn in unseren schwäbischen Trinkstuben geschrieen und gestochen wird . Wohlan , ich will Euch von diesen Geschichten erzählen , obwohl es ein schlimmes Ding ist und schwierig zu bewältigen ; aber ich darf den Wunsch meines Gastfreundes nicht unerfüllt lassen « , schloß der Armbruster mit einem grimmigen Lächeln . » So tue , wie du verheißest « , sagte der Stiftsherr und legte sich mit erwartungsvoll angeregten Mienen in seinen Sessel zurück . III III » Ich rede nicht gerne von meiner Jugend « – begann Hans der Engelländer seine Erzählung – » und meine Gedanken weichen ihr aus , wenn ich nicht vor den heiligen Festen , um mich vor Gott und seiner heiligen Mutter zu demütigen , sie aus dem Dunkel emporsteigen lasse , oder wenn nicht ein Neider und Widersacher mir dieselbe böswillig in meinen alten Tagen gegen die Zähne wird . Lieber Herr « – und der Armbruster tat einen tiefen Seufzer – » sie ist eine unehrliche und befleckte . Dennoch muß ich damit Euch und mir zur Last fallen , denn mein armer Lebenslauf läßt sich von dem des Heiligen und des Königs nicht trennen , wenigstens in meinem alten Kopfe nicht . Ihr müßt wissen , ich bin aus einem edeln Geschlechte , und wenn Ihr Hohenklingen oder Hohenkrähen sagt , so nennet Ihr zwar nicht mein Stammhaus , das in Schutt versunken ist , aber sein Name lautete ähnlich und es lag , wie jene festen Häuser , unweit vom Bodan und vom Rhein . Schon mein Vater war schwer verschuldet und – warum , das weiß Gott – von seiner Sippe gescheut und gemieden , als er , um seinen Gläubigern zu entgehen und um seine Seele zu retten , sich das Kreuz anheftete und nach dem Gelobten Lande zog , aus welchem er nicht zurückkehrte . Mein Mutterlein schleppte seit meiner Geburt einen siechen Leib und weinte sich die Augen blind , als mein älterer Bruder nicht in ritterlicher Fehde , sondern in bösem Raufhandel um Dein und Mein erschlagen wurde ; denn wir halfen uns , wie wir konnten , und lauerten an den Wegen , wo etwas vorüberkam . Bei meiner Sippe suchte ich weder Rat noch Hilfe , ich hätte dort keine gefunden . Die einzigen Freunde waren mir meine Armbrust und meine Hunde , mit denen ich zu Walde zog ; aber ich selbst ward wie ein Wild gehetzt von einem bösen Feinde , den ich wie den Teufel haßte . Das war der Jude Manasse , der in Schaffhausen saß und auf Zinsen lieh . Ihm hatte mein Vater seinen Burgstall und seine wenigen Äcker verpfändet . Nun begab es sich , daß mich meine Mutter zu dem Juden schickte , um Aufschub zu verlangen , aber keine Barmherzigkeit war bei dem Wucherer zu finden . Da erfaßte mich plötzlich eine große Kümmernis und ein Erbarmen mit meinem siechen Mütterlein und auch mit dem blutigen Leiden unseres Heilandes , den die Juden grausam gemartert haben , und ich schlug den Manasse hart mit Fausten , daß er starb . Gott rechne mir diesen Mord nicht zu ! Als ich ihn beging , war ich , wenn auch schon von Mannesgestalt und Stärke , noch ein Kind und dazu von weicher und heftiger Gemütsart . Der Jude indessen hatte in der Stadt und unter dem umliegenden Adel viele Freunde und ich wäre verloren gewesen ohne die geöffnete Klosterpforte von Allerheiligen . Und da ich froh sein mußte , daß sie sich fest hinter mir schloß , wurde ich unverhofft geistlich und nach Jahresfrist ein Mönch . In alledem hatte ich aufrichtig gehandelt und war kein Falsch an mir gewesen ; aber ich taugte schlecht zum Mönche und hatte den Wuchs meiner Natur und das Erdreich ihres Gedeihens nicht vorausgekannt . Mißversteht mich nicht , Herr ! Nicht das sündige Blut unserer Stammeltern allein meine ich , sondern mehr noch den zündenden Funken , der aus der Schöpferhand Gottvaters in den Ton , aus welchem ich geformt bin , herübergesprungen ist , das ist : Kraft , Verstand , Unternehmung , Baukunst und Wanderlust . Aber von menschlicher Kunst und Wissenschaft war zu Allerheiligen nichts zu lernen , als der Poet Virgilius , den ich auch heute noch großenteils auswendig weiß . Der Prior rühmte an diesem Poeten , daß er ein frommer Heide gewesen und Gott ihm zum Lohne seiner Tugenden prophetische