das Jahr 1860 alle Familienverhältnisse im Schillingshof und Klostergut – Arnold von Schilling kam heim , um auf die Bitten seines kränkelnden Vaters hin mit der Hand seiner Cousine die Schillingschen Güter wieder zu übernehmen , und auf dem Klostergute blies der Spätling , der kleine Veit Wolfram , mit seinem schwachen Lebensatem die Erbansprüche seines Vetters Felix über den Haufen ... 2. Die Frau Rätin Wolfram war an einem schneestöbernden Aprilmorgen im Familienbegräbnis beigesetzt worden . An jenem Tage hatte Felix Lucian nur auf wenige Stunden in die Heimat eilen können , um der verstorbenen Tante das letzte Geleit zu geben . Heute nun , nach zwei Monaten , wo der Syringenduft der ersten Junitage die Lüfte erfüllte und der abgeschüttelte Schnee der Baumblüte weiß auf dem Rasen lag , kam er wieder auf das Klostergut zu einer mehrtägigen Erholungszeit , wie er seiner Mutter geschrieben hatte . In dem weiten Hausflur , den er nachmittags betrat , hatte die tote Hausfrau die letzte Rast gehalten . Noch war es ihm , als müsse Weihrauchduft das Deckengebälk bläulich verschleiern , und der Geruch der Buchsbaumgirlanden , zwischen denen die schlankhingestreckte Frau mit dem schlichten Flachshaar an den Schläfen so friedsam gelegen , ihm durchdringend entgegengeschlagen . Aber es waren heute nur wirbelnde Stäubchen , die in einem Lichtreflex an der Decke spielten ; aus der offenen Küche quoll der Duft schmorenden Geflügels , und am Milchschanktische stand seine Mutter und zählte Eier in den Korb der Magd , die nach altem Brauch wöchentlich zweimal mit Eiern und frischgeschlagener Butter die Runde bei bevorzugten Stadtkunden machen mußte . Einen Moment erstrahlten die Augen der Majorin wie unbewacht in nicht verhehltem Mutterstolz , als der schöne , hochgewachsene Jüngling auf sie zuschritt ; aber sie hielt in jeder Hand fünf Eier und reichte ihm so behutsam über die Schulter hinweg die Wange zum Kuß . – » Gehe einstweilen hinauf , Felix ! « sagte sie hastig , in der Besorgnis , sich zu verzählen , oder ein Ei zu zerbrechen . Er zog schleunig die Arme zurück , die er um ihre Schultern geschlungen , und stieg die Treppe hinauf . Von der Wohnstube her klang ihm plötzlich Kindergeschrei nach – der neue Erbherr des Klostergutes schrie häßlich und boshaft auf wie eine junge Katze . Dazu krähten die Hähne im Hinterhof , und oben über den Vorsaal schlich der riesige , fette Hauskater . Er kam vom Kornspeicher , von der Mäusejagd und rieb und drückte sich behaglich an der eleganten Fußbekleidung des Heraufsteigenden hin – der junge Mann schleuderte ihn weit von sich und stampfte voll Abscheu mit den attackierten Füßen , als schüttele er Schnee ab . Im Zimmer der Majorin standen die Fenster offen , und die weiche Frühlingsluft strömte herein ; aber nicht sie trug den köstlichen Veilchenduft im Atem , der die ganze Stube erfüllte – er kam aus den offenen Flügeltüren eines Wandschrankes . Wie Silberschein flimmerte es in diesen tiefen Fächern ; so glänzend türmte sich das Leinenzeug aufeinander ; und zwischen diesen Paketen dorrten Tausende von Veilchenleichen . Nie hatte der kleine Knabe der Majorin ein Veilchensträußchen zu seiner Augenweide in ein Glas Wasser stellen dürfen – es stand ja nur im Wege und konnte umgeschüttet werden – wohl aber mußte er die kleinen Kelche zur Verherrlichung der Leinenschätze von den Stielen zupfen . Die weißen Lagen , mit denen die Mutter immer einen förmlichen Kultus getrieben , waren ihm deshalb stets verhaßt gewesen – er warf auch jetzt einen finsteren Blick nach dem Schranke . Die Majorin war augenscheinlich beim Revidieren gestört worden ; auf dem breitbeinigen Ahorntische im Fensterbogen lag noch das Buch , in das sie ihre Notizen zu machen pflegte . Felix kannte diese Hefte voll der verschiedenartigsten Rubriken sehr gut , aber die aufgeschlagene Blattseite hier war ihm neu in ihrer Bezeichnung . » Mitgabe an Hauswäsche für meinen Sohn Felix « stand obenan ... Sein eigener , künftiger Hausstand ! – Er wurde rot wie ein Mädchen bei dieser Vorstellung ... Diese Dutzende von Gedecken , Handtüchern , Bettbezügen reihten sich breit und wichtig aneinander , als seien sie die erste Grundbedingung des künftigen Familienglückes ... Und dieses ernsthafte , langweilige Register sollte in dem übermütigsten , tollsten Lockenkopfe haften , der je auf weißen Mädchenschultern gesessen ? – » O Lucile , wie würdest du lachen ! « flüsterte er und lachte selbst in sich hinein . Mechanisch ließ er die Blätter durch die Finger laufen . Hier , in dieser » Zinseneinnahme « summierten sich Tausende und Tausende . Welcher Reichtum ! Und dabei dieses unbeirrte Sammeln und Sparen , diese Angst , daß mit einem zerschlagenen Ei ein paar Pfennige verloren gehen könnten ! – Der junge Mann stieß das Heft wie im Ekel fort , und mit beiden Händen ungeduldig durch das reiche Blondhaar , fahrend , trat er an das Fenster . Mit seiner vornehmen Erscheinung , dem leisen Hauch feinsten Odeurs , der sie umschwebte , mit den ungesucht eleganten Manieren stand er auch heute so fremd zu dem » alten Falkennest « , wie die seinen Handschuhe , die er lässig abgestreift und hingeworfen , auf den plumpfüßigen , weißen Ahorntisch , die glänzenden Lackstiefel auf den groben , ausgetretenen Dielenboden paßten . Er drückte die Stirn an das Fensterkreuz und sah hinaus . Wie ein Anachronismus steckte das Klosterhaus zwischen den geschmückten Neubauten . Jenseits der Straßenmauer lief jetzt die eleganteste , mit rotblühenden Kastanien besetzte Promenade der Stadt hin . Er schämte sich , daß die seine Welt täglich an dem geflickten Mauerwerk vorüber mußte ; er fühlte sich gedemütigt angesichts des gegenüberliegenden , schloßartigen Hauses , von dessen bronzeumgitterten Balkons man den Hof übersehen konnte , der zwischen dem Klosterhaus und der Mauer lag . Wohl waren es vier herrliche , alte Lindenwipfel , die seine Mitte füllten – sie strotzten auch heuer wieder in maienhaftem Grün , von keinem dorrenden Ästlein entstellt – ,