Herzens , die seine Bekannten an ihm rühmten ; sie hatte ihn wie schon so oft , hingerissen , Verpflichtungen auf sich zu nehmen , die ihn in Unannehmlichkeiten verwickelten . Wäre er doch zu Hause geblieben , zu Hause in seinem köstlich behaglichen Salon , am Whisttisch in unverkümmerter Gemüthsruhe seine Cigarre rauchend ! Sein böser Dämon mußte ihm zugeflüstert haben , die Rolle des aufopfernden Pflegers zu spielen ; nun stand er inmitten der haarsträubendsten Situation , und seine vor Ekel und Grauen immer wieder zurückschreckenden Hände netzten sich mit dem Blute des Elenden , der ihn eben um ein Haar erwürgt hätte . Wie bleiern träge Minute um Minute hinschlich ! Jetzt war sich der Schloßmüller augenscheinlich bewußt , in welche Gefahr er sich gebracht hatte ; er rührte sich nicht , und nur seine Augen richteten sich in angstvoller Spannung auf die Thür , wenn draußen auf dem Vorsaale Schritte erklangen ; er hoffte auf Rettung durch den Arzt , während der Kommerzienrat schaudernd die Veränderung in seinem Gesichte verfolgte . So aschfarben malt nur die Hand des Todes . Jungfer Suse hatte die Lampe hereingebracht ; sie war wiederholt vor das Thor gelaufen , um nach Doktor Bruck auszuschauen , und nun stand sie zu Häupten des Bettes und schüttelte sich stumm vor Entsetzen bei dem Anblicke , den das weiße Lampenlicht schreckhaft hervortreten ließ . Wenige Minuten darauf sanken die Augen des Schloßmüllers zu , und der Schlüssel , den er bis dahin krampfhaft festgehalten , fiel auf die Bettdecke ; eine Ohnmacht trat ein . Unwillkürlich griff der Kommerzienrat nach dem Schlüssel , um ihn wegzulegen , aber in den Moment , wo er das verhängnißvolle Stückchen Eisen mit den Fingern berührte , kam ihm ein Gedanke , der ihn traf , wie ein unvermuteter Schlag : welche Physiognomie erhielt wohl der unglückselige Vorfall in den Augen der Welt ? Er kannte es nur zu gut , das zischelnde , flüsternde Weib , die Lästersucht ; sie schlich ja auch durch seine Salons , und das starke Geschlecht am Spieltische amüsierte sich genau mit demselben Behagen bei ihren versteckten , boshaften Fingerzeigen , ihrem zweideutigen Lächeln , wie die theetrinkenden Damen . Und wenn nur ein Einziger achselzuckend mit bedenklichem Augenzwinkern sagte : „ Ei , was hatte denn auch der Kommerzienrat Römer im Geldschranke des Schloßmüllers zu suchen ? “ so genügte das , um sein Blut sieden zu machen . Es blieb aber nicht bei diesem Einzigen ; er hatte Feinde und Widersacher genug , wie Alle , die das Glück bevorzugt ; er wußte , daß man sich morgen in der Stadt erzählen werde , die Operation sei gelungen gewesen , aber die Aufregung darüber , daß der Pfleger heimlich über seinen Geldschrank gegangen , habe eine Verblutung des Patienten herbeigeführt . Und da war ein schmutziges Mal auf dem Namen des beneideten Römer , das selbst keine gerichtliche Untersuchung wegwaschen konnte ; wo waren denn die entlastenden Zeugen ? Etwa seine bisher anerkannte Ehrenhaftigkeit ? Er lachte bitter in sich hinein , während er sich den Schweiß von der Stirn wischte . Niemand wußte besser als er , daß sich die Mitwelt in nichts rascher findet , als eine anerkannte Ehrenhaftigkeit für Schein zu halten , sobald der Schein gegen sie auftritt . Er bückte sich über den Ohnmächtigen , dem Jungfer Susanne die Schläfe mit Essenzen wusch , und beobachtete ihn plötzlich mit verändertem Blicke ; wenn dieser Mann da nicht selbst so viel Kraft wieder erlangte , um den Vorgang zu erzählen , dann wurde das Ereigniß mit ihm begraben – über die Lippen des Anderen kam kein Wort . Endlich schlugen draußen die Hofhunde an , und rasche Schritte kamen über das Steinpflaster und die Treppe herauf . Doktor Bruck blieb einen Moment wie versteinert in der Stubenthüre stehen , dann legte er schweigend seinen Hut auf den Tisch und trat an das Bett . Welche athemlose Stille bei einem solchen Erscheinen ! Sie breitet gleichsam die Schwingen aus , um feierlich den Ausspruch über Leben und Tod zu empfangen . „ Wenn er doch nur erst wieder zu sich käme , Herr Doktor ! “ flüsterte endlich die Haushälterin beklommen . „ Das wird er schwerlich , “ versetzte Doktor Bruck von seiner Untersuchung aufblickend – jede Spur von Farbe war aus seinem Gesicht gewichen . „ Mäßigen Sie sich ! “ gebot er ernst , als Jungfer Suse in ein Klagelied ausbrechen wollte . „ Sagen Sie mir lieber , weshalb der Kranke das Bett verlassen hat ! “ Er hatte die Lampe vom Tisch genommen und beleuchtete den Fußboden – die Dielen vor dem Bette waren mit Blut bespritzt . „ Das rührt von den vollgesogenen Tüchern her , “ erklärte der Kommerzienrat mit blassem Gesicht , aber großer Bestimmtheit , während die Haushälterin heilig und theuer versicherte , daß der Schloßmüller bei ihrem Wiedereintreten noch genau so im Bett gelegen , wie es der Herr Doktor angeordnet habe . Doktor Bruck schüttelte den Kopf . „ Die Blutung ist nicht ohne alle äußere Veranlassung eingetreten ; es muß eine heftige Erschütterung eingewirkt haben – “ „ Daß ich nicht wüßte – ich versichere Dir , nein ! “ sagte der Kommerzienrat , ziemlich fest dem ausdrucksvollen Blick des Arztes begegnend . „ Uebrigens , was soll dieser Inquisitorenblick ? Ich sehe nicht ein , weshalb ich es Dir verheimlichen sollte , wenn der Kranke wirklich in einem Fieberanfall aus dem Bette gesprungen wäre . “ Er bliebe unbeirrt auf dem Wege , den er eingeschlagen . Fast wollte es ihm die Kehle zusammenschnüren bei seinen letzten Worten . Um den äußeren Ehrenschein zu retten , gab er die wahre innere Ehre hin – er leugnete mit eherner Stirne , aber er war ja auch in Wirklichkeit ohne alle Schuld ; er war der an Leben und Gesundheit Schwerbedrohte gewesen . Nicht ein einziges Motiv lag nahe , welches das Bekennen des wahren