er nach einer Weile und rieb sich nachdenklich das stachlige , graubärtige Kinn . » Von Haus aus war er eigentlich ein armer Schlucker – « » Und weshalb ist er nach Brasilien gegangen ? « unterbrach ihn der Student . » Ja , weshalb – da fragen Sie mich zu viel . Übrigens – gedacht hab ' ich mir manchmal , daß den eine einzige schlimme Nacht fortgetrieben hat . « In diesem Augenblick schnob der Sturm mit einem schrillen , anhaltenden Pfeifen draußen um die Ecke . Die Fenster klirrten , und ein Dachziegel krachte zerberstend auf das Steinpflaster . » Hören Sie ? « fragte Sievert , mit dem Daumen über die Schulter nach dem Fenster zeigend . » Just so eine Winternacht war ' s – eine Nacht , in der die ganze Höllenjagd über den Thüringer Wald hintobte . Das heulte , pfiff und gellte , es rüttelte an dem alten Arnsberger Gemäuer , daß die Bilder an den Wänden zitterten , und aus den Kaminen schossen die Flammen weit in die Zimmer hinein – es war , als sollte das Schloß von der Erde weggefegt werden ... Am anderen Morgen lagen alle Steinbilder umgerissen im Schloßgarten , dickstämmige Bäume waren geknickt und zersplittert wie Rohr , und im Schloßhof lagen Glassplitter , Ziegelscherben und zerbrochene Fensterladen handhoch durcheinander – auf dem verwüsteten Dach aber steckte die Trauerfahne , und drin in Arnsberg wurde mit allen Glocken geläutet , weil in der Nacht Prinz Heinrich gestorben war . « Er schwieg einen Moment ; dann lachte er rauh auf . » Was half ihnen alles Läuten ! « fuhr er fort . » Was half der Fürstin die kohlschwarze Schleppe und Schneppe und dem Lande das schwarzgeränderte Wochenblatt – sie mußten sich doch alle den Mund wischen , denn es war Todfeindschaft gewesen bis ans Ende ... Das müssen Sie ja noch wissen , Hüttenmeister ! « » Ja – ich war damals noch ein Kind ; aber ich erinnere mich recht gut , daß Gehässigkeiten zwischen A. und Arnsberg hin und her flogen , und daß der Prinz seinen Leuten nicht einmal den Umgang mit den fürstlichen Beamten gestatten wollte – mein Vater hatte als herrschaftlicher Hüttenmeister auch darunter zu leiden . « » Richtig – und wer von den Kavalieren hielt damals zu dem Prinzen Heinrich und hauste mit ihm auf Arnsberg ? « » Nun , das waren Ihr Herr , Sievert , der Major von Zweiflingen , Herr von Eschebach und der jetzige Minister Baron Fleury . « » Ja der ! « lachte Sievert abermals bitter auf . » Der war ein Pfiffikus sein Leben lang ! Die beiden anderen kamen nie in die Stadt , geschweige denn an den Hof – es wär ' ihnen auch schlecht genug bekommen – , Seine Exzellenz aber scharwenzelte hüben und drüben . Weiß der Henker , wie er ' s angefangen hat , aber jede Partei drückte die Augen zu , wenn er mit der anderen verkehrte – das kann eben nur so ein französischer Windbeutel , und dem glückt ' s auch bei den pfiffigen Deutschen ... Ja , die am Hofe zu A. haben wohl gemeint , der könne Frieden stiften und ihnen schließlich zu ihrem Erbe verhelfen – ha , ha , sie alle waren dem Weiberkopfe nicht gewachsen , der im Wege stand ! « » Die Gräfin Völdern ! « warf der Hüttenmeister ein – ein tiefer Schatten breitete sich über sein Gesicht . » Ja , ja , die Gräfin Völdern drüben auf Greinsfeld ... Der Prinz nannte sie seine Freundin , – die Leute aber waren unhöflicher und nannten sie noch ganz anders , und sie hatten recht . Die wickelte Seine Durchlaucht um den Finger , sie machte ihn recht und link , und wenn er sagte › weiß ‹ , da sagte sie › schwarz ‹ , und dabei blieb ' s auch allemal ... So viel Nichtsnutzigkeit , solch ein gerütteltes Maß von Sünden und – keine Strafe ! Das elende Weib ist gestorben , leicht und selig wie eine Gerechte . Sie hat nur einmal Furcht und Angst ausgestanden , und das war in selbiger Nacht ! « Was für Erinnerungen mußten in dem alten Mann aufsteigen , daß er so ganz und gar seine gewöhnliche Gangart verließ ! Der Zug der Verschlossenheit , des verbissenen , wortlosen Grimmes konnte nicht treffender charakterisiert werden als durch diese nach innen gekrümmten Lippen mit den herabgezogenen Mundwinkeln – und jetzt war dieser schweigsame Mund beredt ; die monoton rauhe Stimme lebte unheimlich auf in den Tönen des Hasses und der Verachtung und hatte so etwas Zwingendes , daß der Kranke das fieberhafte Hämmern hinter seiner Stirn vergaß , während sein Bruder gespannt und hingerissen Dingen lauschte , die er in ihrer Entwicklung bereits kannte . » Die Schloßleute munkelten schon längst , daß es nahe am Ende sei mit dem Regiment der Gräfin « , fuhr Sievert fort . » Da wollte ein jeder beim Prinzen verschiedene Anzeichen beobachtet haben – nur sie nicht ; sie war nie toller und boshafter gewesen , und weil sich der Prinz eines schönen Tages einfallen läßt , seine verstorbene Frau zu loben , so beschließt sie im selben Augenblick , einen großen Maskenball auf ihrem Gute zu halten , und zwar – just am Todestag der armen , braven Prinzessin ... Das schlug dem Faß den Boden aus ! Der Prinz ist ganz blaß geworden vor Ärger und hat ihr streng befohlen , die Mummerei aufzuschieben – da hat sie hell aufgelacht , hat sich auf dem Absatz rumgedreht und gemeint , der Tag passe ihr gerade , und sie wolle auch recht schön beleuchten zu Ehren der Prinzessin ... Also der Abend kam , und was niemand , am allerwenigsten die Frau Gräfin erwartet hatte : Der Prinz blieb richtig zu Hause , und die drei Herren , mein Major , der Baron Fleury und