Eigennamen Maddalena , der so sanft klang , und nannten sie einstimmig „ Tater “ , ob auch die Kleine wüthend wurde , ihre weißen Zähne zornig wies und mit dem Fuße stampfte . Sie lief meist wie gescheucht nach Hanse , der Kinderschwarm lärmend hinterdrein , bis sich die Verfolgte auf einen Eckstein flüchtete , dort die verschränkten mageren Arme über die Augen hielt und regungslos stehen blieb . Dann sah man nur noch an der kleinen , heftig athmenden Brust , daß Leben in ihr war ; sie rührte sich auch dann nicht mehr , wenn die wilden Kinder sie an den Kleidern zupften oder mit Wasser bespritzten , und wartete geduldig , bis vernünftige Erwachsene sie befreiten und ihre kleinen Peiniger nach Hause gehen hießen . Bei den Lehrern fand sie wenig Schutz . Sie fühlten keine Sympathie , für das kleine unheimliche Wesen , das bei jeder Frage die düsteren Augen wild erschreckt auf sie heftete und nur selten , am allerwenigsten aber mittelst Drohungen oder rauher Worte zu einer Antwort sich bewegen ließ . Freilich zeugte dieselbe dann stets von einer merkwürdigen Fassungskraft und von einem klaren Verständniß dessen , was der Lehrer vorgetragen ; allein die wenigen Worte wurden gewöhnlich rauh und in fremdklingendem Deutsch hervorgestoßen und von so heftigen Gesten begleitet , daß allgemeines Gelächter entstand . Seit jenem denkwürdigen Abend , an welchem die kleine Waise aus dem Süden zum ersten Male die Freistätte des Elends betrat , mochten ohngefähr zwölf Jahre verstrichen sein – und hier beginnt eigentlich diese Erzählung – als an einem Pfingstsonntag , und zwar gerade als die sogenannte große Glocke mit tiefem , mächtigem Klange in das Nachmittagsgeläute einfiel , ein junger Mann am Eingang der schmalen Gasse erschien , welche nach dem Kloster führte . Offenbar war er dem Geläute bis hierher gefolgt . Er blieb einen Augenblick stehen , gleichsam überwältigt von den Macht dieser wundervollen Harmonie . Zwei greise Mütterchen , festlich angethan mit dem silberbesetzten Bürgerhäubchen und in den stattlichen , radförmigen Tuchmantel gehüllt , schritten an ihm vorüber nach der Kirche und grüßten freundlich . Auch verschiedene Fenster öffneten sich , aus denen Männer in Hemdärmeln und Frauen mit der Kaffeetasse in der Hand die neugierigen Gesichter steckten . Der junge Mann aber bemerkte dies Alles nicht ; das Auge auf den Thurm gerichtet , durch dessen offene Luken man deutlich die schwingenden Glocken sehen konnte , ging er langsam weiter bis zu dem Gärtchen auf der Mauer . Dort , durch den Kastanienbaum gegen die brennenden Sonnenstrablen geschützt , lehnte er sich an das Gemäuer und lauschte bewegungslos . Da erhob sich ein schwacher Luftzug : ein weißes Blatt flatterte vom Mauerrand herab zu seinen Füßen , zugleich lief eine weibliche Gestalt droben durch das Gärtchen und verschwand in dem offenstehenden Fenster . Die Erscheinung war flüchtig und lautlos vorübergeglitten wie ein Schatten . Der junge Mann hatte nur einen feingeformten Hinterkopf mit einem prächtigen bläulich schwarzen Flechtengewirr und einen entblößten , schöngerundeten Arm gesehen , der das Fensterkreuz umschlang , während der schlanke Leib sich in das Innere des Hauses bog ; allein in dieser einen Bewegung lag so viel jugendliche Anmuth , eine so schlangengewandte Biegsamkeit , daß der Beobachter drunten auf der Straße ohne Zweifel auch ein dazu gehörendes Gesicht voll Liebreiz voraussetzte , denn er musterte sofort mit großem Interesse die Fensterreihe mit den weißen Vorhängen , hinter deren einem jedoch nur das scharfe Profil der Seejungfer sichtbar war , wie sie , die Brille tief auf die Nase herabgedrückt und das Gesangbuch weit abhaltend , ihr Nachmittagsgebet las . Der Fremde hob das Blatt auf , das noch vor ihm auf dem Boden lag . Es enthielt das flüchtig , doch correct mit Bleistift hingeworfene Portrait einer Frau , ein wunderliebliches , aber echt deutsches Gesicht , von lichten , Haar umrahmt , unter dem kleidsamen Schleier der Neapolitanerinnen . Das Blatt war jedenfalls von dem Steintisch droben auf der Mauer herabgefallen , dessen Platte mit verschiedenen Papieren bedeckt war ; auch mehrere Bücher lagen dort . Diese Zeichen einer höheren geistigen Beschäftigung sammt dem improvisirten hohen Gärtchen voll Blüthenduft und Käfergeschwirr sahen merkwürdig genug aus inmitten der zerfallenen , armseligen Umgebung , säst wie ein versprengtes Märchen , das sich in die rauhe Wirklichkeit verirrt hat . Unterdeß hatte das Geläute einen immer mächtigeren Aufschwung genommen , ein Zeichen , daß es seinem Ende nahte . Der junge Mann sah wieder hinauf nach dem Thurmfenster , aber statt der schwingenden Glocken erschien jetzt eine helle Gestalt in der schmalen Oeffnung , es war dieselbe Erscheinung , die vorhin so rasch über die Mauer gehuscht war . Der Fremde hatte nicht so bald dies bemerkt , als er auch das Kloster und die Kirche umschritt und die alte , ausgetretene Steintreppe des Glockenthurmes hinanstieg . Als er oben war , fiel sein erster Blick auf die Gestalt im Fenster , und überrascht blieb er stehen . Es war ein junges Mädchen , das da still und regungslos mit gefalteten Händen auf dem Sims saß . Das Spitzbogenfenster mit seinen feingemeißelten Arabesken umschloß sie wie ein enger Rahmen , und gegen den tiefblauen Himmel draußen , der sich erst in weiter Ferne auf einen schöngeschwungenen , in zartes Violet getauchten Bergrücken legte , zeichnete sich ein bewundernswürdiges Profil ab , rein und tadellos in der Form und von einem hinreißenden Ausdruck beseelt . Der Blick des Fremden , der unverwandt und erstaunt auf dem Gesicht haftete , schien indeß etwas wie eine magnetische Kraft zu besitzen , denn das Mädchen wandte plötzlich den Kopf nach innen . Ihr dunkles Auge öffnete sich weit und starrte ihn einen Augenblick an , als käme er aus der Geisterwelt , dann aber sprang sie mit einem Schrei vom Sims herab , barg den Kopf in beiden Händen und rannte in dem schmalen Gange , der zwischen den Glocken und der Mauer blieb , wie in Todesangst einen Ausweg [ 564