was für wunderliche Sprünge machen die Gedanken ! « – Er befand sich plötzlich wieder mitten in der Gegenwart . Noch vor kaum vier Wochen war er unter dem schönen Tor dahingegangen , ohne zu ahnen , daß er diesen Kollegen in Norddeutschland so bald schon begrüßen würde . – Gleich einem Blitze aus heiterem Himmel war diese Erbschaft gekommen , die ihn zum Besitzer von Niendorf machte . – Wie der alte Bruder seines Großvaters darauf verfallen war , gerade ihn aus der ganzen zahlreichen Verwandtschaft zum Erben einzusetzen , es blieb fast ein Rätsel und ließ sich nur auf die besondere Zuneigung zu der Mutter des jungen Mannes zurückführen , die der alte Sonderling immer bevorzugt hatte . Es war ihm aber beim Empfange der Nachricht gewesen , als falle ein goldener Regen in seinen Schoß . Es lebt sich schlecht in einer Millionenstadt mit dem Einkommen eines Assessors . Und dann – er hatte in dem glänzenden verwirrenden Leben dort eine Herzenswunde empfangen , und die Narbe brannte zuweilen noch . Das war , wenn an ihm eine elegante Equipage vorübersauste – schwarz 18 die Pferde , schwarz mit Silber die Livreen und im mattgrauen Fond eine Frauengestalt , dunkle Straußfedern über dem marmorweißen Gesicht , goldigbraun der üppige Haarknoten im Nacken , und ach ! so fremd ihn anblickend aus den großen , blauen Augen . – Er war dann verstimmt auf Tage nach solchem Begegnen . » Eine Modepuppe , ein herzloses Weib « , nannte er sie bitter ; aber er hatte doch einmal das Gegenteil geglaubt , ein ganzes Jahr lang , bis er eines Morgens ihre Verlobungsanzeige in der Hand hielt . Sie heiratete einen Bankier , einen kleinen , dicken Bankier , der ihr oft als Zielscheibe des Spottes gedient hatte . Aber , mein Gott – er hatte eine Million ! Ja , wie gern war er aus ihrer Nähe gegangen , wie hatte er sich gefreut , das ganze Getriebe der großen Welt im Rücken zu haben , wie selig hatte er an die Mutter geschrieben – und was hatte er gefunden ? Aber gleichviel ! Der Verwalter , den er vorläufig angenommen hatte , schien ein tüchtiger Mensch zu sein . Er selbst wollte sich in keiner Hinsicht schonen , und dann – Wolff . Er verstand wieder nicht , was Weishaupt an dem Manne auszusetzen fand . Er wanderte schon längst durch belebte Gassen der Stadt . Er hatte nach dem Hotel gefragt , in dem sein Kutscher ausspannen wollte . Nun betrat er den Markt , in dessen Mitte der Roland steht . Ein 19 stattliches Rathaus im Renaissancestil erhob sich im Westen des Platzes , und ihm schlossen sich würdig hohe , spitzgieblige Patrizierhäuser an : einige mit Erker geschmückt , einige stufenartig nach oben hinausgebaut , daß es aussah , als müßten sie das Übergewicht bekommen . Nur zwei bis drei Gebäude waren neueren Ursprungs , und auch bei diesen hatte man sich augenscheinlich bemüht , den mittelalterlichen Charakter festzuhalten . Angenehm überrascht blieb Linden stehen , und sein Blick flog musternd über die Front des hohen Gebäudes , vor dem er zufällig haltgemacht hatte . Drei mächtige Stockwerke türmten sich aufeinander . Über der großen , spitzbogigen Haustür erhob sich ein zierlicher Erkerbau , der sich durch alle Etagen fortsetzte , um als stattlicher Turm sein Haupt , mit einer Windfahne geschmückt , in den blauen Oktoberhimmel zu erheben . In der Beletage zeigten die durch Säulen geteilten Erkerfenster altertümliche Butzenscheiben , jedenfalls war man dort » stilvoll « eingerichtet . Im zweiten Stock aber schimmerten reiche Spitzengardinen hinter klaren hohen Glasscheiben , und ein Flor von Fuchsien und Nelken grüßte und nickte von den außen angebrachten Blumenbrettern herunter . Nur noch ein holdes Mädchenantlitz darüber , und das lieblichste Bild wäre gegeben . Aber es zeigte sich nichts dergleichen und noch einen Blick auf das kunstvolle Eisengeländer der 20 Treppe werfend , wandte sich der aufmerksame Beschauer ab und schritt quer über den Markt dem Hotel zu , um Mittag zu speisen . Da es schon eine späte Stunde , war er der einzige Gast in dem hübschen großen Speisesaal . So aß er ziemlich rasch und begann von neuem die Straßen der Stadt zu durchwandern . Hinter dem Rathause kam er in ein Gewirr von engen und engsten Gäßchen , trat dann aber unter einem gewölbten Bogen unversehens hervor auf einen Platz , umstanden von hohen , halbentblätterten Lindenbäumen , die ernst und feierlich eine mächtige Kirche zu bewachen schienen . Es war , als ob hier alles Leben erstorben sei , nur einige Kinder spielten zwischen dem welken Laub , und eine alte Frau humpelte nach einem sonnigen Eckchen , sonst tiefste Ruhe ringsumher . Eine Seitentür der Kirche stand geöffnet . Er ging hinüber und trat in die schweigende Dämmerung des Gotteshauses . Er nahm den Hut ab und betrachtete , überrascht von der edlen Einfachheit dieses Baues , die schlanken , doch kraftvoll aufstrebenden Pfeiler und das reiche Netzgewölbe des Chores . Dann schritt er den Mittelgang empor , zwischen den altersbraunen , kunstvoll geschnitzten Kirchenstühlen . Er freute sich darüber , er besaß lebhaftes Interesse für die schönen Formen der Renaissance , und er freute sich doppelt , weil er Ähnliches hier nicht gesucht hatte . Dann hielt er 21 plötzlich seine hallenden Schritte an – dort am Taufstein , über welchem mit ausgebreiteten Flügeln die weiße Taube schwebte , erblickte er drei Frauen . Zwei von ihnen schienen geringen Standes , die ältere , vermutlich die Hebamme , hielt den Täufling in beständig schaukelnder Bewegung . Die andere , im einfachen schwarzen Wollkleid und Umschlagetuch , ein junges Weib , schaute mit verweinten Augen auf das Kind . Eine dritte hatte sich zu dem Kleinen herniedergebeugt . Der Kirchendiener , der eben das Wasser in das Taufbecken goß , verdeckte sie augenblicklich völlig , und Linden sah nur die Schleppe eines dunklen seidenen Kleides auf dem