: „ Was der da drüben wohl dazu sagen wird ! “ Die Zänkereien wurden immer heftiger und erbitterter und die Versöhnungsmomente seltener und kürzer . Es geschah auch wohl , daß beide Männer im leidenschaftlichen Wortwechsel beim Mittagstisch aufsprangen . Dann schlug der leicht aufbrausende Erich , die bleichen , entsetzten Gesichter der Frauen und Kinder nicht beachtend , mit der Faust auf den Tisch , daß Teller und Gläser klirrten , und stürzte zornsprühend aus dem Pavillon … Der Schatten der ausgestoßenen Eintracht irrte noch eine Zeitlang wehklagend durch den Garten und entfloh dann für immer … Es ereignete sich nämlich , daß ein entfernter Verwandter von Hubert ’ s Frau starb ; sie war Universalerbin . Nebst vielen Capitalien und Kostbarkeiten fiel ihr auch ein Oelbild zu , ein herrlicher van Dyk . Sie machte es ihrem Mann zum Geschenk , der es stolz und frohlockend seiner Sammlung einreihte . Aber gerade diese Sammlung war der Zankapfel zwischen den beiden Vettern ; ihre Zusammenstellung zeigte von keinem besonderen Kennerblick , es war viel Spreu darunter . Diese Schwächen hob Erich , der selbst nicht übel malte , stets mit bitterem Hohn hervor ; seine Sammlung verriet freilich ein feines , kritisches Auge . Nun aber stürzte sein Triumph zusammen wie ein Kartenhaus , als da drüben unter den so oft angefochtenen Copieen plötzlich das kostbare Original erschien ; er selbst besaß keinen van Dyk . Mit erblichenem Gesicht – Hubert behauptete stets , es sei von Wuth und Ingrimm verzerrt gewesen – stand er vor dem Bilde ; all ’ sein Forschen und Prüfen führte immer wieder zu der schmerzlichen Ueberzeugung , daß es echt sei . Mit verdunkeltem Auge sah er Freunde und Bekannte in das Haus da drüben strömen , Jeder wollte das wunderholde Mädchenantlitz sehen , das die längst erstarrte Meisterhand auf die Leinwand gezaubert hatte . Er aß und schlief nicht mehr . Jede Begegnung mit dem Vetter , der stets von dem Bild zu reden anfing , versetzte ihn in fieberhafte Aufregung ; er floh zuletzt scheu seinen Anblick , es war ihm unmöglich , jenem Auge zu begegnen , aus welchem der Triumph glänzte … Eines Morgens scholl ein Schrei des Schreckens und der Erbitterung durch Hubert ’ s Haus . Da , wo noch gestern zwei süße Mädchenaugen gestrahlt hatten , starrte jetzt die leere Wandfläche hernieder – das Bild war verschwunden . Hubert war außer sich . Er schwur darauf , daß sein Kleinod sich nur um ein Haus weiter verirrt habe , und forderte es geradezu von Erich zurück . Es kam zwischen den beiden Männern zu einem fürchterlichen Auftritt , der nun auch die Leidenschaft in den weiblichen Gemütern aufrüttelte . Noch nie hatte die Furie der Zwietracht so fessellos durch die zwei Häuser getobt , als in dieser unheilvollen Stunde . Die Streitenden stoben , nachdem von beiden Seiten entsetzliche Worte gefallen waren , auseinander . Zum letzten Mal für dieses Leben , und zwar in einem zornfunkelnden Blick , begegneten sich die Augen , klangen in gegenseitigen Schmähungen die Stimmen aneinander … Noch an demselben Tage erschienen Arbeiter in der Allee ; sie rammten genau in der Mitte derselben Pfähle in die Erde ein , die Kastanienbäume fielen unter der Axt ; es wurden Sträucher dicht aneinander gepflanzt , und von diesem Moment an liefen die Kinder von beiden Seiten täglich mit der Gießkanne herzu und gossen fleißig und beharrlich , damit die Reiser wachsen sollten , „ wachsen bis in den Himmel , “ meinten sie . So entstand die grüne Hecke , und wie sie ihre Wurzeln tief in die Erde senkte und droben ausschlug und trieb , so klammerte sich der Haß um die Herzen der Kinder und wuchs mit ihnen . Es änderte auch nichts an diesem unnatürlichen Verhältniß , als Erich wenige Jahre nach jenen Vorfällen , vom Schlag getroffen , plötzlich starb . Seine Witwe , die ihn leidenschaftlich geliebt hatte , sah man nach seinem Tode nie wieder lächeln . Mit der tiefsten Erbitterung gedachte sie stets „ Derer da drüben “ , die seine letzten Lebensjahre umdüstert und seine Ehrenhaftigkeit mit einem Makel zu behaften gesucht hatten . Noch im hohen Alter war diese Wunde nicht verharscht ; ihre Augen , die längst keine Thränen mehr hatten , sprühten unversöhnlichen Haß , wenn sie ihrem einzigen Enkelkind – das war Tante Bärbchen – die Unglücksgeschichte immer und immer wieder erzählte . Das Kind lernte schon mit seinen ersten Gedanken das „ Drüben hinter der Hecke “ fürchten , und daß auch dort der Haß im Atem blieb und forterbte , davon erhielt die Kleine eines Tages einen eclatanten Beweis . Auch Hubert hatte Enkel ; sie wurden vornehm erzogen und hatten eine französische Gouvernante . Der Lärm der spielenden Kinder scholl hinüber in den stillen Garten , wo das einsame Bärbchen seine Puppen herzte , oder den Schmetterlingen nachlief , selbst bis an den gefürchteten Gartenzaun , über den sie , zu des Kindes Erstaunen , sorglos hinflogen . Dann verweilte sie auch wohl einen Augenblick und horchte verwundert den fremdklingenden Lauten , in denen sich die Kinder unterhielten . Einmal stand sie auch da und lauschte . Da rauschte es über ihr ; die oberen Zweige der Hecke bogen sich auseinander , und ein trotziges Knabengesicht , aus dem zwei dunkle Augen übermütig auf sie niederfunkelten , drängte sich durch das Grün . Er starrte die erschrockene Kleine einen Augenblick an , dann schnitt er eine abscheuliche Grimasse . „ Ach , bist Du ein häßliches Mädchen ! “ rief er . „ Hast ja nur einen Arm ! Das ist Gottes Gericht , sagt meine Großmama immer … Ihr habt ja doch das Bild drüben … Bilderdieb , Bilderdieb ! “ Tante Bärbchen errötete noch in ihren alten Tagen , wenn sie daran dachte , daß sie in jenem Augenblick zornig einen Stein aufgehoben und ihn nach dem Knabenkopf geschleudert hatte , der hohnlachend ,